GESUNDHEITSWESEN: Beraterfirma will die Krankenkassen wecken

Das Beratungsunternehmen EY kritisiert die Krankenversicherer. Ohne Innovationsschub sei der nächste Kostenschub nicht zu bewältigen, lautet das Fazit einer nicht ganz neutralen Studie.

Daniel Zulauf
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Die Kosten im Gesundheitswesen werden laut einer EY-Studie weiter deutlich steigen. (Bild: Christian Beutler/Keystone (Zürich, 7. November 2013))

Die Kosten im Gesundheitswesen werden laut einer EY-Studie weiter deutlich steigen. (Bild: Christian Beutler/Keystone (Zürich, 7. November 2013))

Daniel Zulauf

daniel.zulauf@luzernerzeitung.ch

Kettenrasseln ist gut für das Geschäft. Frei nach diesem Motto operiert auch die Unternehmensberatungsfirma EY, die den Schweizer Krankenkassen mit einer gestern veröffentlichten Studie offensichtlich Beine machen will. Mit «Abwarten und Tee trinken», der nach den Erkenntnissen von EY vorherrschenden Haltung, manövriere sich die Branche mittelfristig selber ins Aus.

Um das zu verhindern, müssten die Kassen vorwärtsmachen, sagt EY. Doch diese hätten die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt. Beispiel Digitalisierung: Die Kassen nützten die daraus entstehenden Möglichkeiten bislang nur als Marketinginstrumente. Dabei zeichne gemäss einer Befragung von EY schon jede zweite Person in der Deutschschweiz persönliche Fitnessdaten (Schritte, Puls u. ä.) selber elektronisch auf. 62 Prozent wären bereit, solche Daten gegen Rabatte in der Grundversicherung oder in der Zusatzversicherung (56 Prozent) mit der Kasse zu tauschen.

Auch für Bonusprogramme und Rabatte auf den elektronischen Messgeräten besteht gemäss der Umfrage eine erstaunlich hohe Tauschbereitschaft. Die Digitalisierung würde den Kassen auch Chancen bieten. Zum Beispiel mit datengestützten Präventionsprogrammen und Beratungen in Gesundheits- und Ernährungsfragen. Diese könnten einen Mehrwert für die Kunden bewirken und einen Beitrag zur Steigerung der Effizienz im Gesundheitswesen leisten.

CSS weist Vorwürfe zurück

Digitalisierung nur fürs Marketing? Der Vorwurf sei «aus der Luft gegriffen», heisst es bei der Luzerner Marktführerin CSS. Eine Sprecherin verweist auf die Gründung des CSS Health Lab im Jahr 2015, die Finanzierung von Forschungsprojekten an Universitäten zur Entwicklung digitaler Therapien für Asthmatiker und Diabetiker und im Bereich der Prävention auf «myStep», Geld für Bewegung – ein Angebot in der Zusatzversicherung.

Die Krankenversicherer verfügten über umfangreiche Datenbestände, auf deren Basis sich Prävention, Früherkennung und Behandlung von Krankheiten grundlegend verbessern lassen, schreibt EY. Die CSS relativiert: «Aktuell beruht alles auf Freiwilligkeit von Seiten des Versicherten. Wie die Erfahrungen mit Managed Care zeigen, ist es schon für die Leistungserbringer schwierig genug, ihre Patienten so zu steuern, dass Kostensparpotenziale ausgeschöpft werden.»

Eine vielversprechende Strategie für eine Kasse wäre es gemäss EY auch, sich beim Versicherten als Gesundheitspartner einzubringen und diesen aktiv bei einem gesunden Lebensstil zu unterstützen. Dazu gehörten datengestützte Präventionsprogramme und Beratung in Gesundheits- und Ernährungsfragen. Für die CSS ist Beratung allein aber «nur ein Tropfen auf den heissen Stein». Viel wichtiger sei die Bereitschaft der Versicherten zu «echten Verhaltensänderungen.»

Plausibel, aber auch nicht besonders gewagt, erscheint die Aussage von EY, dass die Entwicklungen im Gesundheitswesen die Kassen vor grosse Herausforderungen stellen werden. Dafür ist die Entwicklung eindrücklich genug. 2015 waren 23,6 Prozent der Schweizer Bevölkerung älter als 60 Jahre. Im Jahr 2030 werden es nach einer Hochrechnung der UNO 30,6 Prozent sein. Nach einer Extrapolation von EY wird der steile Anstieg der Gesundheitskosten (+165 Prozent seit 1990) bis 2030 um weitere 60 Prozent auf 116 Milliarden Franken zunehmen. Die Prämien in der Grundversicherung könnten von aktuell durchschnittlich 396 Franken pro Person bis 2030 auf 800 Franken steigen. Nur noch wenige wären in der Lage, die Prämie selber zu bezahlen. «Ohne einschneidende Gegenmassnahmen ist ein finanzieller Kollaps der Grundversicherung mittelfristig nicht ausgeschlossen. Es drohen weitere staatliche Interventionen bis hin zu einem erneuten Aufflammen der Debatte um die Einheitskasse», prophezeien die Berater.