GELD: Nur Bares ist Wahres

Warum es keine Selbstverständlichkeit ist, dass die Nationalbank jetzt eine neue Banknotenserie in Umlauf bringt.

Daniel Zulauf
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Bargeld ist bei der Bevölkerung beliebt – nicht nur in Krisenzeiten. (Bild Philipp Schmidli)

Bargeld ist bei der Bevölkerung beliebt – nicht nur in Krisenzeiten. (Bild Philipp Schmidli)

Daniel Zulauf

Alle zwölf Jahre eine neue Notenserie: Das ist der Rhythmus, in dem die Nationalbank seit ihrer Gründung im Jahr 1907 alte gegen neue Frankenscheine tauscht. Mit der Ausgabe einer frisch gestalteten 50-Franken-Note beginnt in drei Wochen die Emission der neunten Notenserie. Die von der Luzerner Grafikerin Manuela Pfrunder entwickelten Scheine sind dem Thema «eine weltoffene Schweiz» gewidmet. Bislang kennt man nur Entwürfe. Das Original wird die Nationalbank am 6. April in Bern den Medien präsentieren.

Nach den Vorstellungen des Noteninstituts sollten sich die Wertpapiere möglichst nahtlos mit einem modernen und gleichzeitig traditionsverbundenen Auftritt in die Reihe ihrer Vorgänger einfügen. «Etwas Neues machen, ohne etwas Neues zu machen», fasst Pfrunder ihren tückischen Auftrag zusammen.

Neuste Sicherheitsmerkmale

Auf dem neusten Stand muss die Notenserie aber in puncto Sicherheit sein. In der aktuellen Serie aus dem Jahr 1995 sind die Sicherheitsmerkmale erstmals transparent auf der Note ersichtlich, nachdem sie früher als «Wasserzeichen» im Papier verborgen waren. Die Sicherheitsmerkmale der neuen Notenserie bleiben bis zum 6. April geheim, es werden aber wahrscheinlich immer noch Hologramme sein. Ähnlich wie beim neuen 20-Euro-Schein, dürften diese aber nicht mehr auf der Note kleben, sondern über ein Stanzloch quasi ins Papier eingelassen sein. Pfrunder formuliert den Grund für den Sicherheitsaufwand so: «Eine Banknote muss sowohl reproduzierbar als auch nicht reproduzierbar sein.» Die Tücken der Technik sind verantwortlich dafür, dass die Emission der neuen Noten mit einer vermutlich beispiellosen Verspätung von mehr als drei Jahren erfolgt. Ganz gleich, wie viel Lob oder Kritik die Note dereinst ernten wird, die Menschen werden sie sehr schnell als selbstverständliche Alltagserscheinung annehmen und als «kulturelle Norm» interpretieren, wie sich deren Gestalterin selber ausdrückt.

Banknoten sind Aushängeschilder, und sie repräsentieren ein Stück nationale Identität. Aber sind sie noch zeitgemäss in einer Welt, in der elektronische Zahlungsmittel explosionsartig zunehmen? Obwohl es mindestens zwischen den Industrieländern keine grossen Unterschiede in der Verbreitung von Internet, Smartphones oder Kreditkarten geben dürfte, sind die Unterschiede in der Nachfrage nach Bargeld beträchtlich. In Schweden beispielsweise wurde 2014 nur noch jeder fünfte Einkauf in einem Ladengeschäft mit Cash bezahlt, vier Jahre zuvor waren es noch 40 Prozent. Ein Durchschnittsschwede zückt seine Kredit- oder Debitkarte 270-mal im Jahr, das ist Weltrekord.

Die Japaner gelten als mindestens so technikfreundlich wie die Schweden, und trotzdem ist dort die Bargeldnachfrage so hoch wie in keinem anderen Industrieland der Welt. Die im Umlauf befindlichen Noten belaufen sich auf 18 Prozent der realen Wirtschaftsleistung. In der Eurozone bewegt sich der Wert bei rund 10 Prozent, in der Schweiz bei 11 Prozent. Oft bemüht wird das Argument, dass die Leute in den gegenwärtigen Zeiten mehr Bargeld halten, weil Cash auf dem Konto keinen Zins abwirft oder sogar Strafzins kostet. Doch dieser Zusammenhang ist weniger eindeutig, wie er intuitiv erscheinen mag. Ein zuverlässiger Annäherungswert zur Messung der Bargeldhaltung sind grosse Noten. Diese werden eher selten als Zahlungsmittel eingesetzt, eignen sich aber als Aufbewahrungsmedium.

Schweiz: 1000er-Note bleibt begehrt

Tatsächlich weist die Nachfrage nach grossen Noten in vielen Tiefzinsländern deutlich nach oben. In der Schweiz beträgt der Anteil 1000er-Noten am gesamten Notenumlauf aktuell 10,3 Prozent, verglichen mit 9,7 Prozent vor einem Jahr. In Schweden aber, wo die Reichsbank fast gleich lang Negativzinsen erhebt wie die Schweizerische Nationalbank, ist die Nachfrage nach dem 1000-Kronen-Schein weiter rückläufig. In der EU repräsentiert der 500-Euro-Schein zwar fast ein Drittel des gesamten Notenumlaufes, aber die Nachfrage nach dem Papier hat sich seit Einführung der Negativzinsen im Juni 2014 nicht beschleunigt. Einen eklatanten Nachfrageschub erfuhr die wertvollste Note im Euroraum im Oktober 2008, als das globale Banken- und Finanzsystem mit dem Kollaps von Lehman Brothers ins Wanken geriet. Damals schoss die Nachfrage nach dem 500-Euro-Schein in wenigen Wochen um mehr als 10 Prozent in die Höhe. Auch die 1000-Franken-Note machte den grössten Sprung und erhöhte ihren Anteil am Notenumlauf innert Jahresfrist um fast 8 Prozent.

Die Flucht ins Bargeld ist also offensichtlich ein universeller Reflex, mit dem Menschen auf Bankenkrisen reagieren. Doch das ist schlecht für die Banken, weil diesen just dann die Mittel entzogen werden, wenn sie sie am dringendsten brauchen. Die Flucht ins Bargeld kann auch schlecht sein für die Notenbanken, die Staaten und letztlich für das Kollektiv der Steuerzahler, weil diese am Ende für die Stabilität des Finanzsystems geradestehen müssen. Und Bargeld ist – Statistik hin oder her – auch schlecht mit Negativzinsen vereinbar. Die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass die Nachfrage nach 1000er-Noten in der Schweiz sprunghaft anziehen würde, wenn die SNB den Strafzins deutlich über das aktuelle Niveau verschärfen würde. Bargeld kann also auch die Geldpolitik unterlaufen.

Angst vor Terrorfinanzierung

Während viele Banken immer gegen das latente Misstrauen der Sparer kämpfen müssen und die Negativzinspolitik der Notenbanken weltweit Schule macht, wird vielerorts über die Abschaffung grosser Banknoten und über Bargeldobergrenzen diskutiert. So drängen die EU-Finanzminister auf einen einheitlichen Maximalbetrag für Bartransaktionen, und die Europäische Zentralbank will den 500-Euro-Schein abschaffen. «Grosse Bargeldsummen können leicht zur Terrorfinanzierung genutzt werden», begründet der Chef der Eurogruppe, Jeroen Dijsselbloem, das Vorhaben stellvertretend für die ganze Administration. Brüssel wünscht sich eine Bargeldobergrenze von 5000 Euro. Das Thema gibt auch in der Schweiz viel zu reden, obschon der Nationalrat der vom Bundesrat vorgeschlagenen Bargeldgrenze von 100 000 Franken im vergangenen Jahr eine Abfuhr erteilte. Paul Richli, emeritierter Professor für Wirtschaftsverwaltungsrecht und Rektor an der Universität Luzern, sagt unverblümt: «Ich zweifle daran, dass die Geldwäscherei das einzige oder sogar das Hauptargument gegen Bargeld ist. Mir kommt es jedenfalls sehr seltsam vor, dass wir gerade jetzt so viel über die Gefahren von Bargeld reden, wo die Notenbanken eine beispiellose Geldflut in Gang gebracht haben.»

Abschaffung rechtlich kaum möglich

Doch die Abschaffung des Bargeldes, wie sie der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger schon zur Diskussion gestellt hatte und wie sie andere Ökonomen schon forderten, ist mindestens in der Schweiz rechtlich kaum möglich, glaubt Richli. Die Nationalbank hat nach seiner Auffassung mindestens implizit den verfassungsrechtlichen Auftrag, die Bevölkerung und die Wirtschaft weiter mit Noten zu versorgen. Grundlage ist das in der Bundesverfassung verankerte Banknotenmonopol der Nationalbank. «Ein Monopol wird nicht eingeräumt, damit es nicht ausgeübt wird», sagt der Staatsrechtler. Die gesetzlichen Bestimmungen über die Währung und Zahlungsmittel und die Pflicht der SNB zur Gewährleistung der Bargeldversorgung im Nationalbankgesetz könnten demnach nicht ersatzlos gestrichen werden, wenn sich in der Schweiz in unbestimmter Zukunft doch noch eine politische Mehrheit gegen das Bargeld finden sollte.

Doch ein solches Szenario ist offensichtlich weit weg von jeder praktischen Relevanz. Um dies zu belegen, braucht es nicht einmal eine neue Banknotenserie. Wenn im Jahr 2019 der neue 1000-Franken-Schein in Umlauf kommt, wird er voraussichtlich die wertvollste Banknote der Welt darstellen. Dies ist heute die 10 000-Singapurdollar-Note, für die es seit 2014 aber keinen Ersatz mehr gibt – eine Massnahme gegen Geldwäscherei und organisierte Kriminalität, begründete der südostasiatische Stadtstaat die Massnahme.

Die neue 50er-Note wurde von der Luzerner Grafikerin Manuela Pfrunder gestaltet. PD (Bild Philipp Schmidli)

Die neue 50er-Note wurde von der Luzerner Grafikerin Manuela Pfrunder gestaltet. PD (Bild Philipp Schmidli)