FRANKFURT/LONDON: Börsenhochzeit wird erneut abgeblasen

Die Börsen in Frankfurt und London gehen voraussichtlich weiterhin eigene Wege. Die Schweizer Börsenbetreiberin Six Group kann aufatmen.

Daniel Zulauf
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Blick in den Handelsraum der Deutschen Börse in Frankfurt. (Bild: Alexander Becher/Keystone (Frankfurt am Main, 27. Februar 2017))

Blick in den Handelsraum der Deutschen Börse in Frankfurt. (Bild: Alexander Becher/Keystone (Frankfurt am Main, 27. Februar 2017))

Daniel Zulauf

daniel.zulauf@luzernerzeitung.ch

Die vor einem Jahr angekündigte Fusion zwischen der Deutschen Börse und der London Stock Exchange (LSE) kommt nun aller Voraussicht nach doch nicht zu Stande. Die Briten haben es abgelehnt, auf eine von der europäischen Wettbewerbsbehörde gestellte Vorbedingung einzutreten (siehe Chronik rechts). Die LSE weigert sich, den Mehrheitsanteil an der italienischen Anleihen-Handelsplattform MTS zu veräussern. In Erwartung wettbewerbsrechtlicher Auflagen, als Zugeständnis quasi, hatten sich die beiden Börsen schon vor drei Wochen verpflichtet, das zur LSE gehörende Abwicklungs- und Clearinghaus Clearnet zu verkaufen. Als wahrscheinliche Käuferin wurde Euronext, die Betreiberin der französischen und anderer europäischer Börsen genannt. Doch Brüssel verlangte mehr Zugeständnisse. Die Behörde befürchtet offensichtlich, dass Konzentration im Clearing ein privates Monopol schaffen und schliesslich zu höheren Kosten für alle Finanzmarktteilnehmer führen könnte.

Die Befürchtung ist nicht von der Hand zu weisen, denn in diesem standardisierten Markt mit minimalen Gewinnspannen ist Grösse entscheidend für den Erfolg. Clearingstellen befinden sich zwischen den Vertragsparteien einer Wertschriftentransaktion. Im Bestreben, den erfolgreichen Abschluss einer Transaktion garantieren zu können, fordern sie für die kurze, aber nicht risikolose Zeit der Verrechnung beträchtliche Sicherheiten für den Fall eines möglichen Zahlungsausfalls.

Schweizer Börse gehört den Banken

Das Stellen solcher Sicherheiten bildet ein zentraler Kostenfaktor für die Börsenteilnehmer. Für die LSE und die Deutsche Börse hätte es über eine Fusion unter Umständen die Möglichkeit gegeben, die hinterlegten Sicherheiten so zu optimieren und die Kosten zu senken, sodass die beiden Börsen in ihrem ohnehin zur Monopolbildung neigenden Geschäft einen grossen Wettbewerbsvorteil hätten erlangen können. Das Fusionsvorhaben der beiden europäischen Hauptbörsen wurde deshalb von kleineren Mitbewerbern von Anfang an kritisch beurteilt. Auch Urs Rüegsegger, Chef des Schweizer Börsenbetreibers Six Group, hatte mit Bezug auf die Fusion bereits früher auf die wettbewerbsrechtlichen Risiken einer Konzentration im Clearing verwiesen. Gestern wollte man bei der Six Group keine Stellung zu der jüngsten Entwicklung in Frankfurt und London nehmen.

Die Schweiz war in den vergangenen 15 Jahren selber schon zweimal im Visier der deutschen Börse. Im Sommer 2004 hatte die «Swiss Exchange» einen ersten Übernahmevorschlag aus Frankfurt zurückgewiesen. 2007 wurde der damalige Schweizer Börsenverein in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und in die neu formierte Six Group eingebracht. Mit der Strategie wurden die Bedingungen für einen fortgesetzten Alleingang der Schweizer Börse geschaffen und eine weitere Avance aus Frankfurt abschlägig beantwortet. Als Betreiberin der Schweizer Finanzplatzinfrastruktur gehört die Six Group den rund 130 Banken, die sie nutzen. Die Eigentümerstrategie wurde vom Verwaltungsrat im letzten September im Rahmen einer periodischen Überprüfung bestätigt, und sie hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder als richtig erwiesen.

Die erste EU-Richtlinie über europäische Märkte für Finanzinstrumente (Mifid 1) hatte über verschiedene Bestimmungen das Ende der nationalen Monopolbörsen in Europa eingeleitet. Die Banken bauten in der Folge eigene Handelsplattformen auf, um Druck auf die Preise der ehemaligen Monopolbörsen auszuüben. Vor diesem Hintergrund hatten viele Beobachter der internationalen Börsenlandschaft eine scharfe Konsolidierung vorausgesagt. Die Flut der Zusammenschlüsse blieb allerdings aus oder sie wurde,wie im Fall des New York Stock Exchange (NYSE) und Euronext, nach wenigen erfolglosen Jahren wieder rückgängig gemacht.

Politische Kräfte in London wollen Fusion verhindern

Dafür gibt es viele Gründe. Einer ist zweifellos der, dass vielen Emittenten – Herausgebern von Wertpapieren, etwa Firmen – eine Konzentration der Börsen mit potenziell grossen Regulierungsfolgen nicht gefällt. Die Swatch Group hatte vor zehn Jahren ihre Aktien demonstrativ neben Zürich auch an der kleinen Berner Börse kotieren lassen und damit zum Ausdruck gebracht, dass «eine Konkurrenz zwischen Börsen wettbewerbspolitisch positiv zu werten ist». Selbst in der Schweiz habe es «durchaus Platz für zwei professionell geführte Börsen». Je mächtiger eine Börse, desto mehr Vorschriften und Bedingungen kann sie den Emittenten auferlegen. Das kann zwar durchaus im Sinn der im Börsenhandel tätigen Banken sein (zum Beispiel bestimmte Rechnungslegungsvorschriften oder ähnliches), aber diese müssen dafür in Kauf nehmen, dass die Monopolbörsen höhere Gebühren verlangen. Offensichtlich ist dieses Gleichgewicht der Kräfte so stabil, dass kaum neue Börsenmonopole entstehen können. In Finanzkreisen wird vermutet, dass die Weigerung Londons zum Verkauf der italienischen Handelsplattform MTS nur ein Vorwand war, die Fusion scheitern zu lassen. Es soll in London starke politische Kräfte geben, die den Zusammenschluss verhindern wollen. Die Brexit-Abstimmung dürfte ein wichtiger Grund für das voraussichtliche Scheitern des Fusionsvorhabens gewesen sein.