Fallpauschalen

Gesundheitsdirektor Conti: «Einige Spitäler haben noch gar keine Verträge»

Die Fallpauschalen im Schweizer Gesundheitswesen sorgen für Unmut. Nun spricht Carlo Conti, der neue Präsident der Gesundheitsdirektoren, über das Eingreifen in den Tarifstreit.

Hans-Martin Jermann
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Der Basler CVP-Regierungsrat Carlo Conti ist ab 1. Januar Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz. niz

Der Basler CVP-Regierungsrat Carlo Conti ist ab 1. Januar Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz. niz

Herr Conti, am 1. Januar wird die neue Spitalfinanzierung eingeführt. Noch immer haben sich landauf, landab Spitäler und Krankenkassen nicht auf Tarife zur Vergütung der Fallpauschalen einigen können. Haben sie geschlafen?

Carlo Conti: Die Krankenkassen und Spitäler haben tatsächlich zu spät mit den Tarifverhandlungen begonnen. Allerdings liegt dieses Zögern und Taktieren in der Natur der Sache. Immerhin ist in den letzten Wochen Bewegung in die Verhandlungen gekommen. Die drei Vertragsgemeinschaften Tarifsuisse, die Helsana-Gruppe und Assura verhandeln separat mit den Spitälern. Einige Spitäler haben noch gar keine Verträge abgeschlossen, viele andere haben mit einer oder zwei Vertragsgemeinschaften eine Einigung erzielt. Von flächendeckenden Tarifen sind wir indes noch weit entfernt.

Dabei ist seit langem klar, dass am 1. Januar die neue Spitalfinanzierung kommt.

Die Kantone haben ihre Arbeit jedenfalls getan. Sie haben die Spitallisten verabschiedet und die gemeinwirtschaftlichen Leistungen an die Spitäler definiert. Auch die Tarifstruktur für die Fallpauschalen steht. Was noch fehlt, ist der Basisfallpreis für die Abrechnungen.

Das klingt nach einem Chaos.

Von einem Chaos würde ich nicht sprechen. Die Kantone haben klar zum Ausdruck gebracht, dass sie provisorische Arbeitstarife festsetzen, da nicht alle Tarife per 1. Januar 2012 feststehen werden. Schliesslich müssen die Spitäler Rechnungen verschicken und die Löhne zahlen können.

Nun werden aber die Kantone kritisiert, dass sie mit Bekanntgabe dieser Arbeitstarife in laufende Verhandlungen hineinfunken.

Ich habe noch von keinem Kritiker einen Vorschlag gehört, wie wir das Problem anders lösen können. Wenn sich zwei Partner in einem freien Markt nicht einigen können, dann muss jemand die Schiedsrichterrolle übernehmen. Was wäre denn die Alternative? Sollen die Spitäler denn nicht fakturieren und die Löhne nicht bezahlen? Sollen die Spitäler in Liquiditätsprobleme gebracht werden und so ihren Versorgungsauftrag nicht erfüllen können? Die von Ihnen erwähnte Kritik berührt die Gesundheitsdirektoren nicht. Diskutieren kann man über den Zeitpunkt; man könnte die provisorischen Tarife auch erst im Januar beschliessen.

Entstehen für die Patienten Nachteile wegen dieser Unsicherheiten?

Ich möchte es deutlicher formulieren: Es dürfen keine Nachteile entstehen. Dafür werden die vorbereiteten Mechanismen sorgen. Die Patienten können getrost ins neue Jahr blicken. Auch 2012 wird für die Bevölkerung eine funktionstüchtige, qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung bereitstehen.

Eine zweite grosse Kiste im Gesundheitswesen ist Managed Care. Sie befürworten integrierte Versorgungsmodelle. Weshalb?

Das Ziel der Gesundheitsdirektoren ist es, eine qualitativ noch bessere und zugleich niederschwelligere Gesundheitsversorgung bereitzustellen. Das integrierte Versorgungsmodell rückt die Hausarztmedizin in den Vordergrund. Das ist ein grosser Vorteil. Ein Hausarzt kennt die familiären, sozialen, psychologischen Rahmenbedingungen seiner Patienten. Er wird eher für eine direktere Behandlung sorgen und Mehrfachbehandlungen vermeiden. Dies erklärt, weshalb der Verband der Hausärzte Managed Care unterstützt und die Spezialärzte sich dagegen wehren.

Gegen die vom Bundesparlament beschlossene Vorlage ist das Referendum ergriffen worden. Mit Managed Care werde die freie Arztwahl eingeschränkt, heisst es.

Es wird insofern eine Einschränkung stattfinden, als dass sich ein Patient für einen bestimmten Kreis von Ärzten entscheiden muss. Innerhalb dieses Kreises ist aber eine gewisse Wahlfreiheit gewährleistet. Die Schweizer Bevölkerung muss – sollte es zur Abstimmung kommen – eine grundsätzliche Weichenstellung vornehmen. Will sie weiterhin einen völlig unlimitierten Zugang zu allen Spezialisten, damit jedoch mehr bezahlen? Die Gesundheitsdirektoren wollen mit Managed Care Doppelspurigkeiten und Mehrfachbehandlungen vermeiden. Das sind nämlich Kostentreiber im Gesundheitswesen.

Eine zweite Kritik: Die Ärzte müssen finanzielle Risiken selber tragen.

Die Budgetverantwortung ist auch von den Gesundheitsdirektoren akzeptiert, jedoch kombiniert mit einem Qualitätsmonitoring. Man hätte das Modell jedoch auch anders ausgestalten können. Dass der Gesetzgeber finanzielle Steuerungsmechanismen eingebaut hat, hängt mit der Sorge um die steigenden Krankenkassenprämien zusammen. Zu den Gegenmassnahmen gehören unter anderem Gesamtverantwortungsmodelle. Zugegeben: Die Versicherer könnten versucht sein, die Ärztelöhne zu drücken. Wir müssen dafür sorgen, dass aus dem integrierten Versorgungsmodell kein Sparmodell wird. Das würde nicht der Absicht der Kantone entsprechen.

Die SP und gewisse medizinische Gesellschaften sagen, dies sei eine Sparvorlage, die die Patienten trifft.

Die Gegner der Vorlage befürchten, dass Minderbemittelte zu einem integrierten Versorgungsmodell gezwungen werden. Für Menschen, die sich ausserhalb der qualitativ hochwertigen Grundversorgung eine zusätzliche Wahlfreiheit vorbehalten möchten, soll dies künftig tatsächlich etwas mehr kosten. Für die Gesundheitsdirektoren steht in der Debatte um Managed Care die Qualität der Grundversorgung im Vordergrund.

Managed Care gibt es bereits: Viele schliessen eine Krankenversicherung mit Hausarztmodell ab.

Ja. Die politische Frage, die es nun zu beantworten gilt, ist die: Soll dieses Modell künftig der Standard sein? Das Managed-Care-Modell funktioniert nur dann, wenn die chronisch Kranken mitmachen. Hausarztmodelle werden heute nur von Gesunden gewählt, die ohnehin kaum zum Arzt gehen. Im Interesse der Kantone ist, dass dies auch die Kranken tun. Deshalb muss es zum Standardmodell werden. Ich begreife nicht, weshalb die Referendumsbefürworter daraus eine sozialpolitische Grundsatzfrage machen. Das Konzept des integrierten Versorgungsmodells ist gut, das räumen selbst die Kritiker ein.

Zum Ärztemangel: Wir importieren jedes Jahr Hunderte von Ärzten, gleichzeitig verwehrt der Numerus clausus vielen Schweizern die Aufnahme des Medizinstudiums. Was läuft schief?

Die Ausbildung eines Mediziners ist teuer und nicht so leicht zu organisieren wie etwa jene eines Juristen. Deshalb ist es grundsätzlich richtig, dass die Zahl der Studienanfänger begrenzt ist. Aber: Die Zahl der Ausbildungsstellen ist eindeutig zu gering. Zudem muss davon ausgegangen werden, dass ein Grossteil der heutigen Studienanfänger später nicht im Ärzteberuf tätig sein wird. Viele wechseln in einen anderen Beruf oder eine medizinische Managementfunktion. Zudem steigt der Anteil der Ärzte und vorab der Ärztinnen, die nicht Vollzeit arbeiten. Dies bedeutet, dass es für ein Vollpensum zwei ausgebildete Ärzte braucht.

Es braucht nicht nur mehr Ausbildungsplätze, sondern auch eine Neustrukturierung des Studiums.

Das ist so. In Zukunft wird es weniger an Spezialisten mangeln als an Allgemeinmedizinern und Hausärzten. Es sollten mehr Ausbildungsplätze geschaffen werden, die bereits von Anfang Richtung Allgemeinmedizin und Hausarztmedizin zielen. Vergessen wir nicht: Die flächendeckende Versorgung in ländlichen Gegenden ist gefährdet. Dem können wir auf Ausbildungsebene entgegenwirken.

Stellen wir die Gegenfrage: Ist der Ärzteimport überhaupt ein Problem? Die Schweiz kann von diesem «brain gain» nur profitieren.

Jein. Natürlich sind wir darauf angewiesen und dankbar, wenn hoch qualifizierte Ärzte aus Deutschland, Frankreich oder Italien in unseren Spitälern tätig sind. Dabei muss man auch daran denken, dass die Patienten in ihrer Art, in ihrer Mentalität und ihrer Sprache betreut werden wollen. Ist das nicht mehr gewährleistet, dann stellt sich die Frage, ob darunter die Qualität leidet. In grösserem Zusammenhang gesehen ist es eine grosse Sorge, dass europaweit ein Domino-Effekt in Gang kommt, dass etwa Deutschland Ärzte aus Osteuropa importieren muss, weil Deutsche in der Schweiz arbeiten und so weiter.