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Gesucht: Piloten ohne Erfahrung

Die Fluggesellschaften Swiss und Edelweiss Air suchen zurzeit händeringend neue Co-Piloten. Die Konkurrenz im deutschsprachigen Markt führt dazu, dass die Bewerbungskriterien so tief sind wie nie zuvor.
Roger Ackermann
Piloten am Flughafen Zürich besprechen sich vor einem Flug. (Bild: Benjamin Manser (9. Juni 2015))

Piloten am Flughafen Zürich besprechen sich vor einem Flug. (Bild: Benjamin Manser (9. Juni 2015))

Der direkteste Weg in ein Cockpit einer Fluggesellschaft ist die sogenannte Ab-Initio-Ausbildung. Ganz dem Wortsinn der ­lateinischen Bezeichnung nach werden aus Pilotenanwärtern mit null Flugerfahrung innerhalb von rund zwei Jahren Co-Piloten für den Airline-Betrieb. Grössere Fluggesellschaften wie die Swiss betreiben dafür eigene Trainingsbetriebe, andere Airlines, zum Beispiel Easyjet, arbeiten mit Flugschulen zusammen. In beiden Fällen können die Fluggesellschaften die Ausbildung der angehenden Piloten bis zu einem gewissen Grad auf die eigenen Bedürfnisse massschneidern.

Im Idealfall ist die Zahl der Ab-Initio-Kandidaten gleich wie oder grösser als der Bedarf der Fluggesellschaft. Wartelisten für frischausgebildete Piloten sind deshalb keine Seltenheit. Auch für erfolgreiche Absolventen der Lufthansa Aviation Training Switzerland, vormals Swiss Aviation Training, besteht eine solche Warteliste – noch. Denn der kurzfristige Bedarf der Swiss und ihrer Schwestergesellschaft Edelweiss Air ist derzeit so gross, dass er laut Swiss-Medienchefin Karin Müller selbst bei einer 100-prozentigen Auslastung der Pilotenkurse nicht gedeckt werden könnte.

Piloten ohne jegliche Airline-Erfahrung

Der kurzfristige Bedarfsüberschuss sei als Folge von Markt­veränderungen entstanden, sagt Müller. Sie nennt unter anderem die Konsolidierung in der Branche als mögliche Ursache. Tatsächlich könnte das Aus von Air Berlin ein Faktor sein, weshalb der Markt für Piloten im deutschsprachigen Raum im Moment völlig überhitzt ist. Die deutsche Lufthansa möchte die entstandene Lücke schnellstens mit der eigenen Billigtochter Eurowings füllen und sucht deshalb seit Monaten aggressiv nach Piloten. Weil gleichzeitig noch Austrian Airlines, Sun Express und Lufthansa Cityline, wie Swiss ebenfalls alles Lufthansa-Tochter­gesellschaften, auch Piloten suchen, findet wohl gerade eine Kannibalisierung auf dem Markt statt. Mit dem Resultat, dass die Bewerbungskriterien bei Swiss so tief sind wie noch nie.

Erstmals überhaupt lässt die Fluggesellschaft Piloten, die nicht die eigene Ausbildung durchlaufen haben, ohne jegliche Airline-Erfahrung und Type Rating (Musterberechtigung zum Führen eines bestimmten Luftfahrzeugmusters) zur Selektion zu. Sowohl Swiss als auch ihre Schwester Edelweiss Air verlangen einzig eine theoretische Linienflugberechtigung – weniger geht nicht mehr.

«Attraktivität des Berufs hat gelitten»

Von gelockerten Anforderungskriterien wollen beide Airlines allerdings nichts wissen. Bei Edelweiss, die für kommendes Jahr 30 neue Co-Piloten für die Airbus-A320-Familie sucht, betont Mediensprecher Andreas Meier, dass man durch die eigene Type-Rating-Ausbildung «einen einheitlich hohen Standard» sicherstellen könne. Seiner Kollegin von der Swiss, Karin Müller, ist es wichtig zu betonen, dass nur die Bewerbungskriterien gesenkt worden seien; «die Qualitätsanforderungen an einen Swiss-Piloten sind nach wie vor dieselben».

Auch Thomas Steffen vom Pilotenverband Aeropers sieht die Qualität in den Cockpits nicht gefährdet. Sorgen bereiten dem Flugkapitän eher die Schwierigkeiten der beiden Schweizer Fluggesellschaften bei der Rekrutierung neuer Piloten. «Grundsätzlich hat die Attraktivität des Pilotenberufes gelitten», sagt Steffen und verweist darauf, dass Swiss und Edelweiss auch deshalb so händeringend Piloten suchen, weil die Ab-Initio-Lehrgänge seit einer Weile nicht mehr ausgelastet seien. Die beiden Airlines hätten das Problem aber auch durch wenig zeitgemässe und den gesellschaftlichen Entwicklungen nicht angepasste Arbeitsmodelle selbst verschuldet. Bei Edelweiss wurden zudem die Löhne seit 2009 kaum angepasst. Aeropers hat deshalb den Gesamtarbeitsvertrag (GAV) gekündigt und befindet sich in Vertragsverhandlungen.

Die Billigkonkurrenz zeigt sich gelassen

Kurzum: Swiss und Edelweiss sind als Arbeitgeber nicht mehr so begehrt, als dass sie sich vor Bewerbern kaum retten könnten. Thomas Steffen verweist noch auf ein weiteres Problem: «Die Swiss hat in den vergangenen Jahren sehr viele Piloten aus dem Ausland rekrutiert.» Teilweise seien mehr als zwei Drittel der Piloten beim Type Rating Ausländer gewesen. «Weil auch im Ausland aktiv rekrutiert wird, finden diese Piloten jetzt ihre Jobs zu Hause.»

Keine Rekrutierungsprobleme hat der Schweizer Ableger der Billigairline Easyjet laut deren Direktor Jean-Marc Thévenaz. Man finde genügend geeignete Kandidaten und habe im letzten Winter mit 50 Co-Piloten eine Rekordzahl neuer Piloten angestellt, sagt Thévenaz. Deshalb denkt Easyjet auch nicht daran, die Bewerbungskriterien zu senken. Mindestens 1000 Flugstunden im kommerziellen Multi-Crew-Betrieb werden von Bewerbern gefordert. Eine Billigairline attraktiver als die stolze Swiss? Jein, denn im Gegensatz zu Easyjet verlangen sowohl Swiss als auch Edelweiss als Zulassungskriterium gute Deutschkenntnisse. So scheinen die Sprachkenntnisse zurzeit beinahe das grösste Hindernis bei der Rekrutierung neuer Co-Piloten zu sein.

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