Aussenhandel
Frankenstärke schlägt durch: Handel mit Deutschland bricht ein

Die Ein- und Ausfuhren reagieren dramatisch auf die Aufhebung des Euro-Mindestkurses. Vor allem der Austausch mit dem wichtigsten Handlspartner Deutschland ging zurück.

Fabian Hock
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Aussenhandel Deutschland-Schweiz Januar-Februar 2015

Aussenhandel Deutschland-Schweiz Januar-Februar 2015

Grafik NCH/GSA

So wenig deutsche Zuwanderer wie seit Jahren nicht mehr

Die Zeiten, in denen deutsche Zuwanderer in Scharen in die Schweiz kamen, sind schon länger vorbei. Doch so wenig wie nach ersten Hochrechnungen im vergangenen Jahr waren es schon seit über zehn Jahren nicht mehr. Nur noch knapp über 6000 Deutsche kamen 2014 in die Schweiz und liessen sich hier nieder — die abgewanderten Deutschen mit eingerechnet. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen geht es der deutschen Wirtschaft besser, zum anderen seien die Schweizer Betriebe derzeit relativ zurückhaltend – sowohl bei Investitionen als auch bei der Aufstockung des Personalbestands, sagt Daniel Heuer, Vizedirektor der Handelskammer Deutschland-Schweiz. Davon betroffen seien auch deutsche Arbeitnehmer. Ein weiter Faktor seien die veränderten Lebens- und Arbeitsbedingungen: «Migration sieht nicht mehr so aus wie im 19. Jahrhundert, als die Menschen ihre Zelte irgendwo abbrachen und irgendwo anders wieder aufbauten.» Heute sei man flexibler. «Wir arbeiten eine Zeit lang hier, eine Zeit lang dort. Wir wechseln nicht nur die Stadt, sondern manchmal eben auch das Land», sagt Heuer. Besonders flexibel scheinen die Deutschen zu sein. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr kamen netto über 10 000 Portugiesen.

Jetzt wird klar: Sie sind so gravierend, dass man tatsächlich von einem Schock für die Industrie sprechen kann. Um 4,0 Prozent sanken die Schweizer Exporte in den ersten beiden Monaten des Jahres. Die Importe gingen um 8,1 Prozent zurück. Das berichtete die Handelskammer Deutschland Schweiz gestern in Zürich.

Vor allem der Austausch mit dem wichtigsten Handelspartner Deutschland bekam eine grosse Delle ab: Um 5,2 Prozent sanken die Exporte ins nördliche Nachbarland. Die Importe stürzten gar um 13,6 Prozent ab. Die grössten Einbussen wurden demnach im Januar verzeichnet. «Der Schock war gross, am Anfang war der Euro bei der Parität. Die Einkäufer in den Unternehmen traten sofort auf die Bremse», sagte Ralf Bopp, Direktor der Handelskammer, der «Nordwestschweiz».

Die Exporte nach Deutschland gingen im unmittelbaren Nachgang der Frankenaufwertung um 7,0, die Importe gar um 16,0 Prozent zurück. Ein solch dramatischer Rückgang sei «selten in der Geschichte der Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und Deutschland», sagte Handelskammer-Präsident Gottlieb Keller. Im Februar kam nochmals ein Minus von 3,1 Prozent beim Export und ein Rückgang von 11,3 Prozent beim Import hinzu.

Auslandsaufträge bleiben aus

Dass der Rückgang bei der Einfuhr aus dem Ausland stärker ausfiel als der Exportrückgang, erklärt Bopp so: «Zwei Drittel der importierten Waren sind Investitionsgüter, Halbfabrikate, Rohstoffe und Zulieferprodukte, die zu einem grossen Teil weiterverarbeitet und dann wieder exportiert werden.» Bleiben Aufträge aus dem Ausland aus, bestellen auch die Schweizer Firmen nichts mehr. Hinzu kommt laut Bopp der Preiseffekt des Wechselkurses, der diese Entwicklung noch verstärke.

Der Handelseinbruch in den ersten beiden Monaten des Jahres beschränkt sich dabei nicht auf einzelne Branchen. Bopp sagt: «Alle sind betroffen.» Aus diesem Grund lasse sich der Frankenschock auch zweifelsfrei als Ursache ausmachen.

Was das nun für die einzelnen Unternehmen bedeutet und welche Massnahmen gegen die Frankenstärke zum Einsatz kommen könnten, wollte die Handelskammer Deutschland-Schweiz von ihren Mitgliedern wissen. «300 bis 400 Firmen haben wir befragt, von 108 haben wir ausführliche Antworten bekommen», sagt Bopp.

Aus den Ergebnissen der Umfrage wird deutlich, wie viel Unsicherheit der starke Franken bei den Unternehmen geschürt hat. 74 Prozent fühlen sich demnach in ihrer Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt — die Hälfte der Befragten gar stark bis sehr stark. Dass die Handelsbeziehungen zu Deutschland leiden, glauben 43 Prozent.

Zwei Drittel der Firmen wollen auf die Situation reagieren. Hoch im Kurs stehen dabei Kostensenkungen. Einen effizienteren Arbeitseinsatz wollen 58 Prozent erreichen.

Bei den Personalkosten wollen 41 Prozent sparen, was Arbeitszeiterhöhungen und Lohnsenkungen zur Folge haben könnte. Einen Abbau des Personalbestands erwägt jeder vierte befragte Betrieb. Einer von fünf plant sogar eine Verlagerung der Produktion ins Ausland.

Noch sei eine weitreichende Produktionsverlagerung indes nicht zu beobachten, heisst es seitens der Handelskammer. Wohl aber nutzten einige Unternehmen vermehrt bestehende Strukturen im Ausland und schickten sich an, neue Einkaufsquellen jenseits der Grenze zu erschliessen. Die Hälfte der Befragten will dies im laufenden Jahr noch intensivieren.

Für den Rest des Jahres gibt sich die Handelskammer indes verhalten optimistisch. «Wir sind gespannt auf die Entwicklung im März und ob sich das Verhalten der Unternehmen nach dem Schock langsam normalisiert», sagt Bopp. Zunächst gelte aber «das Prinzip Hoffnung».

Bestärkt wird sie darin von der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich: Das Konjunkturbarometer habe sich im März stabilisiert, heisst es darin — allerdings auf tiefem Niveau. Die Lage werde «zumindest nicht mehr so pessimistisch eingeschätzt wie zuvor».