Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

FLUGVERKEHR: «Wir werden jetzt ein Hauen und Stechen zwischen den Airlines erleben»

Nach dem Aus von Air Berlin werde der Wettbewerb unter den Fluggesellschaften in Europa härter, sagt der deutsche Airline-Berater Gerd Pontius. Für die Passagiere dürfte dies aber kein Nachteil sein. Im Gegenteil.
Dominik Buholzer
Ein Verkehrsflugzeug vom Typ Airbus A 330 der Fluggesellschaft Air Berlin. (Bild: VOLKER HARTMANN (AP dapd))

Ein Verkehrsflugzeug vom Typ Airbus A 330 der Fluggesellschaft Air Berlin. (Bild: VOLKER HARTMANN (AP dapd))

Interview: Dominik Buholzer

Herr Pontius, Air Berlin musste diese Woche Insolvenz anmelden. Wirklich über­raschend kommt dies nicht, aber der Zeitpunkt?

Für die Betroffenen mag das Ende überraschend schnell gekommen sein. Letzten Endes zeichnete es sich aber seit April ab, seit Hauptaktionär Etihad sein Management auswechselte und seine bisherige Strategie über Bord warf.

Hinter den Kulissen fanden in den vergangenen Wochen Verhandlungen zwischen Lufthansa und Etihad statt – ohne Ergebnis. Hat Etihad zu hoch gepokert?

Die Zeit des Pokerns mit Etihad ist vorbei. Ethiad hat sich unlängst von der Strategie, durch Zukäufe von maroden Airlines zu wachsen, verabschiedet und stösst seine entsprechenden Anteile konsequent ab. Dies haben wir vor Monaten bereits in der Schweiz mit Etihad Regional, der ehemaligen Darwin Airline, erlebt und zuletzt auch bei Alitalia.

Also haben Sie Verständnis für das Vorgehen der Araber?

Durchaus. Der Strategiewechsel war überfällig. Etihad hat in den vergangenen Jahren dreistellige Millionenbeträge in Air Berlin investiert, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen. Dass sie nun aussteigen, kann man ihnen beim besten Willen nicht zum Vorwurf machen. Man muss vielmehr ihre Geduld bewundern, die sie in den vergangenen Jahren hatten.

Mit Lufthansa, Easyjet und Condor von Thomas Cook sind gleich drei Airlines an ­Air Berlin interessiert. Wer wird das Rennen machen ?

Die entscheidende Frage ist, welche Geschäftsfelder für welche Airline Sinn ergeben. Air Berlin ist ein grosser Flickenteppich. Das war ja auch das grosse Problem der Fluggesellschaft. Wir haben da alles Mögliche von Lang- bis zu Tourismusfliegern.

Für Lufthansa ist die Ausgangslage ideal, da sie nun relativ günstig zu neuen Fliegern kommt, um ihre Billig-Airline Eurowings zu forcieren.

Lufthansa hat sich hier schon früh positioniert. Aber da gibt es noch das Kartellrecht, welches ihr einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Wie die Vergangenheit uns lehrt, ist dies ein ganz sensibler Bereich. So wurde einst aus Angst vor einer noch stärkeren Dominanz im Ferienflug der Air Berlin die Übernahme von Condor verboten.

Von der Börse wird Lufthansa bereits als grosse Gewinnerin des Konkurses von Air Berlin gefeiert. Zu früh?

Mit Air Berlin hat Lufthansa einen Konkurrenten weniger. Aber ob sie damit wirklich langfristig die grosse Gewinnerin dieser Entwicklung ist, werden wir erst in zwei, drei Jahren beurteilen können.

Wieso?

Weil Lufthansa jetzt im Kampf gegen die Low-Cost-Airlines in Deutschland niemand mehr an ihrer Seite hat.

Wird Lufthansa Federn lassen müssen?

Das werden wir sehen. Der Wettbewerb wird auf jeden Fall härter. Norwegian, Easyjet, Wizzair und Ryanair werden jetzt noch stärker versuchen, sich neue Märkte in Zentraleuropa und vor allem in Deutschland zu erschliessen.

Dass der Ton rauer geworden ist, konnten wir bereits in den vergangenen Tagen feststellen. Ryanair wittert hinter der Rettung von Air Berlin ein Komplott und hat gegen die mögliche Übernahme durch Lufthansa schon mal Beschwerde eingereicht.

Das ist das, was ich angesprochen habe: Wir werden jetzt ein Hauen und Stechen zwischen den Airlines erleben.

Sind denn die Vorwürfe von Ryanair so abwegig?

Der Vorwurf ist durchaus nachvollziehbar. Ryanair wollte die Schwäche der Air Berlin nutzen, um selber in die entstehenden Lücken zu stossen. Nun wird deutlich, dass es offensichtlich ein gemeinsames Handeln der Lufthansa, der Air Berlin und der deutschen Politik gibt, bei dem Ryanair sich ausgebootet fühlt.

Welche Folgen hat der Fall von Air Berlin für die Swiss?

Man kann davon ausgehen, dass die Veränderungen am deutschen Flugmarkt auch auf die Schweiz ausstrahlen werden. Die europäischen Wachstumsstra­tegien von Airlines wie Easyjet, Ryanair und Co., aber auch Eurowings machen nicht an der deutschen Grenze Halt. Somit wird über kurz oder lang auch der Wettbewerb für die Swiss rauer werden. Wir Passagiere können dagegen auf längere Sicht auf ­tiefere Flugpreise hoffen.

Noch vor kurzem haben Lufthansa und Co. gegen die immer stärker werdenden arabischen Airlines gekämpft. Im Fall von Air Berlin ist ein Golf-Carrier auf die Finanzbremse gestanden. Erleben wir eine Wende?

Eine Wende ja, aber weniger wegen des Geldes. Bei Etihad er­leben wir generell einen signifikanten Strategiewechsel, da die Shareholder erkannt haben, dass der bisherige Weg keinen Erfolg bringt.

Vor Herausforderungen stehen aber auch Qatar Airways und Emirates.

Das stimmt. Aber bei Qatar Airways sind es primär regionalpolitische Gründe, und Emirates ist mit seinem stürmischen Wachstum und auch aufgrund seiner gewaltigen A380-Flotten an Wachstumsgrenzen gestossen.

Wer hat die besseren Karten?

Alle arabischen Airlines vermochten volkswirtschaftliche Impulse in ihren Ländern auszulösen. Deswegen haben sie auch eine Zukunft. Die Frage ist nur, wie gross ihre Rolle sein wird. Vor allem Emirates wird auf Dauer ein Schwergewicht bleiben. An der Airline wird man auch in Zukunft nicht vorbeikommen. Bei den anderen Golfcarriern müssen wir abwarten, in welche Richtung sie sich entwickeln.

Hinweis

Gerd Pontius ist Gründer und Vorstand der Unternehmensberatung Prologis AG aus Hamburg. Die Firma unterstützt weltweit Airlines bei der Konzeption und Umsetzung von Strategien, Prozessen und Systemen. Zu den über 50 Airlines-Kunden von Prologis gehören unter anderem: ­Ryanair, Nikki, KLM, Norwegian, British Airways und TUI.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.