Kolumne

Gelungene Diskussionen, ihre Voraussetzungen und ihre Grenzen

Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit Diskussionen gelingen können? Und was bleibt noch, wenn diese Voraussetzungen fehlen?

Magdalena Hoffmann
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Magdalena Hoffmann.

Magdalena Hoffmann.

Geht es Ihnen wie mir? In letzter Zeit finde ich mich zunehmend in unschönen Diskussionen über die Massnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie wieder. Und stelle fest, dass ich immer schneller resigniere und mich, innerlich kopfschüttelnd, abwende. Dies wiederum ärgert und verstört mich sehr, weil ich das weder als Bürgerin einer Demokratie, die auf gute Streitkultur angewiesen ist, noch als Philosophin für eine richtige Reaktion erachte.

Gleichwohl gibt es Personen, mit denen eine Diskussion unnütz erscheint, weil deren Denkweise so fundamental anders ist, geradezu ideologisch wirkt. Das wirft die grundsätzliche Frage auf: Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit Diskussionen gelingen können? Und was bleibt noch, wenn diese Voraussetzungen fehlen?

Bei der Beantwortung dieser Fragen hilft es, sich vor Augen zu führen, dass jede Diskussion den Austausch von Argumenten beinhaltet, d.h. von Gründen für oder gegen eine strittige Aussage. Das Ringen um die Gründe dafür oder dagegen darf durchaus leidenschaftlich passieren; das ist so lange kein Problem wie wir noch von einer gewissen gemeinsamen Argumentationsbasis ausgehen dürfen – was in der Regel der Fall ist. Eine solche gemeinsame Argumentationsbasis beruht auf Normen und Werten, die wir als Bürger einer demokratischen Gesellschaft mehrheitlich teilen, wie auch auf einem gemeinsamen Wissen über die Welt, das wir als gesichert annehmen.

Schwieriger wird es, wenn eine solche gemeinsame Argumentationsbasis gänzlich zu fehlen scheint und sich eine tiefe diskursive Kluft zwischen den Gesprächspartnern auftut. In seinem Buch «Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren» thematisiert der Philosoph Hubert Schleichert verschiedene Argumentationsoptionen für einen solchen Fall. Ihm zufolge ist die naheliegende «externe Kritik» (z.B. «Du liegst völlig falsch») dann wenig hilfreich, denn das blosse Verneinen der gegenteiligen Meinung führt nur zu einer unentscheidbaren Patt-Situation: «Du liegst völlig falsch.» «Nein, Du!»

Vielversprechender ist laut Schleichert ein subversiver Umgang mit der Person, mit der wir keinerlei Argumentationsbasis haben und die uns geradezu fundamentalistisch erscheint: Hier kommen wir mit Argumenten im engeren Sinne nicht weiter.

Stattdessen müssen wir uns damit begnügen, ihr starres Gedankensystem zu erschüttern, indem wir etwa andere Denkoptionen vorführen und die «Verengung des Blicks» aufheben. Dabei ist, leider, kaum davon auszugehen, dass wir diese Person überzeugen werden, denn sie wird sich nicht überzeugen lassen wollen. Aber darum – und das ist bei Schleichert der springende Punkt – geht es auch gar nicht so sehr. Denn nicht der fundamental Andersdenkende ist vorrangig zu überzeugen, sondern die Unentschiedenen, die Zeugen unserer Diskussionen sind – sei es im privaten Kreis oder im öffentlichen Raum.

Dies mag auf den ersten Blick sehr resignativ klingen, schliesslich ist damit das Eingeständnis verbunden, dass es tatsächlich Personen gibt, mit denen wir über bestimmte Themen nicht sinnvoll diskutieren können. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir deshalb auf das Gespräch miteinander verzichten sollten – im Gegenteil! Wir sollten allein schon deshalb miteinander sprechen, um überhaupt herauszufinden, ob wir eine gemeinsame Argumentationsbasis haben oder nicht. Allzu oft verhaken wir uns nämlich vorschnell in argumentativen Details und unterstellen dem Anderen voreilig eine ideologische Denkweise, bloss weil er für uns unverständliche Ansichten äussert. Wie aber gelingt das gemeinsame Gespräch mit einer Person, die gänzlich andere Ansichten hat oder zu haben scheint? Dazu mehr in der nächsten Kolumne. Es ist davon auszugehen, dass diese Frage aktuell bleibt.

Magdalena Hoffmann ist Studienleiterin und Dozentin für Philosophie und Management an der Universität Luzern.

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