WEF 2017

Freihandel könnte in der Theorie alle besserstellen – doch der Kuchen wächst nicht für alle

In der Praxis kommen Handelsgewinne nicht in den Umverteilungstopf. Mit Sicherheit profitieren nur die Eigentümer der am Handel beteiligten Firmen und deren Angestellte.

Tommaso Manzin
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Keystone

Wir schreiben das Jahr 1772, in London wird David Ricardo geboren, einer der Gründer der modernen Handelstheorie. Seine Familie stammte aus Portugal, das gerade in erbitterter Rivalität mit England um die Vorherrschaft im Handel auf den Weltmeeren steht. Kein Wunder, hat Ricardo den Grundgedanken seiner Theorie am Beispiel des Handels seiner ursprünglichen mit seiner jetzigen Heimat illustriert.

100 Arbeiter...

... benötigt England für die Produktion von 1000 Rollen Tuch, 120 Arbeiter für 1000 Fässer Wein. Portugal kommt mit 90 Arbeitern für 1000 Rollen Tuch und 80 Arbeitern für 1000 Fässer aus. Wechseln in Portugal 90 Arbeiter aus dem Tuch- ins Weinsegment, produzieren sie 1125 Fässer Wein zusätzlich, insgesamt 2125 Fässer. Wenn in England die 120 Wein-Arbeiter in die Tuchproduktion wechseln, stellen sie 1200 Rollen Tuch zusätzlich her. England produziert somit allein 2200 Rollen Tuch. (TM)

Im Ausgangszustand stellen dabei beide Länder Tuch und Wein her, insgesamt 2000 Rollen Tuch und 2000 Fässer Wein. Der bahnbrechende Gedanke von Ricardo: Auch wenn die Portugiesen bei Wein und Tuch jeweils einen absoluten Kostenvorteil (weniger benötigte Arbeitskräfte) haben, lohnt es sich für sie, sich auf die Weinproduktion zu spezialisieren und den Briten die Herstellung von Tuch zu überlassen, das sie dann von dort einführen. Der Grund: Die Arbeitskräfte können in Portugals Weinproduktion produktiver (kostengünstiger) eingesetzt werden als in der Tuchproduktion. Umgekehrt benötigt England für die Tuchproduktion weniger Arbeiter als für die Weinproduktion. Rechnet man das Beispiel zu Ende, wird England bei totaler Spezialisierung mehr Tuch produzieren als zuvor beide zusammen und Portugal mehr Wein (siehe Kasten).

Die wichtigste Erkenntnis daraus: Der Kuchen wächst mit dem Handel. Theoretisch könnten also alle bessergestellt werden. In der Praxis sieht das anders aus. Mit Sicherheit profitieren nur die Eigentümer der am Handel beteiligten Firmen und deren Angestellte. Die Löhne sind dort meist höher, denn der Boom erhöht die Nachfrage nach entsprechenden Mitarbeitern. Anders gesagt: Der Kuchen wird grösser, aber nicht alle verteilten Stücke wachsen. Und es ist nicht nur so, dass einige bei der Verteilung der Gewinne des Handels leer ausgehen. Ohne Umverteilung kann er Existenzen ruinieren. Etwa, wenn billige Importe die heimische Industrie verdrängen.

Doch nicht nur direkte Konkurrenten der Produzenten im Ausland können verlieren. Die sogenannte «Holländische Krankheit» tritt auf, wenn ein Land Güter in grossem Umfang exportiert. Dadurch wertet die Landeswährung auf, was die Exporte anderer Branchen im Ausland verteuert. Beobachtet wurde das Phänomen in den Niederlanden in den 1960er-Jahren nach der Entdeckung von Erdgasvorkommen. Es gibt aber auch Parallelen zur Schweiz, wo die extrem erfolgreiche Finanzbranche Löhne und Währung in die Höhe schraubt.

Ricardos Theorie ist an viele Vereinfachungen gebunden. Schon die Tatsache, dass alle Länder, die Autos herstellen, solche sowohl exportieren als auch importieren, könnte es nicht erklären. Erst die Handelstheorie von Nobelpreisträger Paul Krugman erklärte, warum es intensiven Handel zwischen Ländern gibt, die sich in ihrer Wirtschaftsstruktur ähneln. Warum liefert etwa Deutschland Autos nach Frankreich oder Italien und importiert gleichzeitig Autos aus diesen (und anderen) Ländern? Weil sehr grosse Industrieunternehmen umso wirtschaftlicher arbeiten können, je grösser die Märkte sind, die sie beliefern. Also lohnt es sich etwa für Renault, ein bestimmtes Modell für einen bestimmten Käufertyp in Deutschland und in Frankreich zu verkaufen, Modelle für eine andere Zielgruppe aber den Deutschen zu überlassen. Ohne die von Krugman und anderen Ökonomen in der «Neuen Handelstheorie» formalisierten Modelle, wäre etwa das deutsche Exportwunder nicht zu erklären. Deutschland sendet nämlich etwa 80 Prozent seiner Exporte in relativ reiche, ähnlich ausgestattete Länder.