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GESUNDHEIT: Keime – nicht nur im Fleisch

Obwohl Tieren immer weniger Antibiotika verabreicht werden, gibt es mehr resistente Erreger. Auch dort, wo man sie nicht erwartet.
Hier könnten Keime lauern: grünes Fleisch-Curry mit asiatischen Gewürzen. (Bild: Getty)

Hier könnten Keime lauern: grünes Fleisch-Curry mit asiatischen Gewürzen. (Bild: Getty)

Andreas Lorenz-Meyer

1928 entdeckte Alexander Fleming zufällig die antibakterielle Wirkung eines Schimmelpilzes. Den Stoff, der die Bakterien abtötete, nannte er Penicillin. Damit brach das Antibiotika-Zeitalter an. Bakterielle Infektionen, die vorher lebensbedrohlich waren, konnten effektiv bekämpft werden. Jedoch gibt es heute ein riesiges Problem. Man hat Antibiotika zu häufig und unsachgemäss eingesetzt. Die Bakterien entwickelten dadurch Mehrfach-Resistenzen, sie wurden unempfindlich gegen die Wirkstoffe. Die Folge: Antibiotika schlagen häufig nicht mehr an. Zwar stören die Erreger bei gesunden Menschen nicht weiter, gehören sie doch teilweise zur normalen Darmflora. Hochgefährlich wird es aber, wenn sich der Mensch eine bakterielle Infektion einfängt. Diese kann schlimmstenfalls tödlich enden.

Immer mehr Erreger

Dass die gefährlichen Erreger auf dem Vormarsch sind, belegt eine Studie der Universität Zürich: Von 600 gesunden Probanden hatten 5,8 Prozent multiresistente Keime im Darm. Nicht nur die unbedachte Antibiotika-Anwendung bei Menschen begünstigt die Verbreitung. Auch die Nutztierhaltung hat ein massives Problem mit multiresistenten Keimen. Zwar wird hierzulande immer weniger Antibiotika für Tiere verkauft (siehe Grafik). Doch weniger Antibiotika bedeuten nicht unbedingt weniger multiresistente Keime.

Seit 2006 überwacht das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) die Antibiotika-Resistenz bei Mastgeflügel, Mastschweinen und Rindern. Dabei geht es unter anderem um MRSA. MRSA steht für Methicillin-resistente Staphylococcus aureus. Staphylococcus aureus ist ein Bakterium, das die Haut und Schleimhaut von Menschen und Tieren besiedelt. Das Vorkommen von MRSA bei Mastschweinen in Schweizer Schlachthöfen hat sich im letzten Jahr von 20 auf 26 Prozent erhöht. Der Mensch nimmt den Erreger auf, indem er ungenügend erhitztes Fleisch verzehrt, oder andere, vorher durch rohes Fleisch kontaminierte Lebensmittel isst.

Direkter Kontakt ist gefährlich

Roger Stephan vom Institut für Lebensmittelsicherheit und -hygiene der Universität Zürich beurteilt das Risiko so: «Im Darm löst der MRSA-Erreger gar nichts aus. Er befindet sich sozusagen an der falschen Stelle. Nicht auf der Haut oder auf der Schleimhaut, wo er sich heimisch fühlt. Er wird daher einfach wieder ausgeschieden. Lebensmittelhygienisch haben wir hier also kein Problem.» Gefährlich wird es beim direkten Kontakt mit MRSA-tragenden Tieren. Das Risiko, dass MRSA vom Tier auf den Menschen übertragen wird, erhöht sich dabei stark. Ein Mensch mit einem solchen Erreger muss sich nur eine Wundinfektion zuziehen. Gelangt der dann von der Haut oder der Nasenschleimhaut in die Wunde, wird die Therapie schwierig, so Stephan. Zum Glück können die MRSA-Stämme, die beim Nutztier vorkommen, die Haut und Schleimhaut des Menschen aber nur schlecht besiedeln.

Im aktuellen Jahresbericht geht das BLV auch auf die Verbreitung von ESBL-Bildnern ein. ESBL steht für «Extended-Spectrum Beta-Laktamase». Keime, welche diese Enzyme produzieren, sind gegen viele Antibiotika der Betalaktam-Gruppe resistent. Bei Pouletfleisch wird man besonders oft fündig. In 66 Prozent der Proben aus Schweizer Beständen und in 86 Prozent der Proben aus ausländischem Pouletfleisch waren ESBL-produzierende Keime nachzuweisen. Sie kommen bei Darmbakterien wie Escherichia coli (E. coli) vor, die normalerweise nicht direkt krank machen. E. coli ist in der Darmflora von Menschen vorhanden, ohne dass etwas passiert. Jedoch haben die Enzyme, welche die Resistenz hervorrufen, eine bestimmte Eigenschaft, wie Stephan erklärt. Sie liegen oft auf Plasmiden, kleinen mobilen «Legobausteinchen», die unter den Bakterien sehr leicht ausgetauscht und weitergegeben werden können. Die Resistenzfähigkeit breitet sich dadurch aus, sehr leicht auch im Darm. Damit sind ESBL-Bildner ein lebensmittelhygienisches Problem. Löst ein E. coli aus der Darmflora, das durch den «Legobaustein» zum ESBL-Bildner geworden ist, zum Beispiel einen Harnwegsinfekt aus, ist dieser schwierig zu behandeln.

Antibiotika-Datenbank soll helfen

Mehrere Faktoren spielen bei multiresistenten Keimen eine Rolle: der tatsächliche Einsatz von Antibiotika, die Tiergesundheit, der Schlachtprozess, die anschliessende Verarbeitung. Eine komplexe Angelegenheit also. Nathalie Rochat vom BLV: «Uns fehlen derzeit noch einige Grundlagen für gezielte Massnahmen und eine Erfolgskontrolle. Wir wissen nicht, bei welchen Tierarten und gegen welche Keime welche und wie viele Antibiotika eingesetzt werden.» Das soll sich in Zukunft ändern. Geplant ist eine zentrale Antibiotika-Datenbank. Derzeit berät das Parlament eine Revision des Heilmittelgesetzes, welche die gesetzliche Grundlage bildet. Rochat erhofft sich viel davon: «Um das Problem der Antibiotika-Resistenzen in den Griff zu bekommen, müssen wir die Antibiotika-Anwendungen genau analysieren können. Dies gilt für die Humanmedizin wie für den Veterinärbereich. Eine Antibiotika-Datenbank ist dafür das entscheidende Instrument.» Gemeinsam mit dem Bundesamt für Gesundheit und dem Bundesamt für Landwirtschaft erarbeitet das BLV zudem eine nationale Antibiotika-Strategie. Rochat: «Wir planen Massnahmen, die in allen Bereichen – Mensch, Tier und Umwelt – zu einem Rückgang der Resistenzen führen.» In der Anhörung bei den Kantonen und den Organisationen sei die Antibiotika-Strategie auf breite Zustimmung gestossen, so Rochat. Der Bundesrat wird voraussichtlich gegen Ende 2015 über die Umsetzung der Strategie entscheiden.

Vier Hygieneregeln beachten

So wenig Antibiotika wie möglich, so gezielt wie möglich – diese Maxime sollte künftig in der Humanmedizin wie auch der Landwirtschaft gelten. Worauf müssen aber Konsumenten achten? Das Risiko einer Ansteckung von Menschen via Lebensmittel ist gering, sagt Rochat. Dennoch sollte man bei der Zubereitung von rohem Fleisch vier einfache Hygieneregeln beherzigen: saubere Küchenutensilien, Trennung von rohem Fleisch und gekochten Lebensmitteln, ausreichende Erhitzung von Fleisch vor dem Verzehr und Lagerung der Lebensmittel bei sicheren Temperaturen.

Allerdings sollten nicht nur Fleischesser aufpassen, auch Vegetarier sind betroffen. Das Institut für Lebensmittelsicherheit- und -hygiene untersuchte Importgemüse- und -kräuter aus Schweizer Asia-Läden und dem Detailhandel. 11 von 33 Proben wiesen Antibiotika-resistente ESBL-Bakterien auf. Zu den kontaminierten Produkten gehörten unter anderem: Koriander und Aubergine aus Thailand, gefrorene Curryblätter aus Indien. Die im Gemüse gefundenen Erreger stammen aus dem Darm, wahrscheinlich aus dem menschlichen. Über Ausscheidungen gelangten sie ins Wasser, mit dem man die Pflanzen bewässerte und sie so kontaminierte. Stephan: «Das Spektrum der Erreger zeigt uns: Die Wasserhygiene in den asiatischen Anbauländern ist das Hauptproblem.» Aus seiner Sicht sind importierte Gemüse und Kräuter noch viel eher «Risikolebensmittel», da sie zum Teil gar nicht erhitzt werden. Noch besorgniserregender ist, dass man bei den Produkten neben E. coli auch viele ESBL-bildende Klebsiellen fand. Stephan: «Bei möglichen Infektionen sind diese Bakterien noch weit schwieriger zu behandeln.»

Die verkaufte Menge der Antibiotika für Tiere in der Schweiz. (Bild: Oliver Marx)

Die verkaufte Menge der Antibiotika für Tiere in der Schweiz. (Bild: Oliver Marx)

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