GESUNDHEIT: Stress, mein Freund und Helfer

Mit dem Wort Stress verbinden wir in der Regel nichts Gutes. Dabei würden wir ohne Stress kaum existieren. Wir können sogar lernen, Stress für unser Glück zu nutzen.

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Stressbelastung am Arbeitsplatz, Hochrechnung für 4,9 Millionen Erwerbstätige in der Schweiz. (Bild: Quelle: Gesundheitsförderung Schweiz / Grafik: Oliver Marx)

Stressbelastung am Arbeitsplatz, Hochrechnung für 4,9 Millionen Erwerbstätige in der Schweiz. (Bild: Quelle: Gesundheitsförderung Schweiz / Grafik: Oliver Marx)

Anna Miller

Wir kennen das alle: Wir sind müde, erschöpft, kurz vor dem Durchbrennen. Wir sind unter Strom, gestresst. Die meisten Menschen empfinden Stress als etwas Negatives, als ein Gift, das sich durch unseren Körper und unser Leben frisst und dabei alles mitreisst, was uns geniessen und Freude empfinden lässt (siehe auch Kasten).

Dabei ist Stress im Grunde nichts anderes als eine Reaktion eines Lebewesens auf einen äusseren Reiz, ein Zustand der Alarmbereitschaft des Organismus, der sich auf eine erhöhte Leistungsbereitschaft einstellt, indem der Körper mehr Energie zur Verfügung stellt. Der Mensch wird wachsamer, schneller und leistungsfähiger. Ein grundsätzliches Erregungspotenzial ist für das Überleben eines Organismus nämlich absolut notwendig.

Glücksgefühle und Rekorde

In Stresssituationen schüttet der Körper vermehrt Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol aus. Diese Hormone helfen, den Körper auf die belastende Situation vorzubereiten, indem sie den Kreislauf ankurbeln. Dauert diese Anspannung lange an oder wird sie nicht durch Entspannungsphasen abgelöst, in denen Glückshormone wie Endorphine und Serotonin ausgeschüttet werden, kann Stress krank machen.

Wird Stress aber als positiv empfunden, weil der Reiz positiv ist, kann er zu Höchstleistungen beflügeln oder Glücksgefühle auslösen. Ohne Stress wären keine sportlichen Rekorde möglich, keine Lösung von komplexen Aufgaben – und auch keine Verliebtheit. Stress ist nicht gleich Stress: Bei sportlicher Betätigung «stressen» wir den Körper absichtlich – langfristig macht uns das körperlich gesünder und mental ausgeglichener.

Vergleiche sind schwierig

Ob Stress uns letztlich nützt oder schadet, hat aber auch zentral damit zu tun, wie wir eine Situation subjektiv bewerten. Denn: Ob ich mich gestresst fühle oder nicht, hängt weniger von der Situation ab als von mir selbst. Wir können das Gefühl des Gestresstseins schlecht objektivieren oder vergleichen. Denn bei jedem Individuum sind andere Faktoren ausschlaggebend: Die Frage ist, ob die Situation für einen Menschen als Herausforderung oder als Bedrohung angesehen wird. Fühlt sich die Person dem Problem gewachsen, stellt sich entsprechend das Gefühl ein, vom Problem lernen und es bewältigen zu können. Die Person ist zwar körperlich gestresst, nimmt diesen Stress aber nicht als belastend wahr. Die Forschung unterscheidet zwischen Distress, dem negativ empfundenen Stress, der krank machen kann, und dem so genannten Eustress, der als positiv erlebt wird. Geprägt hat die beiden Begriffe der ungarisch-kanadische Forscher Janos Selye.

Panik oder Freude

Die Intensität eines Reizes spielt dabei keine Rolle. Grundsätzlich kann jeder äussere oder innere Reiz als positiv oder negativ erlebt werden. Zentral ist die ihm zugemessene Bedeutung – also konkret, mit welchen Gedanken und Gefühlen wir den Reiz verbinden. Für den einen ist eine Beförderung im Job eine willkommene und lang ersehnte Abwechslung, für den anderen kann der Karrieresprung die reine Überforderung sein und ihn unglücklich machen. Der eine gerät ob einer Spinne in Panik, der andere empfindet die Begegnung mit dem Achtbeiner vielleicht sogar als Freude.

Selbstvertrauen ist entscheidend

Worauf, wann und in welcher Intensität wir mit Stress auf einen Reiz rea-gieren, hängt unter anderem von unserer genetischen Disposition ab. Das Stresssystem des ungeborenen Kindes ist durch die entsprechenden Erfahrungen der Mutter geprägt. Daneben lernen Kinder am Modell, und auch als Erwachsene werden wir von der unmittelbaren Umgebung ständig beeinflusst.

Neben diesen Faktoren spielt auch eine Rolle, welche Fähigkeiten wir uns selbst zuschreiben. Je stärker ich der Meinung bin, eine Situation bewältigen zu können, desto weniger fühle ich mich von ihr bedroht. «Die Stresssituation muss als kontrollier- und beeinflussbar erlebt werden, für den Menschen persönlich relevant sein und einen Anreiz für eine persönliche Entwicklung bieten», sagt Guy Bodenmann, Professor am Lehrstuhl für Klinische Psychologie an der Universität Zürich. Dann werde Stress als positiv wahrgenommen – und wirke sogar einem Burn-out entgegen.

Positiver Stress kann Kraft geben

«Positiver Stress gibt einer Person Kraft und Ausdauer», sagt er. Erfährt der Mensch in einer solchen Situation noch Dank und Anerkennung, sei es durch sein eigenes Gefühl von Stolz oder ein externes Lob vom Kollegen, macht Stress glücklich. Das kennen wir alle nach einer erfolgreichen Präsentation oder einem aufregenden Date: Waren wir erfolgreich, stellen sich Glücksgefühle ein.

Die gute Nachricht ist: Zu einem gewissen Grad kann man den positiven Stress sogar aktiv herbeiführen. Beziehungsweise kann man die Art und Weise, wie man an eine Stresssituation herangeht, verändern, indem man seine Gedanken und seine Haltung dazu verändert. «Man kann Stress als Gefahr, Verlust oder Schädigung sehen – oder man kann die Situation als Herausforderung interpretieren», sagt Bodenmann. Gelinge das, erfahre man die Anforderungen als bewältigbarer.

Bei ständiger Belastung: Aufhören

Dazu nimmt man sich am besten der Situation an, gleicht die Gedanken, Erwartungen und die innere Haltung mit der Situation ab und versucht, sie realistisch einzuschätzen. «Die Person muss an ihrer Einschätzung arbeiten», sagt Bodenmann. Wenn die Situation aber wirklich keine Kontrolle erlaubt, wenn also keine Einstellungsänderung etwas bringen würde, rät Bodenmann, den Kontext zu ändern. «Die Person sollte in diesem Fall versuchen, die Situation zu meiden.» Im Klartext: Wenn die neue Stelle eine ständige Belastung darstellt und man es nicht schafft, die Situation für sich ins Positive zu kehren, sollte man sich überlegen, sie zu verlassen. Denn unter Strom ist das System darauf ausgerichtet, schnell und impulsiv zu reagieren. Je nach Kontext nicht immer die beste Strategie.

Gelingt es, das Positive an der Situation zu sehen, ist positiver Stress ein Segen. Er stimuliert Individuen zu Höchstleistungen, fördert die Kreativität in Beziehungen und steigert die Produktivität der Gesellschaft.

Zu diesem Beitrag

Der Artikel «Stress, mein Freund und Helfer» ist Bestandteil der Herbstserie der «Neuen Luzerner Zeitung» und ihrer Regionalausgaben. Unter dem Motto «Was uns stark macht» beleuchten wir verschiedene Bereiche unseres Alltags.

Bereits erschienen ist: «Schlagkräftige Senioren», Ausgabe vom 18. Oktober 2015.