Gebühren für Altkarton? Das sagen Entsorgungs-Organisationen der Zentralschweiz

Der Preis für Karton befindet sich im freien Fall. Nun haben erste Schweizer Gemeinden damit begonnen, für das Entsorgen von Karton Geld zu verlangen. In der Zentralschweiz ist das nicht der Fall – vorerst.

Maurizio Minetti
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Leonard Bullakaj (links) und Standortleiter Roger Wetterwald beim Sammelhof der Josef Frey AG.

Leonard Bullakaj (links) und Standortleiter Roger Wetterwald beim Sammelhof der Josef Frey AG.

 Eveline Beerkircher (Sursee, 9. Januar 2020)

Die Welt schwimmt im Karton. Der boomende Online-Handel mit seinen Tonnen an Verpackungsmaterial hat dazu geführt, dass die Lager überall voll sind und die Recyclingunternehmen ihren Altkarton kaum mehr zu kostendeckenden Preisen loswerden. Kommt hinzu, dass Grossabnehmer wie China seit geraumer Zeit nicht mehr die gleichen Mengen wie früher aufnehmen. 2017 wurden rund 29 Millionen Tonnen Altpapier und Altkarton durch China ­importiert, 2019 waren es noch 10 Millionen Tonnen.

Diese Faktoren lassen den Preis für Karton in den Keller rasseln. Um Verluste zu minimieren, haben einige Sammelstellen deshalb begonnen, für die Entsorgung von Karton Geld zu verlangen. Seit November ist das etwa in St.Gallen oder im ­solothurnischen Grenchen der Fall. Die Gebühren variieren; mal sind es mindestens fünf Franken, mal 50 Rappen bei Kleinmengen bis zehn Kilo.

Firmen-Neukunden müssen in Zug bezahlen

Eine Umfrage unserer Zeitung zeigt, dass die grossen Player der Zentralschweizer Kartonentsorgung zumindest vorerst keine Gebühren für Privatkunden ­erheben wollen. Anders bei Firmenkunden. So verlangt etwa der Zweckverband der Zuger Einwohnergemeinden für die Bewirtschaftung von Abfällen (Zeba) seit einem Monat 100 Franken pro Tonne beziehungsweise 10 Rappen pro Kilo für die Kartonentsorgung – allerdings nur von Unternehmen und auch nur von solchen, die ihren Karton bisher woanders entsorgten.

«Für die Einwohner bleibt die Kartonentsorgung vorerst gratis», sagt Geschäftsführer Hans Ulrich Schwarzenbach. Und zwar deshalb, weil sich seiner Meinung nach der Aufwand nicht lohnt: «Wenn ich bei jeder Einzelperson den Karton wiegen muss, steht der Betrieb still.»

Und der hohe Personalaufwand mache die erhobene Gebühr gleich wieder zunichte.

Die Josef Frey AG betreibt in Sursee, Ruswil, Triengen, Hochdorf und Eschenbach Sammelhöfe. Nach eigenen Angaben ist sie die grösste private Betreiberin von Sammelhöfen im Kanton ­Luzern. Geschäftsführer und ­Inhaber Bruno Frey arbeitet seit 35 Jahren hier. Er sagt:

«Ich habe noch nie erlebt, dass wir von Privaten Geld verlangt haben für das Recyceln von Karton.»

Nun aber kann der 56-Jährige diesen drastischen Schritt nicht mehr ausschliessen – denn der Preis sei innerhalb eines Jahres um rund 80 Prozent eingebrochen.

«Die Lager unserer Abnehmer sind randvoll. Wenn es so weitergeht, werden wir vielleicht dazu gezwungen, Geld von den Kunden zu verlangen.» Schon heute verdiene er praktisch kein Geld mehr mit dem Weiterverkauf der gepressten Kartonballen, doch er wolle die Kunden nicht verärgern. Er glaubt, dass andere Sammelhöfe nachziehen, wenn die Josef Frey AG als Marktführerin vorangeht und für Karton eine Gebühr verlangt.

Bei Real, dem Gemeinde­verband der Region Luzern, ist auch keine Kartongebühr geplant, wie Sprecherin Yudi Seren sagt. «Real basiert auf einer Gebührenfinanzierung und folgt einer Mehrjahresplanung, damit nicht bei jeder Trendentwicklung die Grundgebühr neu angesetzt werden muss», sagt Seren. Wertstoffpreisschwankungen ähnlich wie beim Karton seien auch in den vergangenen Jahren bei Papier, Metall und Glas verzeichnet worden. «Diese haben sich bis heute innerhalb der Mehrjahresplanung wiederum ausgeglichen.» Ob sich die Preise tatsächlich erholen werden, ist aber laut Experten unsicher (siehe Box unten).

Eine vorgezogene Recyclinggebühr für Karton?

Dass sich die Lage auf dem Kartonmarkt bald entspannen wird, ist laut Experten eher unwahrscheinlich. «Im Moment sehen wir keine Hinweise, die auf eine Verbesserung der Situation deuten würden», sagt Beat Kneubühler, Geschäftsführer des Vereins Recycling Papier und Karton. Es sei gar zu befürchten, dass auch das Altpapier einen ähnlichen Verlauf nehmen werde. Auch weitere Sekundärrohstoffe seien sehr stark unter Druck, so etwa der Stahlschrott, aber auch das Altholz. Beim Altkarton habe es zwar bereits in den 1990er-Jahren und 2009 einen grösseren Preiszerfall gegeben, doch für Kneubühler ist klar: «Die Schweizer Recyclingbranche hat meines Wissens eine solche Preissituation noch gar nie erlebt.» 

Auf lokaler Ebene schaltet sich jetzt die Politik ein. Am Montag haben die beiden Stadtzuger GLP-Gemeinderäte Stefan Huber und Daniel Marti eine Interpellation eingereicht, in der sie fragen, wie der Zuger Stadtrat und der Zweckverband der Zuger Einwohnergemeinden für die Bewirtschaftung von Abfällen (Zeba) auf die Situation reagieren. «Es ist vorstellbar, dass bei der Erhebung von Recyclinggebühren viele Menschen wiederverwertbare Stoffe in den Müll werfen, um Gebühren zu sparen», warnen sie. Diese Befürchtung hört man auch in der Entsorgungsbranche. «Wir sind der Meinung, die Gratisabgabe ist wichtig für eine hohe Sammelquote», sagt Patrik Geisselhardt, Geschäftsführer von Swiss Recycling.

Wie weiter? Zeba-Geschäftsführer Hans Ulrich Schwarzenbach plädiert für einen Systemwechsel. «Ähnlich wie bei der Elektronik braucht es eine vorgezogene Recyclinggebühr auf Verpackungsmaterial wie Sagex, Plastik oder Karton», fordert er. Die bei Elektronikprodukten im Kaufpreis inbegriffene vorgezogene Recyclinggebühr (VRG) ermöglicht es, dass Elektrogeräte in der Schweiz überall im Handel oder an Recyclingstellen kostenlos abgegeben werden können. Diese vor zwanzig Jahren eingeführte Gebühr deckt heute zumindest einen Teil der Kosten der Recyclingstellen. Schwarzenbach glaubt, dass die Einführung einer solchen Gebühr auf Verpackungsmaterial politisch mehrheitsfähig ist. «Unsere Branche muss sich für eine solche Recyclinggebühr starkmachen», sagt Schwarzenbach.

Gemeindeverbände können Kosten vorerst abfedern

Andere öffentliche Entsorgungsbetriebe argumentieren ähnlich wie Real. So sagt Robert Lumpert, Geschäftsführer des Zweckverbands Kehrichtentsorgung Region Innerschwyz ZKRI: «In unserem Gebiet wird der Karton zurzeit kostenlos von der Kundschaft übernommen, dies sowohl an den Sammelstellen wie auch in der Haus-zu-Haus-Sammlung. Die Differenz zwischen Erlös und Aufwand wird den Gemeinden zu Gunsten oder zu Lasten der Grundgebühren gutgeschrieben oder belastet, je nach Marktlage.» Aufwand und Ertrag halten sich derzeit beim Bringsystem ungefähr die Waage, sagt Lumpert. «Beim Holsystem von Haus zu Haus hingegen sind die Kosten viel höher als der Ertrag.»

Ebenfalls vorläufig kein Thema ist die kostenpflichtige Kartonentsorgung beim Entsorgungszweckverband Obwalden. «Es ist nicht nur beim Karton, sondern auch bei anderen Wertstoffen ein Auf und Ab, je nach der Situation auf dem Rohstoffmarkt», sagt Geschäftsführer Sepp Amgarten. Beim Kehrichtverwertungsverband Nidwalden heisst es, die Annahme auf den öffentlichen Sammelstellen werde auch in Zukunft gratis sein. Dies aufgrund einer Mischrechnung: «Die Gemeinden verrechnen den Haushalten eine jährliche Grundgebühr im Bereich Abfall», erklärt Verbandspräsident Dölf Scherl.

Den Preisdruck spürt auch die Zentrale Organisation für Abfallbewirtschaftung im Kanton Uri. Die öffentlich-rechtliche AG ist im Besitz aller Urner Gemeinden und für die Siedlungsabfallentsorgung im Kanton zuständig. Bei der Sammelstelle in Attinghausen kann man Karton nach wie vor gratis entsorgen. Ob das so bleibt, ist aber nicht sicher. «Bisher hat sich der für die Festlegung von Gebühren zuständige Verwaltungsrat noch nicht mit dem Thema befasst», sagt Geschäftsführer Edi Schilter. Dies werde aber sicher demnächst der Fall sein.