GESUNDHEIT: Teure Tabletten landen im Abfall

Parlamentarier fordern Massnahmen, damit weniger Medikamente verschwendet werden. Gemäss einer Berechnung könnten jährlich bis zu 3,6 Milliarden Franken gespart werden.

Carole Gröflin
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Die Verschwendung von Medikamenten kostet jährlich Milliarden. (Bild: Archiv Neue LZ)

Die Verschwendung von Medikamenten kostet jährlich Milliarden. (Bild: Archiv Neue LZ)

Wie viele Medikamente werden von Krankenkassen bezahlt, dann aber doch nicht von den Patienten eingenommen? Wie viele Medikamente landen daraufhin im Abfall? Diese und weitere Fragen stellte die Walliser CVP-Nationalrätin Viola Amherd dem Bundesrat in einer Interpellation. Es ist nicht der erste Vorstoss, der sich dem Thema widmet.

Der Bundesrat hat vergangene Woche auf die Interpellation geantwortet. Die genannte Zahl ist schockierend: Gemäss einer Schätzung von Santésuisse, dem Schweizer Dachverband der Krankenversicherer, werden jedes Jahr Arzneimittel im Wert von rund 500 Millionen Franken weggeworfen. Da die Anfrage Amherds nicht die erste zum Thema Medikamentenabfälle ist, wird der Bundesrat nun in einem Kurzbericht «den Stand der Arbeiten zur Verminderung der Medikamentenabfälle darstellen», wie er in seiner Antwort schreibt. Zudem empfiehlt er das Postulat zur Annahme.

Kosten noch höher

Auf Anfrage relativiert Paul Rhyn, Mediensprecher bei Santésuisse, die vom Bundesrat erwähnte Schätzung: «Hierbei handelt es sich um eine uralte Zahl.» Die Kosten würden weitaus höher liegen, da nicht nur die nicht verwendeten Medikamente ein Problem darstellen: «Vielmehr müssen auch Folgekosten einer Falschmedikation berücksichtigt werden», sagt Rhyn.

Ferner sei die mangelnde Therapietreue – die sogenannte Compliance – vieler Patienten oftmals Grund für hohe Kosten. «Die Compliance liegt heute nur bei 50 Prozent. Somit hält sich jeder Zweite nicht an die vom Arzt verordnete Therapie», erläutert Rhyn. Rechnet man nun nicht nur die weggeworfenen Medikamente, sondern auch die Folgekosten aufgrund mangelnder Therapietreue zusammen, so ergeben sich gemäss einem Modell von Santésuisse Kosten von 3,6 Milliarden Franken, die jährlich vom Schweizer Gesundheitssystem bewältigt werden müssen.

Mangelnde Therapietreue

Dass die vom Bundesrat genannten 500 Millionen auf groben, eher spekulativen Schätzungen beruhen, ist sich auch Sara Käch, Leiterin Kommunikation bei Interpharma, sicher. Interpharma ist die Interessenvertretung der forschenden Pharmaunternehmen der Schweiz und vertritt unter anderem Konzerne wie Novartis und Actelion. Analog zur Meinung von Santésuisse sagt sie: «Durch die Nichteinhaltung der Therapie fallen – teilweise – noch höhere Folgekosten an für Arztbesuche oder weitere Eingriffe.»

CVP-Nationalrätin Amherd schätzt, dass die Medikamentenkosten rund 20 Prozent der Kosten in der Grundversicherung ausmachen. Um die Medikamentenabfälle zu vermindern, fordert sie, dass die eingeschränkten Haltbarkeitsdaten überprüft werden, wie sie auf Anfrage sagt.

Dieses Vorhaben könnte sich allerdings schwierig gestalten. «Die Haltbarkeitsdauer eines Arzneimittels wird vom Arzneimittelhersteller aufgrund von Stabilitätsuntersuchungen festgelegt. Die Daten werden als Teil des Zulassungsdossiers bei Swissmedic eingereicht», erklärt Interpharma-Sprecherin Käch. Swissmedic ist die Zulassungs- und Kontrollbehörde für Heilmittel in der Schweiz.

Vorgaben gelten für Klimazone

Nach erfolgter Zulassung könne die Haltbarkeit je nach Ergebnis der weitergeführten Stabilitätsuntersuchungen verlängert oder auch verkürzt werden. Dies geschieht entweder auf Antrag des Pharmaunternehmens oder auf Anordnung von Swissmedic. Die Haltbarkeitsdauer werde durch internationale Gremien nicht für ein einzelnes Land, sondern für Klimazonen definiert. Ein Abweichen von diesen Richtlinien würde bedeuten, dass die Schweiz zusätzliche Anforderungen und eine umfangreichere Datenmenge zur Festsetzung der Haltbarkeit eines Arzneimittels verlangt, als dies international üblich ist. «Global agierende Pharmaunternehmen müssten für den schweizerischen Markt weiterführende Studien vornehmen», sagt Käch.

Ein zusätzlicher Kritikpunkt von Amherd sind die Packungsgrössen: «Wir erwarten zum Beispiel von den Ärzten, dass sie nur so viele Medikamente verschreiben, wie die Patienten auch einnehmen müssen.» Diese Forderung stösst bei Interpharma auf Skepsis. «Therapiedauer und Dosierung müssen gezielt dem jeweiligen Krankheitsbild angepasst sein», sagt Mediensprecherin Käch. Die richtige Dosierung werde bei klinischen Studien eines neuen Medikaments geprüft.

Einzelpackungen kaum möglich

Neben den kleineren Packungen fordert Amherd auch Einzeldosen. Ein ähnliches System kennen die Amerikaner: Dort werden von den Apotheken selbst hergestellte Medikamente abgezählt in personalisierte Döschen abgepackt. Doch diese Lösung ist gemäss Käch nicht denkbar in der Schweiz: «Pro Medikament stehen heute meist verschiedene Packungsgrössen zur Verfügung.» Diese würden sich an der Therapiedauer orientieren und werden zudem von Swissmedic und dem Bundesamt für Gesundheit geprüft. Neben den behaupteten Einsparungen würde ein Einzelverkauf auch Mehrkosten verursachen, da die Apotheken sowie Ärzte einen Mehraufwand hätten durch das Abzählen.

Zudem merkt Käch an: «Der Einzelverkauf von Medikamenten dürfte das Problem der Medikamentenverschwendung nicht oder nur teilweise lösen und würde zudem zu neuen Problemen führen.» So äussert die Interpharma-Sprecherin Bedenken in Bezug auf die Patientensicherheit wegen fehlender Packungsbeilagen und betont, dass die heute geltenden gesetzlichen Grund­lagen ausreichen würden, dass möglichst wenige Medikamente ungenutzt entsorgt werden. Anzusetzen wäre vielmehr bei einer Verbesserung der Therapietreue.

Erinnerung per SMS

Mögliche Massnahmen, um die Therapietreue der Patienten zu erhöhen, liegen in Erinnerungssystemen. «Es gibt heute bereits SMS-Dienste, die eingerichtet werden können, damit insbesondere chronisch kranke Menschen an die Medikamenteinnahmen erinnert werden können», sagt Santésuisse-Sprecher Paul Rhyn. Die Nutzerzahlen in diesem Bereich zu stärken, sei immens wichtig.

Amherd erhofft sich indes von diversen Akteuren eine Reaktion: Zum einen soll Swissmedic über die Vorschläge der Hersteller hinaus eine längere Haltbarkeit von Medikamenten prüfen. Zum anderen erwartet sie vom Bundesrat «ein konkretes Massnahmenpaket, das unsere Anliegen aufnimmt».

Hinweis: Das Infopapier von Santésuisse »