Kolumne

Geduld ist mehr als blosses Warten

Geduld ist die angemessene (zeitliche) Einstellung gegenüber den eigenen Bedürfnissen und der Welt.

Magdalena Hoffmann
Drucken
Teilen
Magdalena Hoffmann.

Magdalena Hoffmann.

Ich werde langsam ungeduldig. Ich möchte mit Familie und Freunden wieder Geburtstage feiern dürfen. Ich möchte die Kurse in unseren Studiengängen wieder als Präsenzveranstaltungen durchführen dürfen. Ich möchte wieder ein Konzert im KKL besuchen dürfen. Zur selben Zeit bin ich davon überzeugt, dass wir angesichts der vielen ab dem 11. Mai in Aussicht gestellten Lockerungen nicht übermütig werden sollten. Die Situation ist und bleibt fragil. Es gilt also weiterhin, Geduld und Ausdauer zu zeigen.

Geduld und Ausdauer. Während Ausdauer immerhin noch positive Bilder einer drahtigen Athletik weckt (deshalb wird wohl ständig von einem Marathonlauf gesprochen), ist Geduld kein Kassenschlager im Sortiment der Tugenden. Klar, in der Warteschlange wünschen wir sie uns kurz, aber mal ehrlich: Mut, Gerechtigkeit und Klugheit sind die eigentlichen Must-haves, die sich auch viel besser zur Schau stellen lassen als Geduld. Geduld hingegen ist unaufdringlich und dezent.

Dabei ist sie ganz und gar nicht zu unterschätzen, wie ich nach meiner Beschäftigung mit der philosophischen Literatur zum Thema Geduld gelernt habe! Der amerikanische Philosoph Joseph Kupfer definiert Geduld als eine Haltung des mühelosen Wartens, des Wartens ohne innere Unruhe. Ihm zufolge zeichnet sich Geduld dadurch aus, dass man bereit ist – ohne zu murren – einen Aufschub bei der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse zu akzeptieren. Der Geduld ist also immer eine zeitliche Komponente eigen. Interessant an Kupfers zeitgenössischer Konzeption von Geduld ist, dass er sich dabei an Aristoteles’ Tugendlehre anlehnt, die Tugend als eine angemessene Verhaltensweise zwischen zwei lasterhaften Extremen definiert.

Auf die Geduld übertragen bedeutet das nach Kupfer, dass Geduld die angemessene (zeitliche) Einstellung gegenüber den eigenen Bedürfnissen und der Welt ist. Sind wir ungeduldig, dann empfinden wir die Befriedigung unserer Bedürfnisse als nicht schnell genug, womit wir paradoxerweise die Erfüllung unserer eigenen Wünsche gefährden; einige Ziele brauchen einfach eine gewisse Zeit zu deren Erreichung. Warten wir hingegen zu lange, dann machen wir uns einer einfältigen Passivität angesichts vermeidbarer Schäden schuldig. Es kommt also darauf an, das richtige Mass an Zeit beim Warten zu bestimmen. Wann ist «genug» gewartet?

Bei der Beantwortung dieser Frage – die viele von uns umtreiben dürfte – unterscheidet Joseph Kupfer drei Szenarien: 1) Situationen, die sich unserer Kontrolle entziehen, z.B. das Warten auf den verspäteten Flieger. 2) Situationen, bei denen wir durch Warten die Qualität des Ergebnisses beeinflussen können, z.B. die Zubereitung eines langwierigen Gerichts. Und jetzt kommt das Szenario, in dem wir uns aktuell angesichts der Coronapandemie befinden: 3) Misch-Situationen, bei denen wir zwar das Ergebnis – die Eindämmung der Pandemie – nicht unmittelbar beeinflussen können, aber entscheiden können, ob wir weiterhin warten oder nicht.

Diese dritte Situation ist mit Abstand die schwierigste, weil es kein abstraktes, allgemeingültiges Kriterium für die Beurteilung einer konkreten Handlung gibt (z.B. Treffen mit dem geliebten Götti des Kindes – ja oder nein?). Ist jetzt das Nicht-mehr-warten-wollen eine angemessene Einstellung oder pure Ungeduld? Ist der Verzicht darauf lobenswerte Geduld oder die allzu passive Akzeptanz von Empfehlungen? Steht man vor einer solchen Entscheidung, so sollte man nach Joseph Kupfer zunächst alle relevanten Informationen sammeln und danach die Vor- und Nachteile des Wartens abwägen, ohne dabei die relative Bedeutung unserer Interessen aus den Augen zu verlieren. Kurzum: Urteilskraft und Realitätssinn sind gefragt. Wer hätte gedacht, dass Geduld neben einer guten Portion Frustrationstoleranz auch so viel Denkarbeit bedeutet? Ich nicht. Ich wünsche uns allen weiterhin viel Geduld.

Magdalena Hoffmann ist Studienleiterin und Dozentin Philosophie und Medizin an der Universität Luzern.