Gerade noch die Kurve gekriegt: Diese Zentralschweizer Unternehmen standen 2019 kurz vor dem Untergang

Mehrere Zentralschweizer Unternehmen standen in diesem Jahr kurz vor dem Kollaps. Die meisten konnten sich gerade noch retten – oder wurden gerettet. Doch nicht überall gab es ein Happy End.

Maurizio Minetti
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Blick in die Produktion des Milchverarbeiters Hochdorf: Eine Mitarbeiterin kontrolliert die automatische Abfüllanlage für Milchpulver.

Blick in die Produktion des Milchverarbeiters Hochdorf: Eine Mitarbeiterin kontrolliert die automatische Abfüllanlage für Milchpulver.

Bild: Pius Amrein (Hochdorf, 19. Dezember 2019)

Solche Sätze liest man in Medienmitteilungen börsenkotierter Unternehmen selten: «Es ­bestehen erhebliche Zweifel am Fortbestand der Gesellschaft», teilte der Milchverarbeiter ­Hochdorf Ende August 2019 mit. «Ohne Kapitalerhöhung steigt das Insolvenzrisiko für Schmolz+Bickenbach in erheblichem Masse», warnte drei Monate später der Stahlhersteller. Im Herbst dieses Jahres befanden sich diese zwei traditions­reichen Luzerner Konzerne kurz vor dem Kollaps. Insgesamt standen allein im Kanton Luzern über mehrere Wochen tausend Stellen auf dem Spiel. Die Lage schien hoffnungslos.

Doch beide Unternehmen haben im letzten Moment die Kurve gekriegt. Die Erlösung für Hochdorf kam Ende Oktober mit der Kreditverlängerung der Banken. Das Mutterunternehmen des Stahlwerks Swiss Steel in ­Emmenbrücke musste länger ­zittern: Erst Anfang Dezember gab die Finanzmarktaufsicht grünes Licht für die geplante Kapitalerhöhung von Schmolz+Bickenbach. Die Bankkredite und die Kapitalerhöhung verschaffen den beiden Firmen Luft. Aus der Gefahrenzone sind sie aber nicht. Beide Unternehmen stehen vor harten Restrukturierungsmassnahmen, die sich auf die Belegschaft auswirken könnten. Im Fall von Schmolz+Bickenbach könnte dieser Prozess zudem durch Rechtsstreitigkeiten erschwert werden.

Ungewöhnliche Firmenrettungen

Nicht nur Grosskonzerne ­haben dieses Jahr den Kopf im letzten Moment aus der Schlinge gezogen. Zwei ungewöhn­liche Firmenrettungen gab es in Nidwalden und Uri. Das Maschinenbau-Unternehmen Müller Martini prüfte im Frühjahr die Schliessung des Betriebs in Stans mit 60 Mitarbeitern. Doch nur wenige Wochen später eilte der bis dato praktisch unbekannte Hersteller von Maschinensystemen Benpac zu Hilfe und übernahm den Standort samt Angestellten. Das gleiche Muster wiederholte sich Mitte Dezember. Diesmal vergingen keine zehn Tage zwischen der Ankündigung des Urner Grossteileherstellers Berghoff, den Altdorfer Standort mit 71 Angestellten zu schliessen, und der Übernahme durch Benpac.

Diese Rettungsaktionen zeigen, wie schmal der Grat zwischen Leben und Tod für ein Unternehmen sein kann. Andere Zentralschweizer Firmen hatten im vergangenen Jahr weniger Glück. So wird der Möbelhersteller Reinhard Ende Jahr nach 120 Jahren Firmengeschichte die Tore für immer schliessen. 80 Mitarbeiter in Sachseln und Dagmersellen haben ihre Stelle verloren, aber immerhin eine Anschlusslösung gefunden. Auch der Hersteller von Holzfaserdämmstoffen Pavatex schloss dieses Jahr sein Werk in Cham. 50 Jobs sind für immer weg.

Firmenschliessungen sorgen immer für grosses Aufsehen, das vergangene Jahr brachte für die Region aber auch eine Vielzahl erfreulicher Nachrichten. So hat sich der Weltkonzern Adidas mit hundert Jobs in Luzern niedergelassen, der Stanser Lizenzhändler Software One hat den Sprung an die Börse geschafft und zahlreiche KMU haben zweistellige Millionenbeträge für Neubauten ausgegeben. Bauvorhaben kommen allerdings in der Bevöl­kerung nicht immer gut an, wie das Beispiel von Roland Bracks ­Handelsgruppe Competec in Willisau zeigt. Drei Jahre lang ­haben Nachbarn einen 50-Millionen-Bau blockiert; im Frühling gab das Bundesgericht dem Online-Handelspionier recht.

Abhängig von der Autoindustrie

Eine Branche sorgte im zu Ende gehenden Jahr immer wieder für Schlagzeilen: die Autoindustrie. Einerseits leiden zurzeit viele hiesige Zulieferer unter der schwächelnden Nachfrage nach Autos. Firmen wie Maxon, Dätwyler, Swiss Steel, Komax, Bossard oder Schurter mussten den Gürtel enger schnallen und zum Teil sogar Kurzarbeit einführen.

Andererseits spüren auch die Autogaragen den zunehmenden Druck der Hersteller und Importeure. So liefern sich aktuell diverse Garagisten aus der Region Rechtsstreitigkeiten mit Amag und Emil Frey. Dass die Hersteller oftmals den Tarif durchgeben, zeigt das Beispiel des Mercedes-Händlers Merbag, der dieses Jahr seine Zentralschweizer Filialen auf Druck der Mercedes-Mutter Daimler verkaufen musste.

Wenn die grossen Autokonzerne ins Stottern geraten, riskieren unsere Zulieferer und Garagen, aus der Bahn geworfen zu werden. Sie werden in Zukunft noch mehr als bisher darauf achten müssen, dass sie die Kurve kriegen.