Interview
Freihandelsabkommen: «China macht mit der Schweiz einen Versuch»

Reto Müller, VR-Präsident der Helbling-Gruppe, spricht im Interview über Stressbewältigung, China und die Prosperität der Schweiz. Und über den Schaden, den die Schweiz bei einer Annahme der 1:12-Initiative erfahren würde.

Jürg Krebs
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Reto Müller in seinem Büro im 13. Stock des Obsidian-Hochhauses beim Bahnhof Altstetten.

Reto Müller in seinem Büro im 13. Stock des Obsidian-Hochhauses beim Bahnhof Altstetten.

Annika Bütschi

Topmanager sind einer enormen Belastung ausgesetzt. Wir haben Manager erlebt, die sich das Leben genommen haben, die auf Weltreise gehen oder die einen anderen Beruf ergreifen. Was unternehmen Sie, um im Berufsleben bestehen zu können?

Reto Müller: Bei dem Druck, dem Topmanager heute ausgesetzt sind, ist es zentral, dass sie wissen, wie sie mit sich selber umzugehen haben. Für mich bedeutet das, ein gesundes Leben zu führen, also ausgewogen zu essen, Sport zu treiben, genug Schlaf zu finden. Noch wichtiger ist es, einen Sinn und Werte für sein Leben zu definieren. Das gibt Kraft und Ruhe für die Bewältigung des Stresses.

Sie kennen keinen Stress?

Ich wehre mich, wenn unangemessener Druck auf mich ausgeübt wird. Stress sollte nicht auf Dritte abgewälzt werden. Jeder sollte vielmehr für sich Mechanismen entwickeln, wie eine Stresssituation zu lösen ist.

Sind hohe Saläre eine Entschädigung für den Stress, das hohe Engagement, das bei manchem zum Zerbrechen der Familie, zum Verlust des Soziallebens führt?

Nein. Der Verdienst ist hoffentlich das Resultat guter Arbeit und kein Schmerzensgeld. Meine Motivation ist jedenfalls nicht ein hohes Salär. Im Übrigen liegt es mir fern, ein Leben in materiellem Luxus zu führen. Auch das bringt Ruhe in mein Leben.

Lassen Sie uns auf China zu sprechen kommen. Sie sind ein Kenner dieses Marktes. Wie gut ist das kürzlich abgeschlossene Freihandelsabkommen wirklich?

Insgesamt ist es gut, weil gewisse Zölle reduziert wurden. Doch es wurden nicht alle Ziele erreicht. Für einzelne Werkzeugmaschinenbauer zum Beispiel gibt es keine Verbesserung der Situation. Offen ist zudem die Frage, wie gut der Schutz des geistigen Eigentums in der Praxis funktionieren wird.

Der Bundesrat hat also zu wenig gut verhandelt?

Das kann ich so nicht beurteilen. Tatsache ist: Das Abkommen ist gegenüber dem bisherigen Status quo eine deutliche Verbesserung. Die Schweiz erhält Zugang zu einem riesigen Markt. Solche Abkommen fördern den gegenseitigen Handel. Das verhilft dem Schweizer Export zu einem Vorteil auf dem Weltmarkt und schafft hierzulande Arbeitsplätze.

Der Schutz des geistigen Eigentums, also von Innovationen und Patenten, ist ein grosses Problem in China. Bringt das Abkommen endlich mehr Sicherheit?

Das wird die Zukunft weisen. Ich bin aber sicher, dass China auch aus Eigeninteresse den Schutz des geistigen Eigentums verstärken wird.

Um die eigenen Unternehmen zu schützen?

Ja, denn das ist heute zu wenig der Fall. Die chinesischen Firmen haben im Vergleich zur Summe aller westlichen Firmen zwar noch nicht so viel zu schützen. Doch das wird sich ändern. Es wird jedoch auch in Zukunft Firmen geben, die ihre Innovationen kaum schützen können. Ihnen bleibt deshalb nichts anderes übrig, als laufend einen Innovationsvorsprung sicherzustellen und besser zu sein als die Konkurrenz.

Warum lohnt es sich, in China tätig zu sein, obwohl das Risiko, kopiert zu werden, gross ist?

Weil China die zweitgrösste Volkswirtschaft ist und den Schweizer Firmen, die ich in China besucht habe, trotz allem überdurchschnittliche Renditen und mit 8 bis 10 Prozent ein überdurchschnittliches Wachstum bietet. Europa wächst derzeit kaum, die Schweiz nur sehr gering. Und selbst wenn China einmal schwächelt, bleibt es bezüglich Wachstumsrate Weltmeister – mit grossem Abstand gegenüber Indien und Brasilien.

Hat sich China in Sachen Rechtssicherheit gesteigert?

Es gibt noch Verbesserungspotenzial. Es ist aber auch eine Frage der Kultur: Während Schweizer Unternehmen sehr vertragsorientiert sind, kann man mit chinesischen Partnern immer wieder eine neue Lösung suchen. Das hilft, den Gerichtsweg zu vermeiden, was ein Vorteil ist.

Weil Verfahren langwierig sind oder wegen der Korruption?

Gerichtsverfahren sind langwierig, und manchmal wird die chinesische Position bevorteilt.

Müssen sich Schweizer Firmen also alles gefallen lassen?

Nein, gar nicht. Sie haben häufig relevantes Know-how, sind Zulieferer oder erbringen Engineeringleistungen. China hat ein eminentes Interesse an Schlüsseltechnologien und will in der Technologie, der Innovation sowie der Produktion und spezifisch im Umweltbereich vorankommen. Das stärkt die Position jener Schweizer Firmen, für deren Produkte und Dienstleistungen eine akzentuierte Nachfrage besteht. Die Preise für in der Schweiz hergestellte Produkte sind in China oft nicht tiefer als hier; das ist attraktiv.

Ist Swissness in China, wie andernorts ein Vorteil?

In den meisten Fällen schon. Präzision, Qualität, Zuverlässigkeit, auch Image, Ausstrahlung und Schweizer Marken werden sehr geschätzt. Und manchmal muss das Produkt sogar etwas mehr kosten, damit es geschätzt wird.

Die Schweiz hat nun im Gegensatz zur EU ein Freihandelsabkommen mit China. Wie lange wird dieser Wettbewerbsvorteil halten?

Die EU wird nicht so schnell nachziehen können. China macht mit der Schweiz einen ersten Testversuch, ob und wie sich ein Abkommen mit einer entwickelten Volkswirtschaft bewährt. Das wird ein paar Jahre dauern.

Stärkt das die Schweizer Position nachhaltig gegenüber der EU?

Das kommt darauf an. Denn die EU plant ein Freihandelsabkommen mit den USA. Dadurch steht dem Vorteil der Schweiz mit China ihr Nachteil mit den USA gegenüber.

China wird die USA in Sachen Wirtschaftsleistung bald überholen. Da setzt die Schweiz doch aufs richtige Pferd?

Die USA sind und bleiben ein ganz grosser und damit wichtiger Markt. Das Wachstum der USA wird mittelfristig weiterhin über demjenigen der EU liegen. Es braucht kein «Entweder-oder», sondern ein «Sowohl-als-auch», wenn es um die Märkte USA, Europa und Asien geht.

Die Schweizer Wirtschaft hält sich gut, angesichts der europäischen Probleme. Die Wachstumsrate liegt über der Europas, die Arbeitslosigkeit ist tief.

Das liegt daran, dass hier ein gesunder Unternehmergeist und eine Innovationsfreudigkeit herrschen. Die Schweiz ist flexibel und marktwirtschaftsorientiert. Die Sozialpartnerschaft funktioniert. Dann ist die Schweiz politisch stabil, sie hat eine hohe Rechtssicherheit, eine tiefe Verschuldung und ihre Ausgaben im Griff. Nicht zu vergessen sind schliesslich Grosskonzerne wie Nestlé, Novartis, Roche, ABB und viele andere, welche die Schweizer Wirtschaft stützen.

Die Schweiz ist im Selbstverständnis ein KMU-Land, dabei spielen Grosskonzerne eine tragende Rolle.

Definitiv. Sie tragen den Löwenanteil der Unternehmenssteuern und lösen eine Binnennachfrage bei den Zulieferfirmen aus, die nicht unterschätzt werden darf.

Sie haben die Sozialpartnerschaft erwähnt. Die Boni-Exzesse haben deutliche Spuren hinterlassen, wenn wir zum Beispiel an die 1:12--Initiative denken.

Stimmt. Wir müssen aufpassen. Doch die 1:12-Initiative ist das falsche Rezept. Eine Annahme der Initiative wäre für die Schweizer Wirtschaft sehr schädlich. Sie führte zu Steuersubstratverlust und risse ein Loch in die Sozialleistungen. Die Schweiz würde für Topleute uninteressant; es käme zum Braindrain verschiedene Firmen mit Management-, Handels-, Finanz- und Dienstleistungs- sowie anderen Funktionen würden abwandern.

Die Rahmenbedingungen stimmen also noch, doch die Konkurrenz schläft nicht. Sehen Sie die Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr?

Sie ist dann in Gefahr, wenn wir es nicht schaffen, unser hohes Lohnniveau und das hohe Bruttoinlandsprodukt pro Kopf durch eine entsprechend hohe Innovationskraft und Produktivität zu kompensieren.