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GASTRONOMIE: Gastrosuisse mobilisiert Politik

Die Umsätze der Restaurants bröckelten auch im vergangenen Jahr. Die Stagnation ruft den Branchenverband auf den Plan. Er strebt politische Lösungen an.
Rainer Rickenbach
Leere Tische, der Horror eines jeden Wirts: im Bild eine Serviceangestellte in einem Restaurant in Zürich. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Leere Tische, der Horror eines jeden Wirts: im Bild eine Serviceangestellte in einem Restaurant in Zürich. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Rainer Rickenbach

Gehen die Schweizer auswärts essen, bestellen sie am liebsten Fleischgerichte mit Beilagen (Grafik). Auch bei der bevorzugten Wahl der Restaurants hat sich nichts geändert, die herkömmliche Gastronomie hat mit einem Marktanteil von über 50 Prozent die Nase vorn.

Die Gäste gaben im vergangenen Jahr 22,4 Milliarden Franken in den verschiedenen Arten von Gastrobetrieben aus. Das ist ein Prozent weniger als im Vorjahr. Die Ausgaben für Essen und Getränke ausser Haus sinken seit mehreren Jahren. «Der Rückgang hat nicht mehr die Dimension wie auch schon. Er ist dennoch markant und spürbar», sagte Casimir Platzer, Präsident von Gastrosuisse, gestern an der Medienorientierung des Branchenverbandes.

Die Schweizer essen fremd

Ein Blick über die Grenze macht deutlich, wohin ein schöner Teil der Einnahmen verschwindet, der den Schweizer Wirten fehlt. Rund 4 Milliarden Franken tragen die Schweizerinnen und Schweizer pro Jahr ins grenznahe Ausland, wenn sie zum Beispiel im Elsass oder im Schwarzwald zu günstigen Preisen gut essen gehen.

Der Esstourismus hat seine Ursache im überbewerteten Franken. Er macht den Wirten hierzulande zu schaffen. In Grenzregionen wie dem Thurgau oder Neuenburg sanken die Ausgaben für auswärts Essen und Trinken seit 2008 um fast einen Fünftel. Verbandspräsident Platzer geisselt die Aufhebung der Euro-Untergrenze als Fehlentscheid der Nationalbank, der den Restaurants und KMU-Hotels auf dem Land, in den Alpen und im Tessin schwer zusetze. Denn diese Regionen bekommen nicht nur die Kaufkraft-Abwanderung über die Grenze zu spüren, sie leiden auch unter dem Ausbleiben der europäischen Gäste aus den Euro-Ländern. «In den Berggebieten brach die Nachfrage aus den europäischen Herkunftsländern seit der Finanzkrise um satte 40 Prozent ein, vor allem die deutschen Gäste bleiben weg. Die Lage ist ernst», sagte Platzer.

Heisses Wasser für die Nudelsuppe

Zwar sind die Logiernächte in der gesamten Schweiz leicht gestiegen. Doch davon haben die meisten Wintersportorte, die Landgasthöfe oder das Tessin nichts, da sie abseits der asiatischen Gruppentourismus-Routen liegen. Von der stark wachsenden Besucherzahl aus China, Indien, Südkorea und den arabischen Golfstaaten profitieren vor allem die Städte und einige Hotspots in den Bergen. Zu diesen Städten zählt Luzern, bei den boomenden Bergdestinationen sind der Titlis, die Rigi und der Pilatus dabei. «In der Stadt Luzern entwickeln sich die Logiernächte schon seit Jahren ausgezeichnet. Nur ist schwer abzuschätzen, wie es um die Preise steht. Im Gruppengeschäft ist der Preisdruck stark», sagte Moritz Rogger, Präsident der Gastroluzern-Sektion Sursee und Mitglied des schweizerischen Verbandsvorstandes.

Zu diesem Schluss kam auch der nationale Verbandspräsident. «Die Gäste aus Asien geben für Hotels, Essen und Trinken nicht viel Geld aus. Viele von ihnen tauchen mit ihren Nudelsuppen-Beuteln auf und brauchen nur heisses Wasser. Ein deutscher Gast etwa macht in den Hotels so viel Umsatz wie drei Asiaten zusammen», so Platzer.

Runder Tisch mit Bundespräsident

Der Gastrosuisse-Präsident wirft der Politik Untätigkeit vor. «Das Ausmass der Betroffenheit wird meiner Meinung nach deutlich unterschätzt. Ganze Täler leben vom Tourismus. Sehr viele Existenzen hängen von ihm ab», so Platzer. Er fordert darum einen «Tourismusgipfel» mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Touristikern und Verbänden. Sie sollen sich mit den Sorgen der Regionen befassen, die beim Umbruch im Schweizer Tourismus auf der Verliererseite stehen. Die Forderung richtet sich an die Adresse von Bundespräsident und Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann. Ein Patentrezept gebe es nicht, räumte Platzer ein. Doch auch «viele rechtzeitig ergriffene kleinere Massnahmen könnten zu einer Entlastung der angespannten Situation» beitragen.

Mit seinem zweiten politischen Vorstoss hat der Verband vor, den Profiteuren der Hochpreisinsel Schweiz an den Kragen zu gehen. Im Visier hat er ausländische und inländische Anbieter, die in der Schweiz für ihre Produkte grundlos höhere Preise als im Ausland verlangen und Importeure, die Währungsvorteile nicht an die Kunden weitergeben. Die Initiative trägt den Namen «Stop der Hochpreisinsel – für faire Preise». Die Unterschriftensammlung beginnt nach den Sommerferien. «Die Initiative geniesst die Unterstützung von Politikern von links bis rechts», so Platzer.

Es handelt sich um das zweite Volksbegehren, hinter dem Gastrosuisse steht. Im ersten verlangte der Verband einen einheitlichen Mehrwertsteuersatz für die herkömmliche Gastronomie und Take-away-Betriebe, scheiterte damit aber vor zwei Jahren bei den Stimmberechtigten.

2000 Seiten zum Lebensmittelgesetz

Die Stagnation im Gastgewerbe ausschliesslich dem starken Franken zuzuschieben, greift indes zu kurz. Viele traditionelle Restaurants hatten schon vor der Euroschwäche zu kämpfen. Zu schaffen machen den Gastrobetrieben auch die eidgenössisch weit verbreitete Art, mit Vorschriften und Regulierungen selbst kleinste Details regeln zu wollen. Ein Dorn im Auge ist Gastrosuisse das neue Lebensmittelgesetz, dessen Projekt Largo sich in der ursprünglichen Form über 2000 Seiten erstreckte und von Platzer als «ein mit Überregulierung gespicktes Bürokratiemonster» gebrandmarkt wurde.

Neue Regeln möchte der Branchenverband hingegen beim Onlinebooking. Er stört sich an den Bestpreisgarantien, die Portale den Hoteliers abnötigen. Mit dem Weko-Entscheid vom vergangenen November können die Hoteliers zwar billigere Zimmerpreise anbieten als die Online-Portale. Aber nur, wenn sie eine Offline-Anfrage, also zum Beispiel per Post, erhalten. Auf ihren eigenen Websites dürfen sie die Zimmerpreise von Booking, Expedia und HRS nach wie vor nicht unterbieten. Gastrosuisse schwebt eine Lösung wie in Deutschland vor, wo das Bundeskartellamt den Hoteliers die volle Freiheit bei der Preisgestaltung lässt.

Bild: Grafik Neue LZ

Bild: Grafik Neue LZ

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