Fragwürdig, aber erlaubt: Bergbau-Unternehmen sprengt wichtige heilige Stätte zu Abbauzwecken

Der Chef des Bergbaukonzerns Rio Tinto muss gehen, nachdem das Unternehmen eine Kulturstätte der Urbewohner in Australien gesprengt hat.

Urs Wälterlin aus Canberra
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Rio Tinto sprengte zwei Höhlen, um eine Eisenerzmine zu erweitern.

Rio Tinto sprengte zwei Höhlen, um eine Eisenerzmine zu erweitern.

Bild: AFP

Rio Tinto meldet den Rücktritt des Firmenchefs Jean-Sébastien Jacques und zweier hochrangiger Mitarbeiter. Dem Rausschmiss aus dem zweitgrössten Bergbauunternehmen der Welt war wachsende Kritik an der Zerstörung einer bedeutenden Kulturstätte der Urbewohner im nordwestaustralischen Gebiet Pilbara vorausgegangen. Um eine Eisenerzmine zu erweitern, hatte Rio Tinto im Mai in der Juukan-Schlucht zwei Höhlen gesprengt, die laut Forschern schon seit 46000 Jahren von Menschen bewohnt gewesen waren. Die Zerstörung hatte unter den Ureinwohnern grosse Trauer ausgelöst.

Bestürzung und Kritik weiteten sich auch auf die Aktionäre der Firma aus. In den letzten Wochen hatte eine wachsende Zahl von Anteilseignern den Rücktritt Jacques’ gefordert. Das Management hatte die Sprengung zu Beginn des Skandals noch als notwendig verteidigt, dann aber zunehmend eine versöhnlichere Position eingenommen. Am Freitag liess die Firma verlauten, «was in Juukan passiert ist, war falsch».

Die zerstörten Höhlen galten als einer der ältesten Orte menschlicher Behausung auf der Welt. Archäologen hatten jahrelang Ausgrabungen durchgeführt, die zeigten, dass Aborigines die Felsformationen über Zehntausende von Jahre als Behausung und Unterstände genutzt hatten. Forscher fanden ein 6000 Jahre altes menschliches Haar, das mit der Genetik der noch heute im Gebiet lebenden indigenen Bewohner in Verbindung gebracht werden konnte. Die Höhlen galten als wichtige heilige Stätten.

Die Sprengung mag zwar aus moralischer Sicht fragwürdig sein – nicht aber aus juristischer Perspektive. Die Zerstörung der Höhlen war von den Behörden des Bundesstaates Westaustralien im Rahmen eines üblichen bürokratischen Verfahrens routinemässig bewilligt worden. Die auf Bergbaurecht spezialisierte Rechtsprofessorin Samantha Hepburn von der Deakin University bei Melbourne sagt, der Bewilligungsprozess für die Vernichtung religiös und kulturell wichtiger Stätten der australischen Aborigines sei in den meisten Bundesstaaten stark zugunsten der Wirtschaft ausgerichtet.

Kritiker hoffen, dass der Fall ein Umdenken auslöst

Während Unternehmen bei einem Einspruch gegen ein geplantes Projekt ein Wiedererwägungsgesuch einlegen könnten, haben die traditionellen Besitzer dieses Recht nicht. «Den Aborigines bleibt deshalb meist nichts anderes übrig, als die Zerstörung hinzunehmen», sagt Professorin Hepburn. Kritiker hoffen, dass der Fall ein Umdenken ausgelöst hat – allem voran unter den Aktionären von Firmen, die in Australien bisher wenig bekannt gewesen waren für einen nachhaltigen Umgang mit Kulturgütern. Die Regierung will eine Überarbeitung der entsprechenden Bewilligungsprozesse prüfen.