«Bei uns wird es keinen zweiten Fall Sika geben»: Schindler leitet Generationenwechsel ein

Die lang erwartete Nachfolgeregelung beim Ebikoner Lifthersteller nimmt allmählich Form an. Patron Alfred N. Schindler leitet seinen Rückzug ein – der Konzern soll aber auch weiterhin in Familienhand bleiben.

Gregory Remez
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Stabübergabe Anfang 2016: Alfred N. Schindler (Mitte) mit dem heutigen Verwaltungsratspräsidenten Silvio Napoli (links) und Konzernchef Thomas Oetterli im Hotel Palace in Luzern.

Stabübergabe Anfang 2016: Alfred N. Schindler (Mitte) mit dem heutigen Verwaltungsratspräsidenten Silvio Napoli (links) und Konzernchef Thomas Oetterli im Hotel Palace in Luzern.

Bild: Manuela Jans-Koch (15. Januar 2016)

Familienunternehmen bilden das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft. Doch nicht selten findet ihre Geschichte mit der dritten oder vierten Generation ein Ende. Die Nachkommen verkrachen sich oder wenden sich desinteressiert ab. Beispiele gibt es zuhauf. Eines der spektakulärsten bildet etwa der jahre­lange Streit um die Übernahme des Baarer Bauchemiekonzerns Sika – bei dem das Unternehmen trotz wirtschaftlichen Erfolgs einem gehörigen Stresstest unterzogen wurde.

Einen derartigen Übernahmekampf möchte der Ebikoner Lift- und Rolltreppenhersteller Schindler um jeden Preis verhindern. Früh liess Patron Alfred N. Schindler deshalb verlauten, dass es in seinem Unternehmen «keinen zweiten Fall Sika» geben werde. Entsprechend lange wurden Details zur Nachfolgeregelung erwartet. Nun aber scheint diese allmählich Form anzunehmen. Wie der Liftkonzern am Mittwoch mitteilte, soll Schindler auch weiterhin in der Familie und somit in Schweizer Hand bleiben. Hierzu würden in den nächsten zwei Jahren die Aktienanteile schrittweise von der vierten an die fünfte Generation übertragen. Insgesamt seien in diesem Zeitraum bis zu 15 ausserbörsliche Aktientransaktionen zwischen 20 und 350 Millionen Franken zu erwarten, hiess es weiter. Eine erste Tranche sei bereits am 27. Dezember des vergangenen Jahres erfolgt.

Nachfolger bereits im Verwaltungsrat

Schindler zählt zu den Unternehmen, in denen die Eigentümerfamilien eine tragende und gestaltende Rolle einnehmen. Die durch einen Aktionärsbindungsvertrag miteinander verbandelten Familien Schindler und Bonnard kontrollieren 71 Prozent der Stimmen und 44 Prozent des Kapitals. Der langjährige Konzernchef und heutige Verwaltungsrat Alfred N. Schindler (70) sowie der ebenfalls im Verwaltungsrat sitzende Luc Bonnard (73) bilden dabei die letzten Vertreter der vierten Generation. Von der fünften Generation sind bei insgesamt elf Mitgliedern deren fünf aktiv im Unternehmen tätig, zwei davon sitzen im Verwaltungsrat: Carole Vischer (48), eine Nichte von Schindler, und Tobias B. Staehelin (41), ein Neffe von Bonnard. Vischer bildet seit 2013 ein nichtexekutives Mitglied des Gremiums und sitzt zudem seit 2016 im Prüfungsausschuss. Staehlin leitet eine operative Einheit in Deutschland und ist seit 2017 exekutives Mitglied des Verwaltungsrates.

Für die nächste Generation gilt es nun, das Unternehmen in ein neues Zeitalter zu begleiten. Nachdem sich Schindler mit der Trennung vom IT-Dienstleister Also im Juni 2017 erstmals zu einem «Pure Player» ohne Nebengeschäfte gemausert hat, steht bereits die nächste grosse Herausforderung an: die Automatisierung bestimmter Produktionsprozesse sowie die flächendeckende Digitalisierung der Services. Bis heute gilt dabei im Hause Schindler die Maxime des alten Chefs: Erneuerung vor Stillstand. «Sobald man zufrieden ist, geht es bergab», sagte Alfred N. Schindler einst. Ein Unternehmer komme nie am Gipfel an, weil der Berg stets wachse.

Übergabe akribisch vorbereitet

Der Langzeitchef hatte wie kaum ein anderer die Geschichte des Traditionsunternehmens geprägt. Unter seiner Ägide – 26 Jahre als Konzernleiter und 22 Jahre als Präsident – wuchs Schindler zu einem Weltkonzern mit heute über 64000 Mitarbeitenden und einem Jahresumsatz von gut 11 Milliarden Franken heran. Entsprechend schwer tat er sich zuletzt mit dem Umstand, dass seine Familie künftig wohl nicht mehr die gleiche Rolle in der Firma spielen wird wie er – seit 2017 sind die Eigentümer­familien nicht mehr an der Konzernspitze vertreten.

Akribisch hatte er deshalb den bevorstehenden Generationenwechsel vorbereitet. An den wichtigsten Schalthebeln des Betriebs ist die Nachfolge seit Jahren geregelt. Der seit Anfang 2016 amtierende Konzernleiter Thomas Oetterli und der im März 2017 bestätigte Verwaltungsratspräsident Silvio Napoli arbeiten seit über 23 Jahren für den Konzern. In dieser Zeit dürfte ihnen der Patron die Schindler-DNA gründlich eingeimpft haben. Die aktuellen Massnahmen seien denn auch ein Vertrauensbeweis für das aktuelle Management, erklärt eine Sprecherin. Bis auf weiteres dürfte sich an der Spitze des Liftkonzerns deshalb wenig tun. Zumal von der fünften Generation (noch) niemand bereit scheint, oberste Verantwortung zu übernehmen. Nichtsdestotrotz glaubt Alfred N. Schindler, dass das Unternehmen noch lange in Familienhand bleiben werde. Sein erklärtes Minimalziel: zehn Generationen.