FREIZEIT: Der Töff ist und bleibt riskant

Noch nie gab es auf Schweizer Strassen so wenige Unfalltote wie im vergangenen Jahr. Trotzdem gibt es keinen Grund zur Entwarnung das sagen Experten.

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Bild: Getty / Grafik Neue LZ

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Bernard Marks

Alle 35 Stunden stirbt ein Mensch auf Schweizer Strassen. Allein im Jahr 2014 ereigneten sich in der Schweiz fast 18 000 Verkehrsunfälle mit Personenschäden. Dabei verloren insgesamt 243 Menschen ihr Leben. Neben dem Autofahren gilt vor allem Motorradfahren gemeinhin als besonders riskant. Doch ist das wirklich so?

Aktuelle Zahlen des Bundesamtes für Statistik belegen zumindest auf den ersten Blick das Gegenteil. Ein Mehrjahresvergleich vom 1992 bis 2014 zeigt eine erfreuliche Bilanz der Motorrad/Roller-Unfallzahlen. Trotz Verdoppelung der zugelassenen Fahrzeuge von 336 000 auf 699 000 Stück sind die Unfälle mit tödlichen Folgen massiv zurückgegangen (siehe Grafik). Gab es im Jahr 1992 noch 132 tödliche Unfälle mit Motorrädern und Motorrollern in der Schweiz, wurden vergangenes Jahr nur noch 53 tödliche Unfälle registriert. Auch die Zahl der Schwerverletzten sank in diesem Zeitraum um 22 Prozent auf 1251.

Motorradfahren als Lifestyle

«Motorradfahrer sind vorsichtiger geworden und schützen sich besser», sagt Roland Fuchs, seit 25 Jahren Leiter der schweizerischen Fachstelle für Zweiradfragen. Die in den letzten Jahren im Rahmen der Aus- und Weiterbildung erfolgte Sensibilisierung der Töfffahrer habe das Risikoverhalten und die Risikoerkennung verbessert. Auch der technische Fortschritt bei der Entwicklung der Töffs und Roller zahle sich heute aus. Gute Schutzkleidung, der Besuch von Weiterbildungskursen und eine verfeinerte Technik mit elektronischen Fahrassistenzsystemen wie zum Beispiel ABS und ASR machen das Motorradfahren sicherer. «Es wird auch nicht mehr so schnell gefahren», sagt Fuchs. Heute sei das Motorrad seiner Ansicht nach eher ein Lifestyle, der gepflegt wird. «Die meisten suchen nicht den Kick, sondern den Genuss», sagt Fuchs.

«Die Entwicklung der schweren Motorradunfälle ist sicher als positiv zu werten», sagt Daniel Menna von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Trotzdem bleibt Motorrad fahren risikoreicher als Auto fahren. Bei aller Befriedigung über die markant zurückgegangenen tödlichen Unfälle zeigt ein differenzierender Blick auf die schweren Unfälle, dass der positive Trend nicht alle Fälle im selben Ausmass betrifft. «Es ist festzustellen, dass seit 2009 die Anzahl schwer verunfallter Motorradfahrer diejenige schwer verunfallter PW-Insassen übertrifft, wobei diese Schere immer weiter auseinandergeht», sagt Menna. Betrachtet man die verschiedenen Motorradklassen differenziert, stelle man fest, dass der positive Trend nicht umfassend ist. So ging etwa die Anzahl getöteter Fahrer von Motorrädern unter 125 Kubikzentimetern deutlich stärker zurück als die der getöteten Fahrer von stärkeren Maschinen. Und schliesslich sei zu beobachten, dass die Anzahl der schweren Personenschäden bei den unter 44-Jährigen in den letzten zehn Jahren deutlich zurückging, während sie bei den über 44-Jährigen im selben Zeitraum gestiegen ist.

Erhöhtes Risiko für Töfffahrer

Überraschenderweise spielt das Wetter bei den genannten Unfällen eher eine Nebenrolle. Gerade einmal bei 4,6 Prozent der Motorradunfälle waren die Wetter- und Strassenbedingungen mitverantwortlich. Zwei Drittel der Motorradunfälle sind hingegen fremdverschuldet. «Autofahrer übersehen wegen der zunehmend eingeschränkten Rundumsicht in modernen Autos oder einfach aus Unaufmerksamkeit – die Zweiradfahrer», sagt dazu Roland Fuchs. Insbesondere neuere Automodelle bieten wegen einer breiten A-Säule oftmals äusserst wenig Rundumsicht. Hinzu kommt: «Motorräder sind im Strassenverkehr weniger gut sichtbar als zweispurige Fahrzeuge, die werden daher häufig zu spät erkannt oder sogar ganz übersehen», sagt Menna.

Vergleicht man das kilometerbereinigte Risiko von Motorradfahrern, bei einem Unfall schwer oder tödlich verletzt zu werden, mit dem eines PW-Insassen, bleibt festzustellen, dass dieses statistische Risiko bei Bikern nach wie vor erheblich höher als bei Autofahrern ausfällt. Das Sterberisiko pro zurückgelegter Distanz ist beim Motorrad sogar mehr als 200-mal grösser als bei der Eisenbahn.

Zumeist multiple Frakturen

Doch nicht nur der Tod, auch Verletzungen können in der Folge eines Motorradunfalls durchaus schwerwiegend sein. Auffällig stark sind bei Motorradunfällen die Extremitäten wie Arme und Beine betroffen sie stehen vom Körper am meisten ab und kollidieren deshalb am ehesten mit Hindernissen. So kollidiert bei einem Verkehrsunfall mit Motorrad der Kopf des Fahrers zumeist mit dem Auto, etwa an der B-Säule oder der Motorhaube, bevor ein harter Aufprall des Fahrers auf die Strasse folgt. So sind in der Regel bei einem Motorradunfall die Brüche und Frakturen multipler Natur, die Fahrer sind mindestens schwer verletzt (siehe Grafik). Die Folge sind langwierige Behandlungen und Spitalaufenthalte.

Was gilt es zu beachten?

Um Unfälle zu verhindern, ist eine vorausschauende und defensive Fahrweise der Töfffahrer entscheidend. Auch eine gut sichtbare Kleidung ist empfehlenswert. Zudem kann stabile Kleidung für den Töfffahrer überlebenswichtig sein. Vor allem bei den gegenwärtig herrschenden hohen Temperaturen sitzen oft Leute in T-Shirts, Shorts und mit Flip-Flops auf den Motorrädern. «Wer so ausgerüstet stürzt, riskiert schwerste Verletzungen», sagt Menna.

«Motorradlenkende haben weniger Schutzeinrichtungen zur Verfügung als Autolenkende», sagt Roman Angermann vom Bereich Verkehrssicherheit beim Touring-Club Schweiz (TCS). Er empfiehlt, unbedingt eine Schutzausrüstung zu tragen. «Bei der Schutzkleidung gab es in den letzten Jahren kontinuierliche Weiterentwicklungen, so beispielsweise die Airbagjacke, die Airbagkombi, aber auch wesentlich effektivere Handschuhe und Motorradstiefel», sagt Angermann. Mehr zum Thema Fahrsicherheit und Tipps rund um das Motorradfahren gibt es auf der Internetseite des TCS oder auf dem TCS-App für das Smartphone. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung hat im Rahmen ihrer Motorradkampagne ebenfalls einige «Überlebensstrategien» für Töfffahrer zusammengestellt (siehe unten).

Daniel Menna hofft allerdings auch auf eine gewisse Einsicht der Behörden. «Eine Verbesserung der Strasseninfrastruktur in Hinsicht auf die Motorräder, so etwa durch das Anbringen von Unterfahrschutz an gewissen Leitplanken, wäre wünschenswert», sagt Menna.

Bild: Grafik Neue LZ

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