Digitec-Gründer
«Für mich ist die Vorstellung, in der Stadt einzukaufen, sehr exotisch»

Online-Pioniere: Mit ihrem Elektronik-Online-Shop digitec.ch machen Florian Teuteberg und Oliver Herren in der Schweiz mehr Umsatz als Amazon und Zalando.

Fabian Hock
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Die beiden Digitec-Gründer Florian Teuteberg (links) und Oliver Herren (rechts).

Die beiden Digitec-Gründer Florian Teuteberg (links) und Oliver Herren (rechts).

André Albrecht

Dienstagmittag, Firmensitz des Online-Händlers Digitec im Technopark Zürich, 5. Stock: Auf den Gängen trifft man junge Menschen in Kapuzenpulli und Turnschuhen. Entspannt geht es zu, von Hektik keine Spur. Das gilt auch für die beiden Chefs. Auch sie tragen einen Pulli, der eine dazu Turnschuhe und Drei-Tage-Bart, der andere Sandalen. Florian Teuteberg und Oliver Herren sind Mitte 30 — und zwei der erfolgreichsten Internetunternehmer des Landes. Zusammen mit ihrem Kumpel Marcel Dobler, der inzwischen nicht mehr an Bord ist, gründeten sie vor rund 14 Jahren den Online-Shop digitec.ch – und machten ihn zum erfolgreichsten in der Schweiz.

Familie und Sport

Florian Teuteberg (36) hat an der Technischen Hochschule Rapperswil Maschinenbau studiert. Zusammen mit seinen beiden Freunden Oliver Herren und Marcel Dobler gründete er den Online-Shop Digitec im Jahr 2001. Teuteberg ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist passionierter Ruderer und verbringt viel Zeit mit seiner Familie.

Oliver Herren (35) ist Mitgründer und gemeinsam mit Teuteberg Co-CEO von Digitec. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Seine Freizeit verbringt er mit seiner Familie oder beim Sport.

Herr Teuteberg, Herr Herren, seit wann genau kennen Sie sich?

Teuteberg: Ungefähr zwei Jahre länger, als es die Firma gibt, also seit etwa 16 Jahren. Nach der Matur haben wir uns kennen gelernt.

Stimmt es, dass Sie damals Computer zusammengeschraubt und diese dann an Freunde verkauft haben?

Teuteberg: Ja, das stimmt. Wir haben uns über das Gamen kennen gelernt und waren interessiert an guter Hardware. Die war damals nicht so leicht zu beschaffen. Wir haben uns informiert und angefangen, selbst an unseren Rechnern zu arbeiten.

Was haben Sie gespielt, was war der Renner damals?

Teuteberg: Duke Nukem 3D und Command and Conquer. Half Life war auch ein schönes Spiel, das haben wir oft zusammen gespielt.

2012 haben Sie 30 Prozent Ihres Unternehmens an die Migros verkauft. Den Kaufpreis geben Sie nicht bekannt. Laut Medienberichten sollen es 42 Millionen Franken für Sie drei gewesen sein. Also: Was macht man mit 14 Millionen Franken?

Herren: Auf der Bank parkieren und hoffen, dass es keine Minuszinsen gibt. (lacht)
Teuteberg: Die Beträge sind falsch, aber wir kommentieren es trotzdem nicht.

Von der Zusammenarbeit mit der Migros hatten Sie sich Vorteile beim Einkauf versprochen. Wie fällt Ihre Bilanz bisher aus?

Teuteberg: Bisher sehr gut. Der Austausch ist vorhanden, aber das Auftreten nach aussen, auf die Beschaffungsseite, könnte manchmal noch geschlossener sein.

... auch gegenüber den Kunden?

Teuteberg: Nein, da gibt es keine Bestrebungen, zusammen aufzutreten.

Seit dem Einstieg der Migros ist Ihr Verwaltungsrat paritätisch besetzt. Es gibt keinen Präsidentenentscheid, falls man sich nicht einig wird.

Herren: Eine schweizerische Lösung.

Teuteberg: Wir haben das bewusst so geregelt, aber klar, üblich ist das normalerweise nicht – dass die CEO, wie bei uns, gleichzeitig im Verwaltungsrat sitzen, allerdings auch nicht. Wir sind da eher KMU, die Börse würde das wohl nicht akzeptieren.

Haben sich die Migros-Verwaltungsräte daran gewöhnt, Sie im Pulli anzutreffen?

Teuteberg: Die meisten kommen schon im Anzug, aber die Migros hat auch andere junge Unternehmen wie M-Way, wo man auch nicht immer Anzug trägt.

Herren: Manche kommen eben mit Krawatte, manche kommen ohne. ..

... es stört sich niemand daran?

Herren: Ich habe mir schon überlegt, mal etwas zu sagen ... (lacht)

Wie gross ist denn Ihr Einfluss auf die Migros in Sachen Firmenkultur? Konnten Sie schon etwas Dynamik in den manchmal etwas träge wirkenden Handelsriesen bringen?

(kurze Pause)

Teuteberg: Es wäre etwas vermessen, zu sagen, wir hätten einen Einfluss auf die Unternehmenskultur. Natürlich unterscheiden wir uns von unserer Denkweise und von unserer Art und auch mit unserem Alter von vielen Führungskräften in der Migros. Der Einfluss ist aber eher auf der wirtschaftlichen Seite. Für die Denkweise des E-Commerce ist man bei der Migros sehr offen – besonders auf der Ebene Bolliger (Präsident der Generaldirektion, Anm. d.Red.) und Berninghaus (Leiter Handel). Umgekehrt ist es aber genau gleich: Für uns ist es sehr spannend, den klassischen Handel besser kennen zu lernen.

In Ihrem Online-Warenhaus Galaxus bekommt man fast alles – vom Vampirgebiss für Fasnacht bis hin zum 46 000 Franken teuren Server fürs Rechenzentrum. Wer genau ist Ihre Zielgruppe?

Herren: Jeder, der schnell und einfach einkaufen will.

Teuteberg: Primär der Privatkunde, aber auch Firmenkunden, die von dem auf Privatkunden zugeschnittenen Angebot einen Vorteil haben.

Warum ist die Schweiz im Online-Handel keine Hochpreisinsel?

Teuteberg: Der Markt ist extrem kompetitiv. In der Schweiz gibt es ein Wettbewerbsumfeld, das mindestens so hart ist wie im Ausland.

Wie haben Sie den Frankenschock verdaut?

Teuteberg: Er ist noch nicht ganz verdaut. Grundsätzlich ist es für uns aber neutral. Die Preise, zu denen wir einkaufen, basieren letztlich immer auf dem Euro oder Dollar. Auf Beschaffungsseite findet in der Schweiz nur ein kleiner Teil der Wertschöpfung statt. Es gibt aber eine allgemeine Tendenz, dass der mittlere Verkaufspreis unter Druck gerät. Das verstärkt sich noch durch den starken Franken.

Haben Sie darauf schon reagiert und Preise gesenkt?

Herren: Ständig. Viele Produkte bei uns sind an den Euro-Kurs gekoppelt. Wenn sich der Kurs verändert, findet die Anpassung automatisch statt.

Zu Ihrem Erfolgsgeheimnis sagten Sie einmal, Herr Teuteberg: «Wir sind sehr günstig und bieten mehr Leistung an als die anderen.» Haben alle anderen Online-Händler irgendetwas nicht kapiert?

Teuteberg: Unsere Produktivität ist höher als bei anderen. Wir haben weniger Kosten, um die gleiche Leistung zu erbringen. Das ermöglicht uns, entweder günstiger oder gleich teuer zu sein und dafür mehr Leistung reinzupacken.

Herren: Speziell ist auch, dass wir alles selbst entwickeln. Dadurch sind wir gezwungen, jeden Prozess zu hinterfragen und zu schauen, was man verbessern kann.

Sie machen eigentlich keine Angaben zu Ihrem Umsatz. Letztes Jahr haben Sie aber eine halbe Milliarde kommuniziert.

Herren: Das haben wir einmalig gemacht. Kommuniziert haben wir auch nur die Erreichung der Marke, nicht den gesamten Umsatz.

Das heisst, Sie haben im letzten Jahr wesentlich mehr umgesetzt als 500 Millionen Franken?

(lange Pause)

Haben Sie Angst, dass man Sie als zu gross wahrnimmt?

Teuteberg: Wir sehen einfach keinen Vorteil darin, Zahlen zu veröffentlichen. Unsere Partner kennen uns und für den Konsumenten spielt es keine Rolle.

Herren: Wir wollten am Anfang nicht auf den Radar der anderen kommen. Als wir schon 300, 400 Millionen gross waren, haben uns viele Konkurrenten auf 100 oder 150 Millionen eingeschätzt. Das war für uns ein Riesenvorteil, wir waren so länger unter dem Radar. Jetzt könnten wir es eigentlich kommunizieren, aber wir wollen es nicht.

Auf dem Radar könnten auch bald Drohnen auftauchen – nämlich die von Amazon. Bestellte Waren sollen immer schneller zum Kunden transportiert werden. Was halten Sie davon?

Herren: Die Lieferung am selben Tag ist derzeit ein Hype. Ich bin davon nicht vollständig überzeugt. Mir als Kunde ist es total egal, ob ich meine Bestellung am gleichen Tag erhalte oder nicht.

Teuteberg: Das kommt auch ein wenig auf das Gewohnheitsverhalten der Konsumenten an: Im Kleiderbereich ist eine Woche normal, im Elektronikbereich ist alles über einen Tag absolut ein No-go. Bei uns kann man die Ware ausserdem auch selbst abholen, dann hat man sie noch am selben Tag. Wir haben das übrigens schon ausprobiert: Zusammen mit einem Logistikanbieter haben wir ein Experiment gemacht: Wer bis am Mittag bestellt, bekommt die Ware am Abend.

Und das wurde nicht angenommen?

Herren: Gratis haben die Leute das ausgewählt, aber sobald es etwas gekostet hat, nicht mehr.

Teuteberg: Ganz egal wie hoch der Preis war, schon bei einem Franken haben die Leute lieber einen Tag länger gewartet.

Viele Konsumenten wollen das online Bestellte selbst abholen. Da hätten Sie mit der Migros ja einen perfekten Partner. Gibt es Gedanken in diese Richtung?

Teuteberg: (kurze Pause, nickt) Gedanken gibt es.

Schon irgendwas Konkretes?

Teuteberg: Nein, aber Gedanken. Wir glauben, dass das interessant wäre.

Wie wird sich der E-Commerce Ihrer Meinung nach in der nächsten Zeit entwickeln?

Teuteberg: Der E-Commerce ist noch ganz am Anfang und wird sich noch massiv weiterentwickeln. Die Gewohnheit, gewisse Sachen im Laden anzuschauen und zu kaufen, ist in den Köpfen noch stark verhaftet. Wenn man sich erst mal von dieser Gewohnheit löst und sich zugleich die E-Commerce-Konzepte verbessern, wird der Anteil der Online-Käufe noch weit nach oben gehen.

In welchen Bereichen müsste man ansetzen?

Herren: Bei der Produktinformation gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Microsoft HoloLens zum Beispiel: Damit können Sie sich die Produkte virtuell in 3-D anschauen. Schlussendlich gibt es keinen Grund mehr, sich ins Auto zu setzen, um im Laden mit begrenzter Auswahl einzukaufen und die Ware nach Hause zu transportieren. Ich mache das schon heute nicht mehr. Für mich ist die Vorstellung, in einem Laden in der Stadt einzukaufen, etwas sehr Exotisches. Eigentlich ist dieser Aufwand, der dafür betrieben wird, absurd.

Sie kaufen gar nichts mehr im Laden?

Herren: Jeans kaufe ich noch im Laden, das geht online noch nicht so gut. Aber irgendwann wandert das alles ins Internet.