FORSCHUNG: «Innovation geht nicht alleine»

Das CSEM will die Lücke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft schliessen. Direktor Philippe Steiert sagt, warum die Schweiz dazu verdammt ist, innovativ zu sein.

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Hat mit seiner Firma Sensoren für Flugzeuge entwickelt, die extremen Temperaturen standhalten: CSEM-Direktor Philippe Steiert. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Hat mit seiner Firma Sensoren für Flugzeuge entwickelt, die extremen Temperaturen standhalten: CSEM-Direktor Philippe Steiert. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Philippe Steiert, Sie gelten als hartnäckig, wenn es um das Thema Innovation geht. Was ist Ihr Antrieb, täglich neue Technik zu entwickeln?

Philippe Steiert: Ich bin von Natur aus sehr neugierig. Mich faszinieren dabei besonders neue Technologien. Für mich ist es immer wieder faszinierend, direkt dabei zu sein, wenn diese neuen Ideen in die Realität umgesetzt werden.

Was ist das CSEM genau?

Steiert: Eine Innovation kann selten im Alleingang verwirklicht werden. Man braucht ein Team mit verschiedenen Partnern und Ausdauer, um auch Durststrecken finanzieller und technischer Art zu überstehen. Das CSEM (Centre Suisse d’Electronique et de Microtechnique) betreibt Forschungs- und Entwicklungszentren, in denen wir sogenannte Technologieplattformen aufbauen. Auf diesen Plattformen, in denen Wissen aus Universitäten oder Hochschulen und aus der Wirtschaft zusammengeführt werden, entwickeln wir für Firmen innovative Produkte und Prozesse. Wir sind gewissermassen ein Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Industrie.

Sie arbeiten zusammen mit Firmen aus der Region wie Roche, Schindler, Leister, Schurter oder Maxon Motor. Auch viele KMU bekommen Unterstützung. In welchen Produkten sind Ihre Innovationen zu finden?

Steiert: Wie Sie schon auf dieser Kundenliste sehen, findet die Mikrotechnologie Anwendungen in ganz verschiedenen Märkten. Auf vielen Produkten könnte ein «CSEM Inside» stehen. Aber sichtbar sind diese Entwicklungen für den Endverbraucher oftmals nicht. Manche Kunden kommunizieren das auch so, andere bevorzugen Diskretion. Für uns ist das kein Problem. Wir sind zufrieden, wenn Firmen mit unserer Leistung erfolgreich sind.

Sie haben zum Beispiel für Andy Rihs die Notfall-Uhr Limmex entwickelt.

Steiert: Andy Rihs ist mit der Idee zu uns gekommen, und wir haben ihm dabei geholfen, die Notruf-Funktion durch den Einsatz von Mikrotechnologien in die Uhr zu integrieren und serienreif zu machen. Jetzt wird sie in grossen Stückzahlen verkauft und ist ein grosser Erfolg für die Firma Limmex. Das freut uns sehr.

Auch für Airbus sind Sie aktiv?

Steiert: Ja wir arbeiten direkt mit Airbus und auch mit Zulieferfirmen zusammen. So haben wir zum Beispiel Sensoren entwickelt, die unter extremen Temperaturen bis zu minus 70 Grad zuverlässig funktionieren müssen. Hier braucht es spezielle Lösungen. Diese Sensorik wird in der Wartung der Bremsanlage von Flugzeugen genutzt. Durch diese Lösung spart der Kunde Zeit und Geld beim Check vor dem Abflug.

Sind heute Schweizer Firmen mehr denn je gezwungen, innovativ zu sein?

Steiert: Die Schweizer Wirtschaft ist quasi verdammt dazu, innovativ zu sein. Technische Innovationen sind der Wachstumsmotor für die Wirtschaft. Wir liegen als Schweizer, was die Innovationskraft angeht, weltweit in der Spitzengruppe. Die Aufrechterhaltung dieses Wettbewerbsvorteils wird aber für unser Land in Zukunft entscheidend sein. Dafür müssen wir unsere Ressourcen ausschöpfen. Eine Möglichkeit besteht darin, die Resultate der Schweizer Forschungslandschaft für die Industrie besser auszunutzen.

Warum ist der Innovationsdruck für die Unternehmen überhaupt so hoch?

Steiert: Nicht nur die Produktionskosten sind in der Schweiz sehr hoch. Auch der starke Franken ist ein Problem. Zudem wird Technologie immer komplexer und veraltet heute in sehr kurzer Zeit. Eine Firma kann kaum noch alleine den Überblick über die verschiedenen technischen Innovationen behalten. Es braucht daher ein Netzwerk von Partnern, die multidisziplinär zusammenarbeiten. Qualität ist dabei nicht mehr das Alleinstellungsmerkmal Nummer 1. Ziel muss es sein, Produkte herzustellen, die einen hohen Innovationsgrad und eine Differenzierung gegenüber dem Wettbewerber erreichen.

Wie steht es um die Wettbewerbsfähigkeit der Zentralschweizer Kantone?

Steiert: Die Zentralschweiz bietet sehr gute Rahmenbedingungen für Innovationen. Hier gibt es niedrige Steuern und qualifizierte Mitarbeiter, die meisten bleiben auch wegen der hohen Lebensqualität gerne in der Region. Die Nähe zu guten Ausbildungsstellen wie die ETH Zürich und die Hochschule Luzern ist ein weiterer wichtiger Faktor. Auch der Kontakt zu Behörden ist wegen der kurzen Wege in der Zentralschweiz einfacher herzustellen.

Wie können Behörden Innovation besser fördern?

Steiert: Der Aufbau unserer Technologieplattformen in Alpnach finanziert sich unter anderem auch über Mittel, die von den Zentralschweizer Kantonen kommen. Das ist gut so. Ich begrüsse, dass die Zentralschweizer Kantone in punkto Förderung der Innovation grenzübergreifend handeln. Die Kantone bekräftigen ihre Unterstützung in einem Konkordat. Die Förderung von Innovation erfordert aber auch in der Zukunft Anstrengungen der Region Zentralschweiz.

Können sich Firmen einfach bei Ihnen melden, wenn sie Probleme gelöst bekommen wollen?

Steiert: Auf jeden Fall. Für uns ist es wichtig zu erfahren, welche Anliegen die Industrie hat. Unsere Türen stehen immer offen.