FRANKEN: Die Spekulanten stehen bereit

Die Schweizer Währung bewegt sich wieder einmal bedrohlich nahe bei der Euro-Untergrenze von 1.20. Devisenexpertin Ursina Kubli erklärt, warum – und wirft dabei einen Blick in die Zukunft.

Interview Rainer Rickenbach
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Schweizer Unternehmen haben gelernt, mit dem starken Schweizer Franken umzugehen. (Bild: Keystone//Martin Rütschi)

Schweizer Unternehmen haben gelernt, mit dem starken Schweizer Franken umzugehen. (Bild: Keystone//Martin Rütschi)

Ursina Kubli, warum ist der Franken stärker geworden? Wegen der Wirtschaftsflaute in den Euroländern oder wegen der Goldinitiative vom 30. November?

Ursina Kubli*: Beides treibt den Frankenwert in die Höhe. Der Euro hatte wegen der eingetrübten Konjunkturaussichten in Europa bereits schon geschwächelt, bevor die Diskussion über die Goldinitiative in der Schweiz in Gang kam. Die Aussicht, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) vielleicht innerhalb von fünf Jahren ihre Devisen mit Gold zu unterlegen hat, beschleunigte nun den Aufwertungsdruck. Er schürt die Furcht, mit der neuen Verpflichtung sei die Nationalbank nicht mehr in der Lage, die Kursuntergrenze von 1.20 Franken für 1 Euro erfolgreich zu verteidigen. Was wiederum die Spekulanten anlockt.

Spekulanten, die nicht nur auf einen höheren Goldpreis wetten, sondern auch solche, die die Euro-Untergrenze von 1.20 Franken austesten?

Kubli: Bei den Prämien auf Optionen für die Zeit um das Abstimmungsdatum ist das bereits erkennbar. Auf dem Markt herrscht eine gewisse Nervosität.

Und? Wird die Nationalbank die Kurs-Untergrenze zum Euro halten können?

Kubli: Ich denke schon. Die Nationalbank führt diesen Kampf seit drei Jahren erfolgreich. Als zum Beispiel vor zwei Jahren im EU-Raum Staatsbankrotte und ein Auseinanderfallen der Einheitswährung drohten, genügte eine kleine Unaufmerksamkeit, und der Euro sank bloss für kurze Zeit am Devisenmarkt in Singapur unter 1.20 Franken. Die Nationalbank meisterte die heikle Situation gut. Die Spekulanten holten sich eine blutige Nase. Mit Blick auf die Abstimmung kommunizierte die Nationalbank klar und deutlich, nicht von der aktuellen Euro-Untergrenze abzurücken. Mit den Negativzinsen hat sie erst noch einen Trumpf im Ärmel, den sie bislang noch nicht ausspielte.

Es wird auch darüber gerätselt, ob die Nationalbank die Euro-Untergrenze anheben könnte, wenn der Druck zu stark wird. Auf 1.25 Franken zum Beispiel. Ist das realistisch?

Kubli: Ich glaube nicht, dass sie die Untergrenze anhebt. Die Schweizer Wirtschaft hat gut gelernt, mit dem Unterkurs von 1.20 Franken zu leben. Für die SNB besteht kein Anlass, an dieser Marke etwas zu ändern. Denn würde sie es tun, kämen am Markt wieder Unsicherheiten und Spekulationen auf.

41 Prozent der SNB-Devisen sind in Euro angelegt. Wie gross ist die Gefahr, dass sich ein Teil des Volksvermögens bei einer Verschärfung der Euro- und Schuldenkrise wegen einer weiteren Abwertung des Euro in Luft auflöst?

Kubli: Die Euro-Bestände lösen sich nicht einfach in Luft auf. Es ist ihr Buchwert, der fällt – und später wieder steigen kann. Nur: Zum einen besitzt die Nationalbank nicht nur französische und italienische Staatsanleihen. Sie hat auch deutsche, deren Wert steigt, falls die anderen bei einem Kollaps praktisch wertlos würden. Zum anderen hat sie auch in Dollar, Pfund oder Yen investiert. Auch diese Währungen legen zu, wenn der Euro einbrechen würde. Eine gewisse Kompensation ist also gewährleistet.

UBS-Präsident Axel Weber sagte am Europa-Forum in Luzern, die Abstimmung zur Goldinitiative sei auch eine Abstimmung über die SNB-Strategie. Hat er Recht damit?

Kubli: So hart würde ich es nicht formulieren. Die Nationalbank hat nie Zweifel aufkommen lassen, auch bei einem allfälligen Ja zum Gold-Volksbegehren die Marke von 1.20 Franken zu verteidigen. Die Verteidigung würde aber mittelfristig schwieriger, weil die SNB mit den Initiativvorgaben einen Teil der Devisenkäufe mit Gold unterlegen müsste.

SNB-Direktionsmitglieder treten am Fernsehen auf und geben in der Sonntagspresse Interviews. Das steht in krassem Gegensatz zur sonst betont unpolitischen Rolle der SNB.

Kubli: Ich bin froh über die Aufklärungsarbeit der Nationalbank-Spitzenleute. Die Stimmberechtigten haben einen Anspruch darauf, zu wissen, welche Auswirkungen eine Abstimmungsvorlage hat, wenn sie die Handlungsfähigkeit der Notenbank einschränkt. Bei vielen Leuten sind falsche Vorstellungen verbreitet, was das Gold angeht. Pro Kopf gerechnet besitzt die Schweiz schon überdurchschnittlich hohe Goldreserven. Zu viel Gold bringt aber beträchtliche Risiken mit sich. Darum wäre eine vornehme Zurückhaltung der Währungshüter im Abstimmungskampf fehl am Platz.

Wo sehen Sie den fairen Wert zwischen Franken und Euro?

Kubli: Die Kaufkraftparität liegt zurzeit bei etwa 1.32 Franken für 1 Euro. Das sind immer noch 7 Prozent mehr als der langfristige Mittelwert.

Auch wenn keine Mehrheit für die Goldinitiative zu Stande kommt, bleibt der Franken gemäss allen Prognosen überbewertet. Wie sind dann die mittel- und langfristigen Aussichten?

Kubli: Der Druck auf den Franken dürfte fürs Erste nachlassen, da nach einem Nein eine Unsicherheit weniger im Raum steht. Doch sobald die Europäische Zentralbank wie angekündigt weitere Staats- und Unternehmensanleihen zu kaufen beginnt, steht die Schweizer Währung erneut unter Druck. Wir rechnen für das kommende Jahr mit einem Kurs von 1.21 Franken für 1 Euro. Fairer Wert hin oder her: Die Entspannung lässt auf sich warten, weil die Euroländer mit ihren Reformen nicht vorankommen. Der Nationalbank bietet sich erst wieder Spielraum, wenn die Europäische Zentralbank die Zinsen erhöht. Davon ist sie heute mit ihrer expansiven Geldpolitik jedoch weit entfernt.

Was braucht es, um ein Ausstiegsszenario aus der Mindestkurs-Strategie ins Auge zu fassen?

Kubli: Solange sich die Wirtschaft der Eurozone und der Schweiz ähnlich entwickeln, braucht es die Untergrenze. Wächst die Wirtschaft in der Schweiz deutlich stärker, ist ein schrittweiser Ausstieg denkbar.

Hinweis

* Ursina Kubli ist Währungsanalystin bei der Bank Safra Sarasin.