Interview

UBS-Zentralschweiz-Chefin Claudia Gasser: «Frankenaufwertung ist im Gang»

Die UBS-Regionaldirektorin Claudia Gasser sagt für die Zentralschweiz ein stabiles Wirtschaftsjahr 2019 voraus. Zwei Branchen dürften allerdings ziemlich unter Druck geraten.

Rainer Rickenbach
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Starke Tourismusregion Zentralschweiz: Die Stanserhorn-Bahn zählte in der abgelaufenen Saison erstmals mehr als 200'000 Gäste. Bild: Pius Amrein (27. Juli 2018)

Starke Tourismusregion Zentralschweiz: Die Stanserhorn-Bahn zählte in der abgelaufenen Saison erstmals mehr als 200'000 Gäste. Bild: Pius Amrein (27. Juli 2018)

Claudia Gasser, wenn Sie als Privatperson ein paar Millionen Franken anzulegen hätten, in welche Branche würden Sie am meisten Geld investieren?

Das wäre schön…

…stellen Sie es sich einfach vor.

Ich würde keine Branche bevorzugen, sondern das Geld möglichst breit abgestützt anlegen. Die Börsen sind volatil, die Zinsen tief und die globale politische sowie wirtschaftliche Lage ist unberechenbar. Diversifikation ist in diesem Umfeld sehr wichtig. Nötig sind auch ein langer Schnauf und eine gewisse Gelassenheit, besonders bei Anlagen mit einem hohen Aktienanteil. Einen Teil des Geldes würde ich sicher in nachhaltige Anlagen stecken. Anlagen, die nicht mit Kinderarbeit, Umweltzerstörung oder Waffenproduktion in Verbindung stehen.

Geld richtig anzulegen wird dieses Jahr nicht einfacher. Die Zinsen verharren auf tiefem Niveau und die Weltwirtschaft wächst gemäss den Konjunkturexperten weniger stark als 2017/18. Wie bekommt die Schweiz die Drosselung zu spüren?

Die UBS rechnet für 2018 mit einem Wirtschaftswachstum von 2,6 und für dieses Jahr mit einem von 1,5 Prozent. Eine kleine, offene Volkswirtschaft wie die Schweiz bekommt die Abschwächung der Weltkonjunktur unmittelbar zu spüren. Ich gehe davon aus, dass der Abschwung in erster Linie die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie trifft. Die Nachfrage nach ihren Produkten im Ausland lässt wegen des gebremsten Wachstums nach. Im Gegenzug verbessern sich die Aussichten für Firmen, die auf dem Binnenmarkt tätig sind. Das höre ich von unseren Kunden oft.

Claudia Gasser. (Bild: PD)

Claudia Gasser. (Bild: PD)

Welche Folgen bringt der Wachstumsrückgang für die Zentralschweiz mit sich?

Unsere Wirtschaft ist breit abgestützt. Darum rechne ich für die Region auch in einem schwierigen Umfeld mit einem soliden Wachstum. Natürlich wird auch hier die MEM-Industrie den Bestellungsrückgang zu spüren bekommen. Doch die Zentralschweiz hat auch starke Standbeine in anderen Bereichen, die vom globalen Wachstumsrückgang weniger betroffen sind: zum Beispiel die Pharmaindustrie und der Premiumbereich des Tourismus. Ausserdem verfügt die Zentralschweiz über gesunde Strukturen: In unserem Wettbewerbsindikator befinden sich Zug, Schwyz und Luzern unter den sechs Besten. Nidwalden folgt dicht auf die Spitze und Obwalden befindet sich auf einem Mittelfeldplatz. Uri, das lange Zeit weit hinten lag, hat sich in den letzten Jahren ebenfalls verbessert.

Gibt es Unterschiede innerhalb der MEM-Branche?

Wer sich in Nischen bewegt und Produkte herstellt, die niemand sonst oder nicht so gut herstellt, macht auch dieses Jahr gute Geschäfte. Doch der Grossteil der MEM-Unternehmen hat eine herausfordernde Zeit vor sich. Ihr Hauptabsatzgebiet ist Europa. Dort steht die Autoindustrie unter Druck. Das bleibt für ihre Zulieferer in der Schweiz nicht ohne Folgen. Zudem lauern in Europa grosse Unsicherheiten wie der Brexit, der Handelsstreit mit den USA oder die Probleme der italienischen Staatsfinanzen. Je labiler die Lage in Europa ist, desto mehr Leute suchen den sicheren Hafen des Schweizer Frankens.

Wir müssen uns also auf einen Franken gefasst machen, dessen Wert wieder die Schmerzgrenze für die Exportbetriebe erreicht?

Die Aufwertung ist bereits im Gang. Im Mai lag der Euro bei 1.19 Franken, jetzt bewegt er sich zwischen 1.12 und 1.13 Franken. Die Nationalbank wird extrem auf der Hut sein müssen. An höhere Zinsen glaube ich darum für die nächste Zeit nicht.

Also bleiben auch die Hypothekarzinsen tief. Die Zahl der leer stehenden Wohnungen hingegen steigt. Gibt es Gebiete in der Zentralschweiz, wo Immobilienblasen zu platzen drohen?

«Unser Immobilienblasenindex zeigt aktuell nirgendwo in der Schweiz die Gefahr von platzenden Blasen.»

Zug ist in der Gefahrenregion, weil die Preisanstiege in den letzten Jahren weit überdurchschnittlich waren. Ein Eigenheim kostet dort meist weit über eine Million Franken. Und dennoch: Die Nachfrage ist ungebrochen stark. Weitere Start-ups und Expats siedeln sich in Zug an. In der Stadt Luzern sieht es auf dem Immobilienmarkt zwar etwas moderater aus. Doch solange die Nachfrage intakt bleibt, sind Preiskorrekturen auch dort eher unwahrscheinlich.

Die Bautätigkeit lässt nach, das machen die rückläufigen Baugesuche deutlich. Kommen die Bauunternehmen nach fast 20 Jahren mit vielen Aufträgen und bescheidenen Margen unter Druck?

Die Bautätigkeit lag in den letzten 12 Monaten 10 Prozent unter dem zurückliegenden Zehnjahresdurchschnitt. Sie dürfte sich auf dem tieferen Niveau einpendeln. Die aktuelle Verschnaufpause ist für die Bauwirtschaft jedoch nicht unwillkommen, da sie seit Jahren am oberen Limit arbeitet.

Der Tourismus hat sich in der Zentralschweiz zu einer langjährigen Erfolgsgeschichte entwickelt. In der Stadt Luzern, auf dem Bürgenstock, in Engelberg und in Andermatt wurden für das gehobene Gäste-segment Hunderte von Millionen investiert. Wie verändern die neuen, noblen Hotels und die ausgebauten Bergbahninfrastrukturen die Branche?

Da wurde Grossartiges geleistet. Ich denke schon, dass die neuen Hotelanlagen mehr Individualtouristen in die Zentralschweiz bringen. In Asien, wo der Wohlstand schnell wächst und der Frankenkurs eine weniger grosse Rolle spielt als in Europa, besteht ein rasant wachsendes Potenzial. Die neuen Hotels im gehobenen Segment lösen über kurz oder lang auch Nachfolgeinvestitionen im mittleren Segment aus. Die Zentralschweiz bietet sich wie Zürich für Schweiz-Reisende als Ausgangspunkt für Ausflüge in andere Landesteile geradezu an. Die Distanzen sind kurz und der öffentliche Verkehr ist gut ausgebaut.

Bleibt Luzern Magnet für den Gruppentourismus?

Luzern Tourismus und die Hochschule Luzern arbeiten daran, die Wertschöpfung bei dieser Touristengruppe zu erhöhen. Innovationen wie die Bahnen auf den Stoos oder das Stanserhorn sind dabei hilfreich.

Kommt die Steuervorlage 17 beim Volk durch, schmilzt bei den Unternehmenssteuern der Vorsprung der Zentralschweiz. Verliert sie als Wirtschaftsregion dadurch an Bedeutung?

Das ist schwierig vorherzusagen. Es ist ja noch nicht klar, wie die Steuervorlage im Detail umgesetzt wird. Eine Nivellierung der Unternehmenssteuern muss der Zentralschweiz aber nicht schaden. Es spielen ja auch andere Rahmenbedingungen wie Energiepreise, Löhne, Anschluss an Clusters oder Verkehrsinfrastruktur eine Rolle. Ich denke, die Zentralschweiz bleibt für Unternehmen attraktiv.

Welche Entwicklung erwarten Sie auf dem Zentralschweizer Arbeitsmarkt?

Die Arbeitslosenquote bleibt unter dem schweizerischen Durchschnitt.

«Ich höre von vielen Kunden, dass sie vorhaben, mehr Leute einzustellen.»

Herausforderungen bleiben jedoch: Einerseits droht uns Fachkräftemangel, vor allem weil es nun die zahlreichen Babyboomer sind, die in Rente gehen. Anderseits gibt es Leute, die in ihren erlernten Berufen den Job verlieren. Die Zeiten sind vorbei, in denen Berufsleute 30 Jahre lang im gleichen Betrieb die gleiche Tätigkeit ausüben.

Claudia Gasser (44) ist Regionaldirektorin Zentralschweiz der UBS. Die Grossbank beschäftigt in der Region 340 Mitarbeitende. Gasser ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern.

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Roman Schenkel