Analyse
Gesucht: Ein dritter Käufer, der mit Alstom sein Geschäft des Lebens machen will

Nüchtern betrachtet würde wohl auch Siemens gleich wie GE die Alstom-Standorte Baden und Birr schliessen. Die Gasturbinenproduktion in Europa lohnt sich nicht mehr. Einzig für das Service-Angebot bieten sich günstige Perspektive. Eine Analyse.

Matthias Niklowitz
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Das Alstom Hauptquartier in der Nähe von Paris.

Das Alstom Hauptquartier in der Nähe von Paris.

Keystone

Die französische Regierung sieht Alstom lieber mit Siemens zusammen. Siemens hat indes genug eigene interne Baustellen, wie einige Aufsichtsräte gerade noch rechtzeitig erkannt haben. Aus dem Gremium gibt es Widerstand gegen ein kostspieliges Abenteuer. Und von General Electric (GE) wollen die Franzosen mehr Geld sehen, wenn die Amerikaner denn schon ein Juwel der französischen Industrie haben wollen. So weit der Stand der Dinge.

Der Deal wirft einige wichtige Fragen auf: Wer soll überhaupt über die Zukunft bestimmen? Zu wem passt Alstom besser - Siemens oder GE? Und wie sähe eine ideale schweizerische Lösung aus?

Zunächst sträuben sich jedem Verfechter liberaler Marktstrukturen die Haare: Die französische Regierung, zwar wichtiger Abnehmer von Alstom, aber weder Mehrheits- noch gewichtiger Minderheitsaktionär, hat nach ihrem Selbstverständnis das Sagen bei einem allfälligen Verkauf. Dabei wäre es eigentlich ausschliesslich Sache der Aktionäre, über das Angebot von GE oder Siemens zu befinden. Für diese zählt lediglich die nüchterne Betrachtung: Welches ist das bessere Angebot?

Am Aktienkurs gemessen, hat zudem das Alstom-Management in den letzten Jahren einen miserablen Job gemacht: Es gibt nur wenige Unternehmen, bei denen der Aktienkurs heute unter dem vom März 2009 liegt, als weltweit alle Börsen auf ihren tiefsten Ständen waren, Alstom ist ein solches Unternehmen. Das alleine wirft schon Fragen über die Qualität des Managements auf.

Eine ernst zu nehmende französische Politik hätte zudem seit Jahren darauf hinwirken können, das Umfeld im Energie- und Transportgeschäft für Alstom besser zu gestalten - dann wäre der Konzern kein Sanierungs- und Übernahmefall.

Die Aktionäre sind der französischen Regierung noch in einem zweiten Punkt völlig egal: Es zählen jetzt nur die zu erhaltenden bzw. zu schaffenden Arbeitsplätze in Frankreich.

Dieser Logik würde auch der wichtige Sitz Baden zum Opfer fallen. Spätestens jetzt stellt sich aber die Frage: Was würde Siemens mit Baden und Birr machen, wo Gasturbinen hergestellt werden? Bei nüchterner Betrachtung: genau das gleiche wie GE. Schliessen.

Die Gasturbinenproduktion lohnt sich in Europa nicht mehr, zwei Dutzend nagelneuer Gaskraftwerke sind stillgelegt und neue Anlagen werden lediglich in Nordamerika und in Asien gebaut. Diese Aufträge landen indes in den Büchern von GE, Mitsubishi und weiteren chinesischen Herstellern.

Alstom hat so oder so ein grosses Problem. Wer von Siemens einen pfleglicheren Umgang mit den Überkapazitäten und Doppelspurigkeiten erwartet, erliegt einer Illusion. Auch die Deutschen müssten sanieren. Denkbar wäre lediglich, dass beispielsweise die Wartung der Turbinen weiter von Baden gesteuert und von Birr aus vorgenommen wird.

Aber darauf würde auch GE kommen, wenn eine nüchterne betriebswirtschaftliche und nicht eine Standort-Arbeitsplatz-politische Logik den Deal regieren würde. Der beste Fall für Alstom wäre ein Käufer aus einem aufstrebenden Land, der in Europa Fuss fassen will und Menschen sowie Fabriken benötigt. Beispielsweise ein grosses koreanisches Unternehmen.

Ein solcher Kauf wäre auch eine ideale schweizerische Lösung, bei der die Stärken des Standortes voll zum Tragen kommen würden: hervorragend ausgebildetes Personal, ausgeprägte (industrielle) Servicekultur und ein ausgezeichnetes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Das Service-Geschäft ist zudem (auch) innerhalb von Alstom profitabel und bei weitem nicht so kapitalintensiv wie die Produktion mit allen damit verbundenen Risiken. Baden und Birr liegen zudem so zentral in Europa - es wäre der ideale Turbinen-Service-Hub für jeden Käufer von Alstom.

Was bräuchte es dafür? Zunächst einmal einen Käufer mit dem «richtigen» Profil. Weder GE noch Siemens zählen aus naheliegenden Gründen dazu. Beide haben ausreichend grosse Service-Sparten.

Auch chinesische Firmen neigen eher dazu, transportierbare Einrichtungen abzumontieren und nach Fernost zu verfrachten. Zwar gäbe es auch Geld von Private-Equity-Firmen, aber die neigen dazu, erst einmal das Unternehmen gezielt zu verschulden. Das wäre keine gute Startbasis.

Ein rasch und beherzt auftretender Unternehmer könnte jetzt möglicherweise das Schnäppchen des Lebens machen - denn so günstig wie jetzt wären die schweizerischen Alstom-Einrichtungen später nicht zu haben: Die Industrie hat ein Strukturproblem und weder GE noch Siemens wollen das schweizerische Gasturbinen- und Servicegeschäft wirklich.

Es winken: eine hoch motivierte, exzellent ausgebildete Belegschaft und ein gutes Wachstumspotenzial. Denn auch die Besitzer von GE- und Siemens-Turbinen brauchen die Services - und möchten dafür nicht so viel wie bisher bezahlen.