FRANKENSTÄRKE: Hilfsfonds soll Exportfirmen retten

Firmen, die in Not geraten sind, soll aus den Einnahmen der Negativzinsen geholfen werden. Dies fordert der Nidwaldner Unternehmen Ulrich L. Bettermann. Beim Gewerbeverband beisst er damit aber auf Granit.

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Der deutsch-schweizerische Industrielle Ulrich L. Bettermann nimmt am WEF in Davos teil. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Der deutsch-schweizerische Industrielle Ulrich L. Bettermann nimmt am WEF in Davos teil. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Dominik Buholzer und Tobias Gafafer

Durch die Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die Nationalbank vergangene Woche wurde die Schweiz um rund 17 Prozent teurer. Importfirmen und Reiseveranstalter versuchen seither, die Schweizer Kundschaft durch Rabatte bei Laune zu halten. Und Exportfirmen und der Tourismus? Bei ihnen spielt dies nicht, ist der Spielraum nochmals begrenzter. Der Nidwaldner Unternehmer Ulrich L. Bettermann forderte nun gestern zu Beginn des 45. Weltwirtschaftsforums in Davos (WEF), dass sie von den Einnahmen aus den Negativzinsen profitieren sollen. Konkret: Schweizer Banken sollen die Erträge aus den Negativzinsen für Geldeinlagen in einen Hilfsfonds fliessen lassen, damit diese Firmen zugute kommen, die durch die Aufwertung des Frankens im Export oder Tourismus ohne eigenes Verschulden unter massiven Druck geraten sind. «Wir können auf diese Weise den betroffenen Firmen ein wenig Luft verschaffen und vermeiden, dass gleich Arbeitsplätze gestrichen oder ins Ausland verlagert werden», ist Bettermann überzeugt.

Für Bettermann selber, der mit seinem Industrieunternehmen für Elektroinstallationen in über 60 Ländern tätig ist und jährlich einen Umsatz von 500 Millionen Franken erzielt, kommt eine solche Hilfe aber nicht in Frage. Er hat bereits bei der Einführung des Euro-Mindestkurses reagiert. Sie fakturiert seither auch in der Schweiz in Euro, kauft in dieser Währung auch die Rohstoffe ein und konnte so die Mehrkosten durch den starken Schweizer Franken wesentlich abfedern.

Gewerbeverband: «Abwarten»

Bettermann will die Handelskammer Zentralschweiz für sein Anliegen gewinnen. Eine entsprechende Sitzung soll nach dem WEF stattfinden. Schon jetzt lässt sich allerdings sagen: Es ist noch einige Überzeugungsarbeit nötig, damit das Anliegen breit getragen wird. Skeptisch zeigt sich beispielsweise Gewerbeverbandsdirektor Ulrich Bigler. «Ich glaube, es ist wichtig, dass wir jetzt kühlen Kopf bewahren und uns nicht massiv verschulden», sagt er. Das Problem bei solchen Hilfsfonds liege immer beim Verteilschlüssel. «Und wenn sie es richtig machen wollen, löst dies schnell einmal eine unglaubliche Bürokratie aus», gibt Bigler zu bedenken. Er macht sich stattdessen für bessere Rahmenbedingungen für Schweizer Firmen stark. So könnten durch die Einführung des Mehrwertsteuer-Einheitssatzes sowie dem Abbau der Zollschranken viel Geld eingespart werden. Gesamthaft ortet Bigler ein Sparpotenzial von 2,2 Milliarden Franken.

Absage an Lohnsenkungen

Einig geht Bigler mit Bettermann, dass Lohnsenkungen, wie sie der Direktor des Arbeitgeberverbandes zur Diskussion stellte, das falsche Mittel sind. Wer weniger Geld in der Tasche habe, wendet Bettermann ein, gebe weniger aus der Konjunktur sei dies wenig förderlich. «Das kann es ganz sicher nicht sein», betont er. Vielmehr sollte laut Bettermann über eine Ausweitung der Mindestarbeitszeit von 42,5 auf 45 Stunden nachgedacht werden. «Bevor wir zum Kahlschlag ansetzen und Stellen abbauen, sollten wir vielleicht noch diese Option prüfen», so Bettermann.

Gegen Konjunkturprogramm

Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann kündigte derweil gestern in einem Interview mit der «Neuen Zürcher Zeitung» an, dass der Bundesrat mit einem Bündel von Massnahmen den Standort Schweiz stärken will. Ein grosses Potenzial sieht Schneider-Ammann in der Steigerung der Arbeitsproduktivität bei den staatsnahen Betrieben wie Verwaltung, Bildung und Gesundheitswesen sowie der besseren Nutzung der natürlichen Ressourcen.

Wenig hält der Wirtschaftsminister dagegen von einem Konjunkturprogramm. Solange die Schweiz sich nicht in einer Rezession befinde, sei ein solcher Schritt nicht angezeigt. Johann Schneider-Ammann: «Konjunkturelle Stützungsmassnahmen für den Binnenmarkt drohen in einer Situation wie der jetzigen einfach zu verpuffen. Geld in der Schweiz zu verteilen, hilft weder Produkte zu exportieren noch mehr Touristen in die Schweiz zu bringen.»

Tiefere Steuern für Hoteliers verlangt

Tourismus Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses könnte die hiesigen Ferienorte hart treffen. Der Schweizer Tourismus-Verband (STV) trifft sich morgen zur Lageanalyse. Laut dem Präsidenten, Nationalrat Dominique de Buman (CVP, Fribourg), könnte der Tourismusverband bereits im Hinblick auf die kommende Frühlingssession des Parlaments ein Massnahmenpaket verlangen.

Einen Vorschlag lanciert de Buman schon einmal: Er fordert für die Hotellerie einen reduzierten Mehrwertsteuersatz von 2,5 Prozent obwohl der Staat Hotelübernachtungen bereits zu einem Sondersatz von 3,8 Prozent besteuert. Denkbar ist auch, dass die Idee einer Tourismusbank erneut aufs Tapet kommt. Investoren könnten zu günstigen Konditionen Kredite für Tourismusprojekte aufnehmen.

Branche hat Kostenproblem

Bloss: Der Bundesrat erteilte dem Aufbau einer Tourismusbank nach österreichischem Vorbild 2013 schon einmal eine Absage. Dies wäre für die Schweiz nicht zweckmässig und ordnungspolitisch heikel. Auch die Hoteliers lehnten die Idee ab: Die Schweiz habe kein Finanzierungs-, sondern ein Kostenproblem, schrieb der Branchenverband. Dafür sei unter anderem das im Vergleich zum Ausland hohe Kostenniveau verantwortlich.

Die Tourismusbank hatte die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Berggebiete (SAB) lanciert. Für sie ist die Idee mittlerweile gestorben. «Es bringt nichts, zweimal den gleichen Vorschlag zu lancieren», sagt Direktor Thomas Egger auf Anfrage. Trotz Aufgabe des Mindestkurses sieht er vorerst keinen weiteren staatlichen Handlungsbedarf. «Die Vorschläge des Bundesrats im Tourismusbericht von 2013 gehen in die richtige Richtung.» So könne die bestehende Schweizerische Gesellschaft für Hotelkredit (SGH) neu auch Hotels in Kombination mit Zweitwohnungen fördern.

Besser, nicht billiger werden

Ganz andere Signale kommen derweil von der Schweizer Parahotellerie. «Wir können machen, was wir wollen. Wir müssen den Entscheid der Nationalbank akzeptieren», sagt Paula Christoffel, Inhaberin des grössten privaten Schweizer Ferienwohnungsvermittlers Christoffel Ferienwohnungen AG. Sie ist überzeugt, dass die Schweiz die Eurokrise meistern wird. Aber nicht über Rabatte: «Wir müssen nicht billiger, sondern besser werden», betont sie. Vor einer Überreaktion warnt man auch bei der Hotelplan-Tochter Interhome. «Abwarten ist jetzt wichtig», teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. Entscheidend sei, wo sich der Eurokurs einpendeln werde. Interhome profitiert davon, dass sich das Hauptgeschäft im Euroraum abspielt und deshalb nicht betroffen ist.

Kunden kommen deshalb auch nicht in den Genuss von speziellen Rabatten. Aber bei Gästen aus dem Euroraum operiert Interhome mit einem «gestützten Kurs» von 1.10 Franken.