GESUNDHEIT: Mammografie sorgt für Verunsicherung

Im «Brustkrebsmonat» Oktober wird wieder landesweit für die Vorsorgeuntersuchung geworben. Sie kann Leben retten – bleibt aber weiterhin umstritten.

Andrea Elmer
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Jährlich erhalten in der Schweiz 5500 Frauen die Diagnose Brustkrebs: Je früher er erkannt wird, umso besser ist in der Regel die Prognose. (Bild: Keystone)

Jährlich erhalten in der Schweiz 5500 Frauen die Diagnose Brustkrebs: Je früher er erkannt wird, umso besser ist in der Regel die Prognose. (Bild: Keystone)

Es gibt erfreulichere Einladungen als diese: In zehn Kantonen der Schweiz werden alle Frauen zwischen 50 und ­ 69 Jahren im Zweijahresturnus zur ­Brustkrebsvorsorge-Untersuchung, zum Mammografie-Screening eingeladen.

Im Kanton Luzern hat sich das Parlament in einem ersten Schritt ebenfalls für die flächendeckende Präventionsmassnahme ausgesprochen – als erster Zentralschweizer Kanton. Das Programm kostet rund 1 Million Franken bei der Einführung und dann jährlich rund 600 000 Franken. Im November entscheidet der Kantonsrat, ob er den Posten für die Einführung bereits ins Budget 2014 aufnehmen will.

Abtasten manchmal zu spät

Die Mammografie ist eine spezielle Röntgenaufnahme der Brüste, bei der verdächtige Veränderungen und Tumore im Frühstadium sichtbar werden, lange bevor sie beim Abtasten mit der Hand spürbar werden und allenfalls bereits Ableger gebildet haben. Bei Frauen, die jünger als 50 Jahre sind, ist eine Mammografie aufgrund des dichten Brustgewebes nur bedingt tauglich.

Früherkennung verbessert die Überlebenschancen und erlaubt eine schonendere Behandlung. Seit Ende der Achtzigerjahre haben unter diesen Gesichtspunkten beinahe alle europäischen Staaten organisierte Brustkrebs-Früherkennung eingeführt. Schweden, die Niederlande und Grossbritannien übernahmen dabei eine Pionierrolle.

Sehr viele Fehlalarme

Doch der Konsens täuscht. Mammografie-Screenings sind in der Fachwelt nicht unumstritten. So kommt eine englische Studie zum Schluss, dass durch das Mammografie-Screening die Gefahr, an Brustkrebs zu sterben, keineswegs kleiner sei. Eine dänische Zahlenreihe zeigte andere Nachteile der Mammografie auf: Von 2000 Frauen, die sich über 10 Jahre lang auf Brustkrebs untersuchen liessen, konnte das Leben einer Frau gerettet werden. Für die Betroffene ist das wunderbar, aber es gibt Kehrseiten: Aufgrund falsch-positiver Befunde bei der Mammografie würden 20 der 2000 Frauen übertherapiert. Weitere 200 würden eine psychisch sehr belastende Zeit durchmachen, bis sich ein anfänglicher Verdacht durch weitere Abklärungen als falsch herausgestellt hat.

Harvard-Mediziner schätzen, dass es sich bei 15 bis 25 Prozent aller Brustkrebs-Diagnosen um einen Fehlalarm handelt. Zudem würden Tumore zu einem Zeitpunkt entdeckt, da ihre Gefährlichkeit noch nicht mal richtig eingeschätzt werden könne. Jeder Tumor ist anders, einige bilden sich sogar von selbst wieder zurück und hätten sich ohne Mammografie nie bemerkbar gemacht. Und ein weiteres Problem: Auch mit Mammografie können gefährliche Veränderungen übersehen werden.

Vorteile auch ohne Screening

Befürworter argumentieren, dass die Brustkrebs-Sterblichkeit nach der Einführung des Screenings gesunken sei. Das stimme zwar, sagen die Skeptiker, nur sei dieser Rückgang auch in Ländern ohne Screening festzustellen. Dass weniger Frauen an Brustkrebs sterben, sei primär den effektiveren Medikamenten und Therapien zu verdanken. In England sei kein Effekt des Screenings auf die Sterblichkeitsrate erkennbar, sagen die Autoren der Studie, die den Einfluss der Brustkrebsfrüherkennung auf das Todesrisiko über einen Zeitraum von 39 Jahren ausgewertet hat.

Die Uneinigkeit der Wissenschaftler verunsichert die Frauen. Sie müssen sich mit schwierigen Fragen auseinandersetzen: Lasse ich trotz kritischer Einwände und möglicher Strapazen eine Mammografie machen, weil die Angst vor Brustkrebs stärker ist? Oder lass ich es besser bleiben und nehme es in Kauf, dass im Fall der Fälle ein Tumor in der Brust eventuell später entdeckt wird als mit Mammografie?

Immer persönlich abwägen

Der Entscheid muss immer persönlich abgewogen werden – aber so einfach ist das nicht. Michael Cebulla, Gynäkologe, Brustspezialist und Vorsitzender des Brust-Zentrums der Hirslanden Klinik St. Anna in Luzern, trifft denn auch auf viele verunsicherte Frauen. Wie die Krebsliga misst auch er dem Beratungsgespräch zwischen Gynäkologen und Patientin einen hohen Stellenwert zu: «Wichtig ist, dass die Frau ehrlich informiert und über Vor- und Nachteile der Mammografie aufgeklärt wird.» Die Patientin solle sich bewusst sein, worauf sie sich einlasse, keine Untersuchungsmethode sei 100-prozentig sicher.

Vorteile hat gemäss Cebulla die Mammografie aber sehr wohl: Bei voluminösen Brüsten (Körbchengrösse D und grösser) sei es durch blosses Abtasten schwierig, Knoten in der Brust zu entdecken. Überdies könne dank dieser Untersuchungsmethode auch so genannter Mikrokalk entdeckt werden, oft eine Krebsvorstufe. «Da bietet die Mammografie effektiv eine gute Chance, einen Tumor sehr früh zu entdecken.»

Für erstrebenswert hält Michael Cebulla eine individualisierte Vorsorgeuntersuchung. Dabei werde versucht, individuelle und spezifische Risikofaktoren einer Frau stärker in den Entscheidungsprozess mit einzubeziehen. Faktoren wie zum Beispiel eine fami­liäre Vorbelastung, die Lebensgewohnheiten und die Brustdrüsendichte können für die Art der weiteren Untersuchungen und die zeitlichen Intervalle herangezogen werden.

Fortgeschrittener Krebs: Betroffene Frauen leiden doppelt

Betroffene ae. In der Diskussion um die Brustkrebsvorsorge haben sich zwar Begriffe wie Mammografie oder Screening in der öffentlichen Wahrnehmung verankert, und ein Grossteil der Bevölkerung weiss auch um die Wichtigkeit der Früherkennung der Krankheit. Ein wenig vergessen dabei gehen aber ausgerechnet jene Frauen, die an fortgeschrittenem Brustkrebs leiden.
In der Schweiz erkranken jährlich über 5000 Frauen an Brustkrebs. Von sechs Frauen, bei denen er neu diagnostiziert wird, befindet sich eine bereits in einer fortgeschrittenen Phase. Das heisst, dass sich zum Zeitpunkt der Erstdiagnose bereits Ableger gebildet haben, zum Teil «nur» lokal in den Lymphknoten, oder aber, seltener und gravierender, es kommt zu Metastasen, etwa in Knochen, in der Leber oder der Lunge oder auch im Gehirn.
Nicht mehr heilbar
Auch eine frühe Erkennung des Tumors schliesst nicht aus, dass die Krankheit später – oft nach Jahren – in ein fortgeschrittenes Stadium übergehen kann. Von fortgeschrittenem Brustkrebs spricht man ebenfalls, wenn es nach einer zunächst erfolgreichen Behandlung zu einem Rückfall kommt. Wichtigstes Merkmal von Brustkrebs mit Metastasen: Die Krankheit ist in aller Regel nicht mehr heilbar.
Ein Indiz für die Wissenslücken, die in der Bevölkerung bestehen, sind die Reaktionen, mit denen betroffene Frauen konfrontiert werden. «Hast du dich denn nicht regelmässig untersuchen lassen?», würden Frauen, die einen Rückfall erlebten, oft gefragt, erzählt Donatella Corbat, Präsidentin des Brustkrebs-Forums «Europa Donna Schweiz», das auch in der Zentralschweiz aktiv ist (www.europadonna.ch).

Falsche Vorstellungen

Donatella Corbat kennt diese Fragen aus eigener Erfahrung. Unterschwellig kommen sie einem Vorwurf gleich und basieren auf der falschen Vorstellung, dass man durch einen «gesunden Lebenswandel» und regelmässige Vorsorgeuntersuchungen vor Krebs gefeit und bei Frühentdeckung für alle Zeiten geheilt sei. Aber auch ein früh diagnostizierter Krebs kann irgendwann Ableger streuen, obwohl die Therapie zunächst erfolgreich war und die Betroffenen danach regelmässig zur Kontrolluntersuchung gegangen sind.
Selber an Brustkrebs erkrankt, musste Donatella Corbat noch eine andere Erfahrung machen. «Manchmal merkt man, dass einen das Gegenüber bereits abgeschrieben hat, als würde die Krebsdiagnose zwangsläufig das Todesurteil bedeuten.» Davon gehen offenbar auch viele Patientinnen aus, wie Thomas Ruhstaller, Chefarzt des Brustzentrums St. Gallen, sagt: «Wir sehen regelmässig Frauen, die mit einem fortgeschrittenen Brustkrebs zu uns kommen. Häufig besteht bei ihnen die Meinung, dass man mit einem Tumor, der Ableger gemacht hat, in Kürze sterbe».
Fortgeschrittener Brustkrebs ist zwar nicht heilbar, und er kann zum Tod führen – in der Schweiz nach wie vor bei etwa 1300 Frauen (und ein paar wenigen Männern) pro Jahr. Doch der Arzt stellt klar: Auch Ableger seien heute in nicht wenigen Fällen recht gut behandelbar, und eine gute Lebensqualität bleibe oft noch über Jahre erhalten.

Vorurteile abbauen

Die heutigen personalisierten Therapieformen seien oft gut verträglich und würden bewirken, dass die Krankheit oft lange in Schach gehalten werden könne, sagt auch Donatella Corbat. Aber: «Wir müssen in der Gesellschaft Vorurteile abbauen.» Unbedachte Äusserungen und Verhaltensweisen der Mitmenschen würden bei den betroffenen Frauen tiefe Spuren hinterlassen. In einer Umfrage sagten über 60 Prozent der Betroffenen, dass niemand zu verstehen scheine, was sie aufgrund ihrer Krankheit durchmachen würden.
Zwei von fünf Frauen geben an, dass die Unterstützung aus dem Freundes- und Bekanntenkreis nicht mehr so stark sei wie noch nach der Erstdiagnose. Kurzum: Die Frauen fühlen sich isoliert, unverstanden und im Stich gelassen.
Zwiespältige Erfahrungen müssen Betroffene zuweilen auch am Arbeitsplatz machen.

Probleme am Arbeitsplatz

Wie Donatella Corbat erzählt, würde vielen Frauen nichts mehr zugetraut, oder sie würden von Arbeitskollegen gemobbt. «Es gibt diese Berührungsängste. Viele Kollegen fragen nie nach dem Befinden und gehen den Betroffenen aus dem Weg.» Bei anderen höre man manchmal auch Bemerkungen wie, dass der Krebs «nicht so schlimm» sein könne, da man ja wieder arbeite. «Das alles kann sehr schmerzlich sein.» Auf Unverständnis stossen Betroffene laut Donatella Corbat übrigens auch beim Arbeitgeber. So müsste sich manche Frau anhören, ob sie nicht doch lieber IV beantragen möchte.
Rund ein Drittel aller Frauen, die an fortgeschrittenem Brustkrebs leiden, schätzt Donatella Corbat, würden aufgrund solcher Erfahrungen gar nicht erst über ihre Krankheit sprechen.

Veranstaltungen

Der Oktober gilt als internationaler Brustkrebsmonat, Ziele sind einerseits Aufklärung und Sensibilisierung, andererseits Solidarität mit Betroffenen. Letzteres kann man bekunden, indem man wandernd, joggend, Velo fahrend oder skatend eine Teilstrecke zurücklegt und
so gemeinsam 40 000 Kilometer schafft und symbolisch die Welt umrundet. Mehr dazu unter www.krebsliga.ch/brustkrebs

Das Luzerner Kantonsspital lädt am Mittwoch, 16. Oktober, 19 Uhr im Hotel Palace, Luzern, ein zu einer Informationsveranstaltung zum Thema «Brustkrebs bei der jungen Frau». Dabei referieren Prof. Dr. med. Andreas Günthert, Chefarzt der Neuen Frauenklinik, sowie weitere Fachleute des Kantonsspitals. Ebenfalls anwesend ist eine betroffene Frau. Moderiert wird der Anlass von Dr. med. Susanne Bucher, Leitende Ärztin des Brustzentrums. Alle Beteiligten stehen auch für Fragen zur Verfügung. Der Eintritt ist gratis, Voranmeldung ist nicht nötig, im Anschluss wird ein Apéro serviert.

Die Hirslanden Klinik St. Anna führt am Samstag, 19. Oktober, zwischen 9 und 13.30 Uhr ein öffentliches Publikumssymposium zum Thema «Die Brust im Zentrum: vorbeugen – gesund bleiben» durch. Fachleute, darunter der im Haupttext erwähnte Dr. med. Michael Cebulla, referieren zu den Themen Prävention (Ernährung, Bewegung), Mammografie und Ultraschall und stehen für Fragen zur Verfügung. Zudem gibt es einen Klinik-Rundgang mit Demonstrationen und einen Apéro. Die Teilnahme ist kostenlos, aus Platzgründen ist Anmeldung erforderlich. Bis 16. Oktober telefonisch unter 041 208 30 06 (Mo bis Fr, 9 bis 12 und 14 bis 17 Uhr) oder online unter www.hirslanden.ch/veranstaltungen stanna.