Peter Spuhler ist zurück als Chef von Stadler – wegen Meinungsverschiedenheiten ist CEO Thomas Ahlburg nicht mehr im Amt 

Inmitten hektischer Zeiten muss der Schienenfahrzeugbauer Stadler auf Chefsuche. Nach dem Abgang von Thomas Ahlburg springt Peter Spuhler in die Bresche und bürdet sich neben seinen Aufgaben als Verwaltungsratspräsident und Ankeraktionär vorübergehend zusätzliche Arbeit auf. Und dies just, während Stadler in der Coronapandemie und wegen des Hackerangriffs tüchtig gefordert ist.

Thomas Griesser Kym
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Da waren sie noch ein Herz und eine Seele: Peter Spuhler (links) gibt bekannt, dass er per Anfang 2018 auf dem Chefsessel von Stadler Platz macht für Thomas Ahlburg.

Da waren sie noch ein Herz und eine Seele: Peter Spuhler (links) gibt bekannt, dass er per Anfang 2018 auf dem Chefsessel von Stadler Platz macht für Thomas Ahlburg.

Bild: Thi My Lien Nguyen (Bussnang, 20. September 2017)

Knapp zweieinhalb Jahre konnte sich Peter Spuhler bei Stadler Rail etwas zurücknehmen. Per Anfang 2018 hatte er nach 30 Jahren in der operativen Verantwortung das Amt des Konzernchefs an Thomas Ahlburg übertragen. Selber konzentrierte sich Spuhler, der Stadler im Jahr 1989 mit 18 Mitarbeitenden übernommen und zu einem Weltkonzern mit über 10000 Beschäftigten ausgebaut hatte, auf das Amt des Verwaltungsratspräsidenten und des mit Abstand grössten Aktionärs.

Doch nun muss Spuhler per sofort wieder in den Ring steigen und den CEO-Posten übernehmen. Wie Stadler am Auffahrtsabend bekannt gab, ist Ahlburg in dieser Funktion ausgeschieden. Der Verwaltungsrat und Ahlburg hätten entschieden, «das Arbeitsverhältnis einvernehmlich aufzulösen». Eine solche Formulierung lässt an Uneinigkeit oder Streit denken. Stadler schreibt:

«Grund sind Differenzen hinsichtlich der strategischen und organisatorischen Weiterentwicklung.»

Angeblich kein Streit

Konzernsprecherin Marina Winder geht auf diese Differenzen nicht näher ein. Sie sagt lediglich, es habe «nicht ein einzelnes Thema» gegeben, über das Uneinigkeit geherrscht habe. Winder betont ausserdem, es habe keinen Streit zwischen Spuhler und Ahlburg gegeben, und «die beiden verstehen sich sehr gut». Darauf hindeuten könnte, dass laut Mitteilung Ahlburg dem Unternehmen noch bis Ende Jahr als Senior Advisor zur Verfügung stehen soll. Laut Winder dürfte es vor allem um eine beratende Rolle bei verschiedenen Projekten gehen.

Peter Spuhler will wieder Platz machen

Abgesehen davon will sich ETH-Ingenieur Ahlburg beruflich neu ausrichten und als selbstständiger Unternehmer tätig werden. Vor seiner Arbeit als Stadler-CEO war er seit Mai 2012 Leiter des grössten Werks am Hauptsitz in Bussnang und ab 2015 zusätzlich Spuhlers Stellvertreter. Davor war Ahlburg für den Stadler-Konkurrenten Bombardier tätig. Geplant ist, dass Spuhler das Amt des Konzernchefs interimistisch ausübt. Winder sagt:

«Wir suchen intern und extern einen Ersatz für Thomas Ahlburg.»

Spuhler dürfte sich an der operativen Spitze rasch wieder zurechtfinden, kennt er doch als vormaliger CEO das Unternehmen wie seine Westentasche, und als exekutiver Verwaltungsratspräsident und Ankeraktionär ist er immer stets nahe dran gewesen an allen Entscheiden, sowohl strategischer wie auch operativer Natur.

An allen Ecken und Enden gefordert

Klar ist, dass Spuhler mehr Arbeit bekommt. Wobei er auch nach seinem Rückzug als Konzernchef nicht wirklich weniger zu tun hatte. So haben ihn der Börsengang des Unternehmens im vergangenen Jahr, die Expansion nach Asien, die Entwicklung neuer Schienenfahrzeuge oder der Vorstoss in neue Geschäftsfelder wie die Entwicklung von Batterie- und Wasserstoffantrieb oder die Forcierung der Signaltechnik mächtig auf Trab gehalten und gefordert.

Hinzu kam der stufenweise Umzug des Werks Altenrhein an den neuen, 86 Millionen Franken teuren Standort St. Margrethen, der laut Winder weitgehend abgeschlossen ist. Zudem galt es das rasche Wachstum zu bewältigen, das wegen Problemen bei der Einarbeitung der vielen neuen Arbeitskräfte da und dort zu verspäteten Auslieferungen geführt hat.

Cyberkriminelle und das Coronavirus plagen Stadler

Gegenwärtig sind Spuhler und sein Team zusätzlich in der Bewältigung der Coronapandemie gefordert und des jüngsten Hackerangriffs. Stadler ist noch immer daran, das Ausmass des Datenabflusses zu eruieren, was laut Experten eine Herkulesaufgabe ist. Unbekannte Täter hatten sich Zutritt zu Stadlers IT-System verschafft und versuchen das Unternehmen mit der Drohung, die gestohlenen Daten zu veröffentlichen, zu erpressen. Die Thurgauer Staatsanwaltschaft ermittelt. Die Produktion neuer Züge laufe normal, bekräftigt Winder frühere Angaben.

Trotz Corona und des Hackerangriffs läuft die Produktion bei Stadler weiterhin auf hohen Touren.

Trotz Corona und des Hackerangriffs läuft die Produktion bei Stadler weiterhin auf hohen Touren.

Bild: Urs Bucher (Bussnang, 5. März 2020)

Betreffend Corona schreibt Stadler, man spüre durch die dadurch ausgelöste Krise bisher «relativ geringe Auswirkungen». Anders als die Autoindustrie leide man an keinem Ausfall der Nachfrage, Stadler verfügt über eine hohe Liquidität und einen sehr hohen, mehrjährigen Auftragsbestand. Dieser betrug Ende 2019 rund 15 Milliarden Franken.

Komplikationen seitens Lieferanten

Stadler räumt aber ein, kurzfristig hätten Komplikationen in der Zulieferindustrie einige Liefer- und Transportketten unterbrochen. Als Beispiel nennt Winder verzögerte Lieferungen von Teilen durch Lieferanten, die wiederum Unterlieferanten im asiatischen Raum haben. Weil zudem Kunden und Mitarbeitende von Reiserestriktionen betroffen sind, führte dies zu verzögerten Zulassungen, Abnahmen und Fakturierungen.

Darum erwarte Stadler, dass sich beim Rollmaterial gewisse Umsätze in die Zukunft verschieben, und die Ausdünnung von Fahrplänen im öffentlichen Verkehr schmälert temporär den Umsatz der Sparte Service und Komponenten, also Instandhaltung und Ersatzteile.

Die Finanzziele 2020 sind nicht mehr zu halten

All das führt zusammen mit den Ungewissheiten über die weitere Entwicklung dazu, dass Stadler seine Finanzziele für 2020 aussetzt. Bisher erwartete Stadler ein zweistelligen Wachstum des Umsatzes, der vergangenes Jahr 3,2 Milliarden Franken betrug, und ein ähnliches Ergebnis wie im Vorjahr. Damals belief sich das Betriebsergebnis auf 194 Millionen Franken, womit die operative Marge von 7,5 Prozent auf 6,1 Prozent des Umsatzes zurückfiel. Diese dürfte nun weiter abrutschen. Mittelfristig peilt Stadler weiterhin eine Marge von 8 Prozent an.

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