Erreichbarkeit

Frankreich schafft Recht auf Funkstille

Arbeitnehmer müssen Mails und Handyanrufe nicht mehr rund um die Uhr beantworten.

Stefan BrändlE, Paris
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Für den Arbeitgeber auch mal unerreichbar bleiben: Das soll in Frankreich in Zukunft vermehrt möglich sein.

Für den Arbeitgeber auch mal unerreichbar bleiben: Das soll in Frankreich in Zukunft vermehrt möglich sein.

Thinkstock

Vor dem Nachtessen noch schnell mit dem Mitarbeiter in Übersee sprechen, später seine Mailbestätigung empfangen und vor dem Lichterlöschen kurz per SMS antworten: Solche Feierabende sind für 37 Prozent der Franzosen heute Normalität. In Zukunft sollen sie ihnen erspart bleiben. Ein Gesetzeszusatz zum Arbeitsrecht gilt ab dieser Woche für Betriebe mit mehr als 50 Angestellten.

Kernpunkt ist das «Recht zum Abschalten». Es enthält kein eigentliches Verbot für Firmen, Mitarbeiter digital auch nach Büroschluss einzuspannen. Vielmehr schafft es eine Obliegenheit für die Personalplaner, gangbare Wege zu finden, um die «déconnexion», das Abschalten von Mailprogramm, Handy und Laptop, an Abenden und Wochenenden zu ermöglichen.

Das Ziel ist doppelt: Zum einen soll die Arbeitszeit eingehalten, zum anderen die Balance von Arbeits- und Freizeit besser gewährleistet werden. Die digitalen und damit mobilen Arbeitswerkzeuge gelten als wichtiger Stressfaktor und tragen dazu bei, dass zwölf Prozent der Arbeitstätigen in Frankreich unter dem Burnout-Syndrom, das heisst Arbeitsüberlastung, leiden. Das schadet auch den Unternehmen: Wie eine Studie der amerikanischen Lehigh-Universität zeigt, hat die ständige Erreichbarkeit mehr negative als positive Folgen. Sie steigert zwar zuerst die Produktivität, führt aber langfristig zu gesundheitlich bedingten Arbeitsausfällen.

Lösungen nach Mass gesucht

Das französische Gesetz sucht die Sozialpartner nicht in einen strikten Rahmen neuer Reglemente zu zwängen. Es hält sie zu internen Abkommen an, welche die Belastbarkeit zum Beispiel durch E-Mail-freie Tage reduziert. Kommt es zu keiner Einigung, muss die Direktion eine Charta erlassen. Diese kann auch die Erledigung privater Gespräche oder E-Mails während der Arbeitszeit regeln. «Für all das gibt es keine genaue Gebrauchsanleitung», meint Patrick Thiébart vom Pariser Beraterbüro Jeantet. «Die Unternehmen müssen Lösungen nach Mass finden.» Das gelte für spezielle internationale Kontakte – etwa mit E-Mail-Funktionen wie zeitversetztem Versenden – bis hin zu Auszeitplänen ganzer Equipen.

Mehrere französische Grossunternehmen sind dem Gesetz bereits mit eigenen Massnahmen zuvorgekommen. Der Reifenhersteller Michelin etwa unterbindet den beruflichen Mail-Verkehr für seine Aussendienstmitarbeiter zwischen 21 Uhr und 7 Uhr morgens sowie am Wochenende. Der Telecombetreiber Orange sieht E-Mail-Pausen namentlich bei Sitzungen vor. «Es geht nicht darum, zusätzliche Reglemente zu schaffen», meinte Bruno Mettling, Vize-Personaldirektor von Orange. «Wir wollen eher unsere ganzen Arbeitsmethoden überdenken.» Verlangt werden die digitalen Zeitfenster nicht nur von älteren Mitarbeitern, die noch die Ära vor Internet gekannt hatten. «Die Jungen wissen sehr genau zwischen Privat- und Berufsleben zu unterscheiden und verlangen als Erste die Abschaltphasen.»

Ähnliche Regeln in Deutschland

Vergleichbare Abmachungen wie Michelin kennen mehrere Firmen in Deutschland schon länger. So gilt beim Autobauer Volkswagen seit 2011 eine E-Mail-Pause. Der Mail-Server für Smartphones wird eine halbe Stunde nach Dienstschluss abgeschaltet, erst eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn wieder hochgefahren. Einen anderen Weg gehen BMW und Audi. Wenn deren Mitarbeiter unterwegs oder zu Hause an ihrem Laptop oder Smartphone arbeiten, wird ihnen diese sogenannte Mobilarbeit auf ihrem Arbeitszeitkonto gutgeschrieben. BMW hat zusätzlich mit der Arbeitnehmervertretung eine Vereinbarung geschlossen, die den Büroangestellten ein Recht auf Unerreichbarkeit nach Feierabend garantiert.