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Gemeinden engagieren immer häufiger Beratungsfirmen – ums Geldsparen geht's dabei selten

Schweizer Kommunen nehmen immer öfter die Dienste von Beratungsfirmen in Anspruch. Zwischen 2012 und 2017 haben sich 69 Prozent der Gemeinden extern beraten lassen.
Leo Eiholzer
Die Gesetze und Vorgaben sind mittlerweile so kompliziert, dass Gemeindeverwaltungen sich externe Hilfe holen. Quelle: Keystone/1. März 2018.

Die Gesetze und Vorgaben sind mittlerweile so kompliziert, dass Gemeindeverwaltungen sich externe Hilfe holen. Quelle: Keystone/1. März 2018.

Der Stammtisch sagt: Wer keine Ahnung hat, holt sich einen Berater. Unabhängig davon, ob das stimmt, ist der Beratungsboom bei Unternehmen ungebrochen. Und auch Schweizer Gemeindeverwaltungen nehmen immer häufiger die Dienste von externen Beratungsfirmen in Anspruch. So sagen es Branchenkenner. Eine Studie bestätigt den Befund: Gemäss Forschern des Schweizerischen Instituts für öffentliches Management in Bern haben sich zwischen 2012 und 2017 69 Prozent der Schweizer Gemeinden extern beraten lassen.

Die Gemeinden benötigen Beratung vor allem bei ihrem Kerngeschäft. Im Kanton Aargau (nur dort liegen detaillierte Zahlen vor) haben sich 62 Prozent der Gemeinden und Städte im Bereich «Unterstützung bei Verwaltungsaufgaben» beraten lassen. Beratung für Sparmassnahmen gab es nur in 8 Prozent der Gemeinden. Beispiele zeigen, wofür die Gemeinden Geld ausgeben:

Beispiel 1: Ermatingen TG gibt 10'000 Franken für eine Arbeitsplatzanalyse im Sozialamt aus. Wegen «hoher Präsenzzeiten» der Sozialamts-Leiterin liess die Gemeinde die Arbeitsplatzanalyse durch eine Beratungsfirma erstellen. Das Fazit: Die Leiterin muss von einer Fachkraft entlastet werden.

Beispiel 2: St Gallen investiert 150'000 Franken in Sparberatung: Weil ein hohes Defizit prognostiziert wird, lässt sich die Stadt von der Firma PwC beim Erstellen eines Sparprogramms beraten. Um 30 Millionen Franken sollen die Ausgaben gesenkt werden.

Beispiel 3: Oberlunkhofen AG sind «Visionen» 5000 Franken wert. Die 2000-Einwohner-Gemeinde liess sich einen Masterplan ausarbeiten, der als Grundlage für die Finanzplanung der nächsten Jahre dient.

Beispiel 4: Bubikon ZH leiht sich für 20'000 Franken pro Monat einen Angestellten. Nachdem der Bausekretär freigestellt wurde, holte sich die Gemeinde temporär einen Bauingenieur von einer Beratungsfirma.

«In unserem Unternehmen wächst der Sektor der Beratungen für öffentliche Verwaltungen», sagt Michael Käsermann, Leiter Unternehmsberatung bei BDO, einer der grossen Beratungsfirmen der Schweiz. Auch Christoph Niederberger, Direktor des Schweizerischen Gemeindeverbandes, sagt: «Wir führen keine Statistik, aber es ist eine Tendenz spürbar, dass die Gemeinden vermehrt externe Dienstleistungen in Anspruch nehmen.»

Was treibt die Gemeinden dazu, immer mehr Berater zu engagieren? Käsermann:

«Es ist eine Ressourcen- und Kompetenzenfrage. Manchmal fehlen die Leute, manchmal geht es um Spezialistenwissen.»

Ob er auch schon Beratungen durchgeführt habe, die er als Bürger der Gemeinde nicht besonders sinnvoll gefunden hätte? «Auch wenn der Sinn nicht offensichtlich ist, besteht er oft daraus, dass eine Gemeinde einen Sachverhalt objektiv überprüfen lassen will», so Käsermann.

Gemeindeverbandsdirektor Niederberger sieht als Grund für die Zunahme, dass einige Gemeinden «heute eher ein paar Leute zu wenig als zu viel» hätten. Gleichzeitig nehme die Regelungsdichte immer weiter zu. Die Gesetze seien teils so komplex, dass Gemeinden für die Umsetzung externes Know-how benötigen. Etwa beim neuen Rechnungslegungsmodell.

«Manchmal ist es einfach billiger, dieses Wissen einzukaufen, anstatt jemanden fest anzustellen.»

Die Studie des Berner Instituts zeigt auch, dass 60 Prozent der Gemeindeverwaltungen 2017 mehr Mitarbeiter hatten als 2007. Die Forscher haben auch Gemeindeschreiber befragt. Für sie stehen «zu komplizierte Prozesse» ganz oben auf der Problemliste, dicht vor zu knappen Finanzen. Die Ausgaben der Schweizer Gemeinden sind seit 2000 um 18 Prozent oder sieben Milliarden Franken gestiegen. In den letzten zehn Jahren stagnierten sie allerdings fast, während die des Bundes stark wuchsen.

Es handle sich um ein «Spannungsfeld»

Das Geld für die externen Beratungen kann die Exekutive einer Gemeinde meist ohne Kontrolle der Gemeindeversammlung selbst ausgeben, da sie im Einzelfall recht tief sind. «Trotzdem ist sichergestellt, dass man sich als Berater nicht zu wohlfühlt», so Käsermann von der BDO. «Denn im Gegensatz zur Privatwirtschaft holen öffentlich-rechtliche Kunden meistens mehrere Offerten ein.»

Ist es aus demokratischer Sicht überhaupt wünschenswert, wenn Beratungsfirmen an Gemeindeordnungen mitschreiben? Verbandsdirektor Niederberger gibt zu, dass es sich um ein «Spannungsfeld» handelt. «Um das Milizsystem zu erhalten, muss die Exekutive aber operative Aufgaben abgeben, damit sie strategisch besser führen kann.»

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