FRÜHPENSIONIERUNG: Geld oder Leben!

Die Babyboomer-Generation kommt auf den Geschmack der Frühpensionierung, heisst es immer öfter. Warum das nur eine These ist – und zudem eine ziemlich heikle.

Daniel Zulauf
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Einkommenseinbusse, dafür mehr Zeit für Familie und Hobbys: Frühpensionierte. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

Einkommenseinbusse, dafür mehr Zeit für Familie und Hobbys: Frühpensionierte. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

Daniel Zulauf

Tim Zemp hat einen grossen Teil seines Berufslebens noch vor sich. Trotzdem redet er an vielen Tagen nur noch über Altersvorsorge. «Jedes Mal, wenn das ­Thema prominent in den Medien zur Sprache kommt, strömen bei uns die Kunden herein», sagt der Leiter der Luzerner Nieder­lassung des VZ Vermögenszen­trums. «Viele wollen dann wissen, ob sie sich eine Frühpensionierung leisten können.»

An beunruhigenden Medienberichten zum Zustand des Vorsorgesystems herrscht in der Tat kein Mangel. Die ewig gleichen trüben Rechnungen über den laufenden Zerfall der Renten aus der zweiten Säule finden immer häufiger den Weg an die breite ­Öffentlichkeit. Noch vor kurzer Zeit galt ein Begriff wie der ­«Umwandlungssatz» als medialer Quotenkiller. Inzwischen macht er Schlagzeilen – zu Recht.

Der Satz, zu dem die Pensionskassen die angesparten ­Alterskapitalien in Renten umrechnen, liegt aktuell bei durchschnittlich etwa 6 Prozent. Das zeigt die jährliche Pensionskassenumfrage des Anlage- und Beratungsunternehmens Swisscanto, deren Ergebnisse vor wenigen Tagen veröffentlicht wurden. Den eigenen Prognosen der befragten Vorsorgeeinrichtungen zufolge dürfte der Satz in näherer Zukunft auf durchschnittlich 5,5 Prozent absinken. «Realität und Gesetz klaffen auseinander und werden dies ungeachtet des Ausgangs der im Herbst stattfindenden Volksabstimmung mit wachsendem Ausmass tun», kommentiert Swisscanto.

Lebensstandard nicht mehr gesichert

In der Tat liegt der tatsächliche durchschnittliche Umwandlungssatz mit 6 Prozent bereits dort, wo ihn die im September vom Volk zu beschliessende Rentenreform gesetzlich neu fest­legen will. Das aktuell geltende Mindestniveau von 6,8 Prozent hat er schon vor zehn Jahren unterschritten. Es herrscht aber nur scheinbar eine Differenz zwischen Realität und Gesetz, denn der gesetzliche Umwandlungssatz gilt nur für den obligatorisch zu versichernden Lohn in der zweiten Säule. 85 Prozent der Destinatäre sind aber in sogenannten umhüllenden Pensionskassen versichert. In diesen Kassen verdienen viele Beitragszahler mehr als das Obligatorium, sodass sich die gesetzliche Minimalleistung auch mit einem tiefen durchschnittlichen Umwandlungssatz erfüllen lässt. Allerdings liegen die Leistungen einer Mehrheit der umhüllenden Kassen nur knapp über dem Obligatorium.

Einschneidend genug sind die Kürzungen der künftigen Renten für die noch berufstätigen Jahrgänge der Babyboomer-Generation allemal. Am Ende eines Berufslebens kommt ein durchschnittlicher männlicher Versicherter auf ein Alterskapital von vielleicht 400000 Franken. Bei einem Umwandlungssatz von 6 Prozent lässt dieses Kapital eine Jahresrente von 24000 Franken erwarten. Das Beispiel entspricht etwa der Durchschnittsrente nach einer ordentlichen Pensionierung, wie sie das Bundesamt für Statistik (BFS) im März im Rahmen der erstmaligen Veröffentlichung der Neurentnerstatistik bekannt gegeben hat. Sinkt der Umwandlungssatz in dem Beispiel auf 5,5 Prozent, fällt die Rente um über 8 Prozent auf 22000 Franken. Mit diesem Einschnitt dürfte der vom Gesetz­geber intendierte Erhalt des gewohnten Lebensstandards nach der Pensionierung in vielen Fällen nicht mehr gewährleistet sein.

Vor diesem Hintergrund mag die These einleuchtend klingen, dass viele künftige Rentnergenerationen die Frühpensionierung in Erwägung ziehen, um der ­negativen Entwicklung zuvorzukommen. Noch sind Rentenkürzungen für Pensionierte eine politische Tabuzone. Die erwähnte Swisscanto-Studie scheint die These in der Tat zu stützen: 58 Prozent der Destinatäre aller befragten Kassen gingen vor dem ordentlichen Rentenalter in Pension – im Durchschnitt eineinhalb Jahre früher, besagt die Studie. «Ein überraschend hoher Wert», sagt Studienleiter Othmar Simeon, allerdings ohne dessen Hintergründe zu kennen.

Hoch ist der Swisscanto-Wert vor allem, wenn man ihn ins ­Verhältnis zu den bisher bekannten Zahlen über Frühpensio­nierungen setzt. Die letzten umfassenden Untersuchungen des Bundesamtes für Statistik auf Grundlage der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake) datieren vom Jahr 2012. Danach bewegen sich die Frühpensionierungen in der Schweiz je nach ­Definition zwischen 22 Prozent (Selbstdeklaration) und 29 Prozent (Bezug einer Leistung aus einer oder allen drei Säulen des Vorsorgesystems). Verglichen mit dem Jahr 2008 haben die Frühpensionierungen nach dieser Darstellung um mehr als 20 Prozent beziehungsweise 30 Prozent abgenommen. Vor diesem Hintergrund wäre die Swisscanto-Zahl von 58 Prozent ein echter «Brüller». Immerhin stellt man in der Schweiz schon seit den 90er-Jahren einen stetigen Rückgang der Frühpensionierungen fest. Der Anteil erwerbstätiger Personen im Alter von über 55 Jahren ist hierzulande deshalb so hoch wie fast keinem anderen OECD-Land.

Potenzial der selbsterfüllenden Prognose

Doch an der Zuverlässigkeit der Swisscanto-Statistik kann gezweifelt werden. So zeigt zum Beispiel die genannte Neu­rentnerstatistik, dass von den Personen, die 2015 erstmals eine Leistung aus der zweiten Säule bezogen haben (Rente oder Kapitalbezug) «nur» 44 Prozent das gesetzliche Rentenalter noch nicht erreicht haben. Die dünne Daten- und Faktenlage ist nicht nur unbefriedigend für Statistiker. Sie ist auch politisch ein Problem. Der angebliche Trend zu mehr Frühpensionierungen hat durchaus das Potenzial einer selbsterfüllenden Prognose, wenn er die entsprechende ­mediale Unterstützung erhält.Dementsprechend drängt sich die Frage auf, wem ein solcher Trend überhaupt nützen könnte.

Die Versicherten sind es nicht – wenigstens nicht finanziell. «Eine Frühpensionierung ist teuer. Das Salär eines ganzen Jahres oder sogar mehrerer Jahre fällt weg. Diese Einkommens­einbusse nehmen viele in Kauf, weil sie auf der anderen Seite mehr Zeit für sich, die Familie und ihre Hobbys haben», sagt VZ-Berater Zemp. Personen oder Haushalten mit hohen Einkommen fällt dieser Entscheid naturgemäss leichter. Genau diese Kategorie der angehenden Rentner ist für die Pensionskassen aber besonders teuer. Hier könnten sich Frühpensionierungen auch für die Kassen und allenfalls auch für die Unternehmen finanziell auszahlen.

«Vorzeitiger Ausstieg ist ein grosser Schritt»

Für rote Köpfe sorgte im vergangenen Jahr die Pensionskasse der Credit Suisse, als sie ihren Versicherten Knall auf Fall ankündigte, ab 2017 würden nur noch Renten bis maximal 98700 Franken im Jahr ausbezahlt. Überschüssige Altersguthaben müssten als Kapital bezogen werden. Mit solchen Massnahmen verschieben Pensionskassen das sogenannte Langlebigkeitsrisiko auf die Versicherten. Diese müssen das Kapital in eigener Regie anlegen und die Verantwortung selber übernehmen, wenn die Rendite nicht reicht. Gleichzeitig kündigte die Bank eine kräftige Senkung des Umwandlungssatzes an. Die Massnahme hatte zur Konsequenz, dass beispielsweise ein 62-jähriger Mitarbeiter mit einer vorzeitigen Pensionierung bei der Kassenrente finanziell besser fuhr, als wenn er bis zum ordentlichen Pensionsalter weitergearbeitet hätte. Böse Zungen behaupten, die Grossbank habe «freiwillige» Frühpensionierungen mit dieser Massnahme bewusst zu provozieren versucht.

«Unternehmen, die aus wirtschaftlichen Gründen Arbeitsplätze abbauen, entlassen oft ­zuerst ältere Mitarbeitende in die Frühpensionierung. Gleichzeitig schrumpfen die Altersrenten in einem besorgniserregenden Tempo. Wegen der sinkenden Renten überlegen sich viele angehende Pensionierte, vorzeitig aufzuhören. Sie hoffen, dass sie so zumindest teilweise noch vom höheren Umwandlungssatz profitieren können, der heute gilt», sagt Tim Zemp vom VZ Vermögenszentrum.

Fakt ist, dass sich die Interessen der Unternehmen und der Kassen bei dem Thema in unheilvoller Weise verbinden können. Eine Klärung der Datenlage tut dringend Not, damit in der noch berufstätigen Generation der ­Babyboomer nicht plötzlich das Gefühl entsteht, wer bis 64 oder 65 am Arbeitsplatz bleibt, habe etwas falsch gemacht. Zemp sagt über seine Kunden auf dem Weg zur Frühpension: «Der vorzeitige Berufsausstieg ist ein grosser Schritt – auch finanziell. Er kann gelingen, wenn man sich frühzeitig mit dem Thema auseinandersetzt und die verbleibenden Jahre bis zur ordentlichen Pensionierung geschickt finanziert.»