GELDPOLITIK: «Wir sind schon sehr weit gegangen»

Nationalbank-Vizepräsident Fritz Zurbrügg spricht über den Negativzins und die fehlende Erfahrung mit dessen Nebenwirkungen.

Drucken
Teilen
Fritz Zurbrügg (56), Vizedirektor der Schweizerischen Nationalbank, in seinem Büro in Bern. (Bild: Boris Bürgisser  / Neue LZ)

Fritz Zurbrügg (56), Vizedirektor der Schweizerischen Nationalbank, in seinem Büro in Bern. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Interview Daniel Zulauf

Fritz Zurbrügg, die Briten stimmen in drei Wochen über den Verbleib in der EU ab. Inwiefern beeinflusst der Volksentscheid die Politik der Nationalbank?

Fritz Zurbrügg: Grundsätzlich wird unser Land von allen wirtschaftlich wichtigen Vorgängen im Ausland tangiert. Das kommt daher, dass die Schweiz als kleine offene Volkswirtschaft sowohl über die Güter- wie auch über die Finanzmärkte stark mit dem Ausland verbunden ist. Zudem haben Entwicklungen in Grossbritannien als wichtigem Land einen grossen Einfluss auf Europa, und dieses ist wiederum speziell wichtig für die Schweizer Wirtschaft. Die Szenarien rund um den Ausgang der Abstimmung sind daher schon lange ein fester Bestandteil unserer Lageanalysen, die für unsere geldpolitischen Entscheidungen die Basis bilden.

Das Pfund war in den Krisenzeiten des Euro immer eine Fluchtwährung und damit eine Alternative zum Franken. Was passiert, wenn das Pfund durch einen Brexit an Attraktivität verliert?

Zurbrügg: Ich will nicht auf einzelne Szenarien eintreten. Aber die Unsicherheit ist gross, und das nicht nur in der Politik, sondern eben auch auf den Finanzmärkten. Wenn sich deshalb das internationale Währungsgefüge bewegt, dann kann das auch den Franken beeinflussen.

Zum ersten Mal seit der Aufgabe des Euro-Mindestkurses bewegt sich der Franken einigermassen stabil um die Marke von 1.10 Euro. Ist das der neue Gleichgewichtskurs?

Zurbrügg: Es gibt verschiedene Modelle, mit denen man Gleichgewichtskurse berechnen kann, und die allermeisten dieser Modelle zeigen nach wie vor, dass der Franken deutlich überbewertet ist.

Aber es ist doch ein Fakt, dass die SNB deutlich weniger am Devisenmarkt interveniert, als sie das Anfang 2015 tun musste. Ist das kein Zeichen, dass hier ein Gleichgewicht entstanden ist?

Zurbrügg: Wir haben immer gesagt, dass wir für die Umsetzung unserer Geldpolitik neben dem Zinsinstrument jederzeit auch wieder Devisenmarktinterventionen tätigen können. Wir haben 2015 für 86 Milliarden Franken Fremdwährungen gekauft und damit klar gezeigt, dass wir auf dem Markt aktiv sind, wenn ein Bedarf vorhanden ist.

Aber die 86 Milliarden Franken haben Sie grösstenteils kurz nach dem Ende des Mindestkurs-Regimes Anfang 2015 eingesetzt. Inzwischen intervenieren Sie nur noch relativ wenig, was als Bekenntnis zum Gleichgewichtskurs verstanden werden kann.

Zurbrügg: Nein, so dürfen Sie das nicht verstehen. Die Nationalbank hat kein neues Wechselkursziel. Und Sie dürfen auch nicht vergessen, dass wir uns die Wechselkursverhältnisse insgesamt anschauen, nicht nur den Kurs des Frankens gegenüber dem Euro.

Ein Brexit könnte eine neue Flucht­bewegung in den Franken auslösen. Unsere Negativzinsen sind aber bereits auf Weltrekordniveau – viele Experten sagen, das Instrument sei ausgereizt. Haben sie Recht?

Zurbrügg: Sie sagen es selber; wir sind mit einem Negativzins von minus 0,75 Prozent schon sehr weit gegangen. Da es sich beim Negativzins aber um ein neues Instrument handelt, haben wir noch keine Erfahrung, wann und mit welchen Nebenwirkungen zu rechnen ist.

Das tönt wie eine Warnung.

Zurbrügg: Hätten Sie vor zehn Jahren jemandem gesagt, dass wir mit den Zinsen einmal dahin kommen würden, wo wir heute sind, hätte es Ihnen keiner geglaubt. Es ist deshalb klar, dass wir auch die Auswirkungen der Negativzinsen zum Beispiel auf die Sparer oder auf die Bargeldnachfrage vor jedem geldpolitischen Entscheid neu abwägen. Aber grundsätzlich bleibt es möglich, dass wir den Zins weiter senken.

Die SNB war im Dezember mit einer Wachstumsprognose für die Schweiz von 1,5 Prozent für 2016 so mutig, dass sie schon drei Monate später zurückrudern musste. Wie viel Zweckoptimismus steckt in Ihren Prognosen?

Zurbrügg: Wir machen keinen Zweckoptimismus. Wir stützen uns auf sehr solide Analysen unserer Experten und erstellen Prognosen, die nachvollziehbar sein müssen. Wir haben unsere Schätzung auf 1 bis 1,5 Prozent angepasst. Damit sind wir nicht sehr weit weg von dem, was andere prognostizieren. Die Revision der Prognose erfolgte wegen der leicht schlechteren internationalen Konjunktur.

Wie breit ist das Wachstum in der Schweiz denn abgestützt?

Zurbrügg: Die verarbeitende Industrie hat sich relativ gut gehalten, vor allem dank der Pharmabranche, die gut gewachsen ist. Der Maschinenbau und die Metall verarbeitenden Unternehmen sind immer noch sehr stark unter Druck, weil sie von der Nachfrage nach Investitionsgütern abhängig sind, und diese ist in dem vorherrschenden unsicheren Klima deutlich gedämpft. Auch Handel und Tourismus kämpfen weiter mit grossen Problemen.

Die Pharmabranche beschäftigt relativ wenig Personal, verglichen mit der Maschinen- und Metallindustrie. Auch Handel und Tourismus sind personalintensive Sektoren. Dieses einseitige Wachstum kann ihnen nicht gefallen.

Zurbrügg: Natürlich möchten wir ein breiter abgestütztes Wachstum. Aber man muss auch sehen, dass unsere Wirtschaft mit dem starken Franken und dem relativ schwachen Wachstum der Weltwirtschaft ziemlich gut zurechtkommt. Die Firmen haben unglaublich schnell reagiert und Massnahmen ergriffen. Das beeindruckt mich bei Firmenbesuchen immer wieder aufs Neue.

Die Schweiz ist eine Hochleistungswirtschaft geworden. Für Leute mit durchschnittlicher oder unterdurchschnittlicher Ausbildung bietet der Arbeitsmarkt immer weniger Platz. Müssen wir uns da nicht Sorgen um den Zusammenhalt der Gesellschaft machen?

Zurbrügg: Das sind mit Blick auf die fortlaufende Strukturanpassung sehr wichtige Fragen. Wir können als Nationalbank aber nur die uns übertragenen Aufgaben möglichst gut erfüllen. Damit tragen wir unseren Teil zur Stärke der Schweizer Wirtschaft bei. Wenn Sie sich die Gründe für die Standortvorteile der Schweizer Wirtschaft vor Augen führen, dann fallen da auch Faktoren wie die Glaubwürdigkeit der Institutionen oder die konsistente Wirtschaftspolitik ins Gewicht.

Sie können also unmöglich mehr tun?

Zurbrügg: Wir haben einen gesetzlichen Auftrag, und diesen versuchen wir mit unseren Instrumenten zu erfüllen. Mehr können wir nicht machen. Aber unterschätzen Sie nicht, wie wichtig die Preisstabilität für die Entwicklung der Volkswirtschaft ist. Es geht zum Beispiel um das Vertrauen, heute eine Investition tätigen zu können, deren Wert in 20 Jahren nicht durch Inflation erodiert wird.

Muss man die Abstimmung über das bedingungslose Grundeinkommen nicht als Zeichen dafür werten, dass unser Wirtschaftssystem nicht einmal mehr langfristig allen Menschen eine bezahlte Arbeit garantieren kann? Es wäre eine trostlose Erkenntnis.

Zurbrügg: Ich sehe nichts Trostloses in dieser Abstimmung. Sie ist vielmehr Ausdruck dafür, dass wir in unserer Demokratie auch über fundamentale Themen debattieren und abstimmen können. Sie wissen, wir werden auch über die Vollgeldinitiative abstimmen. Auch diese Debatte wird in anderen Ländern aufmerksam verfolgt. Zum Teil höre ich auch Ausdrücke des Erstaunens, worüber wir in unserem Land debattieren und entscheiden können.

Sie sagen, die Sicherung der Preisstabilität sei der beste Beitrag, den die Nationalbank für das Land leisten könne. Die Inflationsraten sind schon lange negativ. Verfehlen Sie Ihren Auftrag?

Zurbrügg: Nein. Die tiefen Erdölpreise und die übrigen Importe, die durch den starken Franken billiger geworden sind, haben das Preisniveau bei uns stark gedrückt. Der Erdölschock ist klar ein vorübergehendes Phänomen. Der Einbruch des Erdölpreises liegt nun ein Jahr zurück. Seither ist kein neuer Druck auf die Teuerung entstanden.

Und der Frankenschock?

Zurbrügg: Die Aufwertung des Frankens nach der Aufhebung des Mindestkurses hatte eine starke Auswirkung auf die Teuerung. Doch auch dieser Effekt lässt langsam nach, wie die neuste Entwicklung der Inflationsrate zeigt.

Die mittelfristigen Inflationserwartungen über fünf Jahre liegen bei 1,2 Prozent. Müssten Sie nicht einen Wert von etwa 2 Prozent anstreben?

Zurbrügg: Das ist das Ziel zum Beispiel der Europäischen Zentralbank, aber nicht von uns. Die EZB strebt eine Inflation von weniger als 2, aber nahe 2 Prozent an. Wir wollen eine positive Inflation von unter 2 Prozent. Wir haben im Unterschied zu vielen anderen Notenbanken kein Punktziel, weil die Preisschwankungen in der Schweiz als kleiner offener Volkswirtschaft sehr gross sein können.

Was halten Sie vom Argument, Bargeld sei das bevorzugte Zahlungsmittel der Kriminellen und gehöre abgeschafft?

Zurbrügg: Wir von der Nationalbank haben darüber keine Informationen. Oft bezieht sich diese Diskussion ja auf Noten mit hoher Denomination. Erst vor etwa drei Wochen hat der Bundesrat auf eine entsprechende parlamentarische Anfrage geantwortet und festgestellt, dass keine Hinweise auf eine missbräuchliche Verwendung von Banknoten mit einem hohen Nominalwert vorliegen. Die Nationalbank hat keine Pläne, die 1000er-Note abzuschaffen – die wir im Übrigen seit der Gründung der Nationalbank kennen.

Obwohl das Thema längst in der Politik angekommen ist?

Zurbrügg: Die EZB hat sich gegen die Ausgabe neuer 500-Euro-Scheine ausgesprochen. In der Schweiz hat die Nationalbank gemäss Gesetz die Kompetenz, den Nennwert der Noten zu bestimmen. Aber vergessen wir nicht: Bargeld hat in der Schweiz einen hohen Stellenwert, und auch die 1000er-Note wird nach wie vor oft als Zahlungsmittel verwendet. Es ist also wie mit den Negativzinsen: Man muss die Vor- und Nachteile gegeneinander abwägen, und in der Schweiz ist es nun mal so, dass die 1000-Franken-Note einen wichtigen Teil des Zahlungsverkehrs darstellt.

Sie haben soeben die Lancierung einer neuen Banknotenserie gestartet. Es ist die neunte in der Geschichte des Frankens. Wie viele wird es noch geben?

Zurbrügg: Ich hüte mich vor einer Prognose. Das Bargeld steht immer noch hoch im Kurs, obschon es inzwischen viele bequeme Formen des bargeldlosen Zahlungsverkehrs gibt. Sicher ist, dass wir beabsichtigen, weiterhin alle 15 bis 20 Jahre eine neue Banknotenserie zu entwickeln, um den Fälschern voraus zu bleiben.