GESUNDHEIT: Ran an die Gesundheitsdaten

Krankenkassen wollen gesunde Kunden, um so ihre Kosten zu senken. Das Fitnessabo zu subventionieren, war nur der erste Schritt. Der neue Trend heisst digitale Selbstvermessung.

Maurizio Minetti
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Die Krankenkassen setzen darauf, dass sich die Kunden selber "überwachen". Auch mit Smart Watches. (Symbolbild/Guido Mieth)

Die Krankenkassen setzen darauf, dass sich die Kunden selber "überwachen". Auch mit Smart Watches. (Symbolbild/Guido Mieth)

Maurizio Minetti

Sie heissen Fitbit, Jawbone oder Garmin Vivofit und sind schon für unter 100 Franken zu haben. Die Rede ist von Plastik-Armbändern, die unsere Gesundheitsdaten messen – man spricht dabei auch von «Wearables», also Technik, die am Körper getragen wird. Die Dinger zählen Schritte, überwachen den Schlaf, messen Puls und Herzrhythmus beim Jogging und piepsen uns vom Bürostuhl weg, damit wir uns mehr bewegen. Wer noch mehr Funktionen am Handgelenk will, kauft sich eine smarte Uhr wie die Apple Watch, die gemäss Eigendeklaration «all deine Bewegungen misst». Doch eigentlich braucht es gar keine Geräte: Es gibt Zehntausende Apps für Smartphones, die unsere Bewegungen vermessen. Viele Nutzer teilen diese Daten umgehend auf Facebook oder Twitter mit ihrem Umfeld.

Digitale Selbstvermessung heisst der Trend, die eigenen Gesundheitsdaten zu sammeln und sie mit dem eigenen Umfeld zu teilen. Beobachter gehen davon aus, dass mit der zunehmenden Verbreitung von gescheiten Uhren der Boom weiter zunehmen wird. Die Idee dahinter ist, dass der Druck aus dem Umfeld Bewegungsmuffel dazu motivieren soll, mehr Sport zu treiben.

Kasse subventioniert Apple Watch

Hier kommen die Krankenkassen ins Spiel. Diese haben nämlich ein monetäres Interesse daran, dass ihre Kunden gesund bleiben. Deshalb wollen sie aktiv an diesem Boom partizipieren. Die deutsche Krankenkasse AOK Nordost gehört zu den ersten Kassen, die den Kauf einer Apple Watch oder eines Fitness-Armbands subventionieren. Wer AOK-Kunde ist und ein solches Gerät kauft, bekommt 50 Euro.

Grundsätzlich sind Krankenkassen ständig darum bemüht, sogenannte gute Risiken anzulocken – also vor allem Junge und Gesunde. Wer gesund lebt, generiert weniger Kosten für die Kassen. Schon seit längerem bezahlen Krankenkassen Beiträge an Fitnessabos. Mit den Fitness-Armbändern kommt jetzt noch eine weitere Komponente hinzu: Die Kassen können genau überprüfen, wie gesund ihre Kunden sind.

Vorreiterprojekt der CSS

Die CSS in Luzern hat vor wenigen Wochen in Kooperation mit der Universität St. Gallen und der ETH Zürich ein Pilotprojekt namens «MyStep» gestartet. Dabei handelt es sich um ein befristetes Angebot, das mit Einsatz von elektronischen Schrittzählern zu mehr Bewegung animieren soll. Das Projekt, das bis Ende Jahr dauert, richtet sich an einen «ausgewählten Kundenkreis». Ziel sei es, täglich 10 000 Schritte zu gehen, die über einen elektronischen Schrittzähler mit dem Kunden-Portal synchronisiert und «zur Einsicht» aufbereitet werden. Die Forscher der beiden Universitäten wollen herausfinden, ob ein solches Angebot motivierend und attraktiv ist, welche technischen Barrieren es mit sich bringt und ob es hilft, die Bewegung im Alltag zu steigern. Die Idee dahinter dürfte sein: Wer das Schrittziel erreicht, ist gesünder und darf mit Rabatten rechnen. Die CSS will sich allerdings noch nicht festlegen: «Mit dem Pilotprojekt unterstützt die CSS Versicherte, die Gutes für ihr Wohlbefinden tun wollen. Erst nach Abschluss des Pilotprojektes werden wir darüber befinden, ob allfälligerweise ein weitergehendes Angebot entwickelt und eingeführt werden soll», erklärt CSS-Sprecherin Carole Sunier.

Daten werden anonymisiert

Die CSS betont, dass bei dem Projekt ausschliesslich die Schrittdaten und keine weiteren mit dem Gerät erhobenen Werte an die CSS übermittelt werden. Die Daten aller Teilnehmenden würden in anonymisierter Form und nur zu Forschungszwecken durch die beiden Universitäten ausgewertet. Es seien bei den Auswertungen keinerlei Rückschlüsse auf einzelne Teilnehmende möglich. Ausserdem werde das Solidaritätsprinzip in der Grundversicherung nicht tangiert. «Es handelt sich um ein befristetes Pilotprojekt im Zusatzversicherungsbereich (VVG), und die Teilnahme ist und bleibt freiwillig», sagt Carole Sunier. Der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür sei über das Pilotprojekt im Vorfeld informiert worden und habe es wohlwollend zur Kenntnis genommen.

Der Datenschützer warnt

Tatsächlich beschäftigt sich das Büro des obersten Schweizer Datenschützers schon seit längerem mit dem Thema Gesundheitsdaten. Er weist im Allgemeinen darauf hin, dass die mit diesen Anwendungen generierten Daten Aufschluss geben über die körperliche und eventuell auch psychische Verfassung des Nutzers, über seine Essgewohnheiten und andere persönliche Eigenschaften. «Wer nicht will, dass diese sensiblen Informationen in den Händen Unbefugter landen, sollte sich bei der Wahl des Anbieters dessen Seriosität vergewissern», rät Thür.

Ebenfalls kritisch gibt sich die Stiftung für Konsumentenschutz. Geschäftsleiterin Sara Stalder sagt, dass die Messdaten nicht nur statistisch und anonymisiert ausgewertet werden, sondern mit den Daten die Leistungen haargenau der Einzelperson zugeschrieben werden können. Würden nicht strenge Datenschutzregeln befolgt oder aufgestellt, bestehe die Gefahr, dass Versicherungsprämien anhand der Messungen unterschiedlich ausgestaltet würden, warnt Stalder. Wenn die Grundversicherung betroffen sei, würde dies Stalder zufolge klar dem Solidaritätsprinzip zuwiderlaufen. Sie sieht ausserdem einen Zwang aufkommen, «dass man alle Daten bei sportlichen Betätigungen messen und überliefern müsste, wenn man von Vergünstigungen bei Versicherungsprodukten profitieren wollte. Indirekt müsste man sich also die Anonymität erkaufen.»

Viele mischen mit

Trotz der Skepsis der Daten- und Konsumentenschützer ist der Trend nicht aufzuhalten. In der Schweiz wollen viele Jungunternehmen in diesem potenziell lukrativen Markt mitmischen. Eines davon ist das Zürcher Unternehmen Dacadoo, das selber zwar keine Fitness-Armbänder oder smarten Uhren anbietet, dafür eine Software, die sich mit solchen Geräten und mit Apps von Drittanbietern verbinden lässt. Ein Kunde von Dacadoo ist jene AOK Nordost, die als eine der ersten Krankenkassen einen Beitrag an Fitness-Armbänder bezahlt. Dabei werden per Smartphone-App Bewegungen, Ernährung sowie Blutdruck- und Cholesterinwerte gemessen. Dacadoo betont, dass die Krankenkasse keinen Zugriff auf die Daten der Endbenutzer hat. Schweizer Krankenkassen hat Dacadoo für diese Lösung nicht gewonnen – noch nicht.