«Für Trinkgeld muss man noch freundlicher sein»

Ist das Geld knapp, wird bei freiwilligen Leistungen gespart. Dazu gehört das Trinkgeld. Fricktaler Kellner, Zimmermädchen und Restaurantleiter erzählen, wofür sie noch Trinkgeld erhalten.

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Aargauer Zeitung

Catarina Martins

Gastgewerbe spürt die Wirtschaftskrise

In den ersten drei Monaten dieses Jahres sind die Umsätze im Gastgewerbe deutlich zurückgegangen. Hotels und Restaurants haben im Vergleich zum Vorjahresquartal durchschnittlich 6,3 Prozent weniger Umsatz gemacht, dies ergab die Konjunkturumfrage des Branchenverbandes Gastro Suisse. Besonders stark getroffen hat es die Hotels. Diese müssen einen Umsatzrückgang von 12,1 Prozent verzeichnen. Auch in den Restaurants wurde weniger konsumiert. 2,9 Prozent beträgt der Umsatzrückgang in diesem Bereich im Vergleich zum Vorjahresquartal. (lbr)

Überall wird von der Wirtschaftskrise gesprochen und in Ratgebern stehen Tipps, wie man der Krise trotzen kann. Überlegt sich der Gast deshalb zweimal, nach einem Restaurantbesuch Trinkgeld zu geben? «Bei uns ist das nicht der Fall. Die Gäste sind genauso grosszügig wie früher», meint das Personal des Restaurants Meerfräulein in Laufenburg. Dieser Meinung ist auch Ana Marçal, Reinigungsfachkraft aus einem Rheinfelder Hotel. «In Bezug auf Trinkgeld gibt es keine Krise», meint Marçal. «Wirtschaftskrise? Welche Krise», scherzt Reto Bürgi, Geschäftsführer des Gasthauses zum Rebstock in Frick. «Bei uns spüren wir keinen Rückgang bei den Trinkgeldern», so Bürgi weiter.

«Die Gäste sind gleich grosszügig wie früher.»

Bei anderen Gastronomiebetrieben im Fricktal haben die Trinkgelder allerdings abgenommen. «Die Wirtschaftskrise hat sich bei unseren Trinkgeldern schon bemerkbar gemacht. Ich habe das Gefühl, dass sie zurückgegangen sind», äussert sich eine Reinigungsfachfrau aus einem Fricktaler Hotel. An einem Wochenende habe sie in den Zimmern, die sie putzen musste, bis zu 30 Franken Trinkgeld gefunden. Seit Beginn der Wirtschaftskrise erhält sie nun deutlich weniger Trinkgeld. Das Personal im Hotel Plantanenhof in Frick vermerkt ebenfalls einen Rückgang der Trinkgelder.

Beim Hotel Ochsen in Rheinfelden äussert sich die Abnahme der Trinkgelder unterschiedlich. «Wenn Gäste bei uns zum Beispiel zu Abend essen, geben sie gleich viel Trinkgeld wie früher. Sie runden den Betrag immer auf. Bei Gästen, die nur etwas trinken, ist das Trinkgeld allerdings zurückgegangen», erklärt Carlos Gamez vom Hotel Ochsen.

Was unternimmt das betroffene Personal, um auch in Krisenzeiten gleich viel Trinkgeld zu erhalten wie früher? «Wir gehen jedem Wunsch sofort nach und sind freundlich wie immer», so das Personal im Hotel Plantanenhof. Auch Servicefachangestellte und Reinigungsfachfrauen versuchen mit konstant guter Arbeit und Freundlichkeit ihr Trinkgeld wieder ein wenig zu erhöhen. Denn über Trinkgeld freut sich jeder, der Gäste bedient oder ihre Zimmer reinigt.

«Wer nur etwas trinkt, gibt weniger Trinkgeld.»

Ein Kellner, der Trinkgeld möchte, muss sympathisch sein, erklären die Fricktaler Gastronomen, das sei das A und O. «Man darf aber nicht überfreundlich oder gar aufdringlich sein. Die Gäste könnten dies als lästig empfinden», erklärt man der AZ im Hotel Plantanenhof in Frick. Der Gast ist König. Er geht freiwillig in ein Lokal und zahlt für die Dienstleistung, deshalb darf er auch Freundlichkeit erwarten.

Seit 25 Jahren gibt es kein Trinkgeld mehr

Vor 25 Jahren, am 17. Mai 1974, wurde in der Schweiz das Trinkgeld im Gastgewerbe abgeschafft. Seit dann ist Trinkgeld nicht mehr Bestandteil des Lohns - Trinkgeld geben ist somit freiwillig. Die im Gesamtarbeitsvertrag (GAV) festgehaltenen Mindestlöhne sollen garantieren, dass kein Serviceangestellter zum Überleben auf das Trinkgeld angewiesen ist. Das Bezahlen von Trinkgeld ist aber nach wie vor üblich. Jeder Gast entscheidet jedoch selbstständig, wie viel Trinkgeld er geben will. Diese Entscheidung wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst.
Weshalb das Servicepersonal mehr oder weniger Trinkgeld erhält, wird von verschiedenen Unis erforscht. So haben Studenten in Dresden herausgefunden, dass eine Kellnerin mehr Trinkgeld erhält, wenn sie beiläufig den Arm des Gastes berührt, während sie die Rechnung überreicht. Ausserdem geben männliche Gäste den Kellnerinnen mehr Trinkgeld als ihren männlichen Kollegen.
Auch in den USA wird fleissig zum Thema Trinkgeld geforscht. So hat ein Forscher der School of Hotel Administration an der Cornell University in Ithaca (New York) herausgefunden, dass ein lachendes Strichmännchen, das auf die Rechnung gemalt wird, den Gast animiert, ein höheres Trinkgeld zu geben. (lbr)

«Als Gast erwarte ich von der Servicefachkraft nebst Freundlichkeit natürlich auch Schnelligkeit und Kompetenz», sagt Luis Martins aus Rheinfelden. Er sitzt im Restaurant Schützen bei einem Bier. Ausserdem sei es wichtig, dass sich die Servicefachkraft einfache Bestellungen, wie zum Beispiel ein Glas Cola light, merken könne und die Speisen und Getränke mit der richtigen Temperatur serviere. «Ein warmes Bier schmeckt niemandem und für ein kaltes Essen bin ich auch nicht zu begeistern», so Martins weiter.

«Bei gutem Service gebe ich gern mehr Trinkgeld.»

Personen, die in der Gastronomie tätig sind, können mit ruppigen Umgangsformen und verschlossener Miene bei einem Gast nicht so gut punkten wie jemand, der zuvorkommend ist und vielleicht den Gast charmant in einen Smalltalk verwickelt. Monoton eine Bestellung entgegennehmen ist nicht gefragt. Dementsprechend fällt dann auch das Trinkgeld aus, denn der Sympathiebonus ist gerade in Krisenzeiten wichtig. «Wie viel Geld ein Gast dem Personal gibt, hängt nicht nur mit der Sympathie und der Kompetenz der Servicefachkraft, sondern auch mit dem Aussehen zusammen.

Eine gepflegte Frau kommt zum Beispiel besser an als eine ungepflegte», erklärt Fernando Mato, Geschäftspartner von Carlos Gamez im Hotel Ochsen. Gäste, die sich in einem Ess- oder Trinklokal wohl fühlen, frequentieren dieses immer wieder gerne. So gewinnt ein Hotel oder ein Restaurant auch Stammgäste. Und Stammgäste verstehen sich meistens sehr gut mit dem Serviceteam, was in den meisten Fällen bedeutet, dass diese ein bestimmtes Trinkgeld quasi gesichert bekommen. «Wenn der Service gut ist, gibt der Gast gerne etwas mehr Trinkgeld», weiss Fernando Mato vom Hotel Ochsen in Rheinfelden.