Fragen und Antworten
20 Milliarden Dollar sind futsch: «Die Hedgefonds hätten es besser wissen müssen», sagt Banker Oswald Grübel

Der Ex-Chef von UBS und Credit Suisse und weitere Experten erklären die Hintergründe des Spekulations-Hypes im amerikanischen Aktienmarkt.

Daniel Zulauf und Andreas Möckli
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Gamestop ist eine Firma, die mit gebrauchten Videogames vorwiegend in Filialen in den USA handelt.

Gamestop ist eine Firma, die mit gebrauchten Videogames vorwiegend in Filialen in den USA handelt.

Tannen Maury / EPA

Im US-Aktienmarkt ist ein Börsenhype im Gang, wie er in dieser extremen Form nur selten zu beobachten ist. Dabei missachten sowohl die kaufenden Kleinanleger als auch die bedrängten Hedgefonds-Profis grundlegende Prinzipien einer vernünftigen Geldanlage. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.

Warum haben sich die Kleinanleger ausgerechnet auf Gamestop gestürzt?

Bankerlegende Oswald Grübel hat eine klare Meinung: «Gamestop ist eine Firma, die mit neuen und gebrauchten Videogames vorwiegend in Filialen in den USA handelt. Das Geschäftsmodell des Unternehmens hat im Online-Zeitalter keine Zukunft mehr.» Deshalb haben viele Hedgefonds die Gamestop-Aktien leerverkauft und so auf sinkende Kurse gewettet.

Wie funktionieren diese Leerverkäufe überhaupt?

Die Hedgefonds borgen sich Aktien, mit der Verpflichtung einen gewissen Zins zu zahlen und die geborgten Titel auf einen bestimmten Termin wieder zurückzugeben. Dummerweise hätten die Hedgefonds soviel Aktien leerverkauft, dass es keine mehr zu borgen gegeben habe, erklärt Grübel. Kleinanleger, die über Gratisbroker wie zum Beispiel Robinhood handeln, hätten dies erkannt und sich in einer konzertierten Aktion sogleich auf die Gamestop-Aktien gestürzt. Ihre Absicht: Wenn der Kurs genügend stark steigt, werden die Hedgefonds gezwungen, ihre Leerverkäufe zu decken, indem sie ebenfalls Aktien von Gamestop kaufen. Nur so können sie ihre Verluste begrenzen.

Was ist herausgekommen?

Oswald Grübel, früherer Chef der Grossbanken UBS und Credit Suisse.

Oswald Grübel, früherer Chef der Grossbanken UBS und Credit Suisse.

Severin Bigler

Bis jetzt hat die ganze Aktion die Hedgefonds rund 20 Milliarden Dollar gekostet - «zurecht», findet Oswald Grübel, «denn sie hätten es besser wissen müssen und nicht so viele Aktien shorten sollen». Vorläufige Gewinner sind die Kleinanleger. Die Aktie von Gamestop ist von rund 10 Dollar auf weit über 300 Dollar hochgeschnellt. Auch für die Broker blieb die Aktion nicht ohne Folgen. Robinhood musste eine Milliarde Dollar neues Kapital sowie einen Kredit von 600 Millionen Dollar aufnehmen und den Handel mit Gamestop-Aktien zeitweise einstellen.

Warum braucht Robinhood mehr Kapital?

Die unter sehr grossen Volumen abgewickelten Gamestop-Spekulationen führten zu Problemen bei der Erfüllung der zwischen Käufern und Verkäufern vertraglich vereinbarten Transaktionen, sagt Grübel. «Das alles hat aber nichts mit der Firma Gamestop zu tun. Der Kursanstieg ist allein der speziellen Situation mit den vielen leerverkauften Aktien geschuldet», erklärt er.

Sind die Vorgänge einzigartig?

Es gibt andere Beispiele, wenn auch nicht derart spektakuläre. Thomas Stucki, Investmentchef der St. Galler Kantonalbank, zitiert ein Beispiel vom April des vergangenen Jahres aus dem US-Erdölmarkt: Viele Investoren hatten damals auf steigende Erdölpreise gesetzt und sind dabei Lieferverpflichtungen eingegangen, ohne dass sie in der Lage waren, das Erdöl am Verfalltermin des Kontraktes physisch zu liefern. Also mussten sie am Tag vor dem Verfall ihre Kontrakte zu jedem Preis verkaufen. Die Folge war ein Erdölpreis von Minus 37 Dollar pro Fass.

Sollten Leerverkäufe von Aktien verboten werden?

Diese Frage wurde schon in der Finanzkrise 2010 heiss diskutiert. Damals hatte zum Beispiel die deutsche Finanzmarktaufsichtsbehörde Leerverkäufe auf verschiedene Bank- und Finanzaktien verboten. «Solche Verbote sind dumm», sagt Grübel. «Denn mit solchen Eingriffen lassen sich die Märkte nicht beruhigen und die starken Preisbewegungen nicht dämpfen. Wenn alle nur Kaufpositionen haben, heisst das auch, dass eines Tages alle Verkäufer sind und die Aktien ins Bodenlose fallen», sagt Grübel. Nur die europäischen Bürokraten wollten das, weil sie die Börsen kontrollieren wollten und im Extremfall schliessen wollten.

Sollten die Kleinanleger vor ihrem eigenen Mut geschützt werden?

In den USA wird dieses Argument gerade jetzt ausgerechnet von den Hedgefonds-Milliardären ins Spiel gebracht. Unter dem Titel des Anlegerschutzes wollen diese die Politiker dazu bringen, dass sie solche Aktionen von Kleinspekulanten verbieten. «Aber das ist Quatsch und eine Bevormundung der Kleinanleger, als wüssten sie nicht was sie tun», sagt Grübel. Dabei ist es ganz einfach: «Die Milliardäre verlieren nicht gerne, deshalb sind sie Milliardäre.»

Was kommt nach Gamestop?

In der aktuell aufgeheizten Stimmung suchen die Kleinanleger neue Objekte, mit denen sich der Gamestop-Coup wiederholen lässt. Im Vordergrund steht das Edelmetall Silber. Im mittlerweile berüchtigten Reddit-Chatroom «r/wallstreetbets» begannen sich die Nutzer gegenseitig anzustacheln, um in den grössten Silberfonds namens IShares Silver Trust einzusteigen. Einige Kommentatoren reden bereits davon, dass die die Banken den Silberpreis manipulierten, schreibt die Nachrichtenagentur Bloomberg. Ziel der Banken sei es den Silberpreis künstlich niedrig zu halten, um den Mangel an physischen Vorräten des Edelmetalls zu verschleiern, so die Behauptung der Reddit-Nutzer.

Kleinanleger entdecken Silber-Aktien

Kurs First Majestic Silver in kanadischen Dollar
Datum14161820222423,0723,0718,1918,1915,0715,07

Konnten die Kleinanleger ihren Coup wiederholen?

Bereits am Donnerstag stiegen die Aktien kleiner Silberminen wie zum Beispiel jene der kanadischen Firma First Majestic Silver. Im Reddit-Forum wurde das Unternehmen explizit genannt. Prompt stieg die Aktie um 23 Prozent. Anschliessend begannen Kleinanleger den Silberfons IShares Silver Trust zu kaufen, womit dieser um rund 7 Prozent stieg. Das Beispiel zeigt jedoch, dass es nicht mehr gelang, derart enorme Kurssprünge zu wiederholen wie bei Gamestop.

Wie ist die Situation an der Schweizer Börse?

Die Börsenbetreiberin SIX verbietet nach eigenen Angaben ungedeckte Leerverkäufe an der Börse. Sie verfügt auch über Mechanismen, die den Handel aussetzen, sollte es innerhalb eines Tages zu erheblichen Preisbewegungen kommen. Die Börse ist gegen pauschale Leerverkaufsverbote, da sie sich negativ auf die Echtzeit-Preisbildung auswirken können. Six ist der Meinung, dass es für das Funktionieren der Märkte wichtig ist, dass sich die Anleger rechtzeitig, etwa über Leerverkäufe, an veränderte wirtschaftliche Bedingungen anpassen können, um die Auswirkungen von Preisanpassungen zu glätten.

Was muss man aus den Vorgängen um Gamestop lernen?

Investmentchef Thomas Stucki: «Wer an den Finanzmärkten erfolgreich sein will, darf nicht unter Zwang entscheiden müssen». Man müsse jederzeit handlungsfähig sein und die Entscheide frei treffen können. Dazu brauche es nicht viel. «Das Risiko im Portfolio muss den finanziellen Möglichkeiten angepasst sein», sagt Stucki. Ungedeckte Verpflichtungen sollten vermieden werden. Bei der Auswahl der Wertpapiere müsse auf die Liquidität des Handels geachtet werden. «Kann ich den Titel auch verkaufen, wenn die Stimmung am Markt schlecht ist oder trocknet der Handel dann aus, wie es bei vielen Obligationen mit einem grossen Kreditrisiko geschieht? Habe ich mich für eine längere Zeit fix gebunden, oder kann ich jederzeit aussteigen? Es sind ein paar einfache Regeln, die man beachten muss», sagt Stucki.