Kolumne

Glauben schenken: Auch ein Akt der Gerechtigkeit

Ein wichtiger Schritt zur Behebung von Ungerechtigkeiten liegt im Zuhören und darin, den Stimmen der Betroffenen Raum zu geben und Glauben zu schenken.

Magdalena Hoffmann
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Magdalena Hoffmann.

Magdalena Hoffmann.

Kafka zufolge soll man nur Bücher lesen, die einen beissen und stechen. Ein Buch müsse «die Axt sein für das gefrorene Meer in uns». Das mag etwas melodramatisch tönen und im Anspruch ein wenig übertrieben sein. Und doch hat er im Grunde genommen recht, denke ich. Die wichtigsten Bücher in meinem Leben sind diejenigen, die mich verstört, vielleicht sogar entsetzt, überrascht und mir Tränen in die Augen getrieben haben. Nach der Lektüre blieb nichts mehr von der angewöhnten Abgeklärtheit; das gefrorene Meer hat tiefe Risse bekommen.

Eine solche Axt ist zuletzt die Novelle «The Nickel Boys» des Amerikaners Colson Whitehead gewesen, die auf einer wahren Geschichte basiert. Darin geht es um den sechzehnjährigen Elwood, der mit seiner Grossmutter im schwarzen Ghetto von Tallahassee (Florida) lebt, Anfang der 60er-Jahre. Elwood ist ein idealistischer, wissbegieriger Junge, der dank seiner Schulleistungen und einem aufmerksamen Lehrer einen Studienplatz am College erhält, womit sich für ihn ein Traum erfüllt. Auf dem Weg zu seinem ersten Tag am College steigt er unwissentlich in ein Auto, das sich als gestohlen erweist. Damit beginnt Elwoods Trip in die Hölle; er wird ohne faires Verfahren in die «Besserungsanstalt» Nickel Academy gesperrt – ein Ort des Schreckens und des Todes.

Während man mit Elwood – oft starr vor Entsetzen – mitleidet, wird man fast irre bei dem Gedanken, dass am Anfang seiner Tortur ein Pro-forma-Verfahren steht, in dem Elwood als schwarzem Teenager offenbar kein Glauben geschenkt wurde.

Philosophisch ausgedrückt, ist Elwood ein Opfer «systematischer testimonialer Ungerechtigkeit» geworden. Dieser etwas sperrige Ausdruck geht auf die englische Philosophin Miranda Fricker zurück, die damit eine bislang wenig (an-)erkannte Form der Ungerechtigkeit kritisiert. Systematische testimoniale Ungerechtigkeit liegt vor, wenn Personen einer bestimmten, oft marginalisierten Gruppe (z.B. Schwarze, Frauen, Homosexuelle u.a.) aufgrund von Vorurteilen systematisch die Glaubwürdigkeit, die Fähigkeit, Zeugnis (Testimonium) abzugeben, abgesprochen wird.

Der Schaden, der damit angerichtet wird, ist immens und jede Person, die auch nur einmal in ihrem Leben erfahren hat, dass man ihr nicht Glauben schenkt, obwohl sie die Wahrheit sagt, weiss, wie demütigend und verstörend das sein kann.

Fricker zufolge sind die Mechanismen systematischer testimonialer Ungerechtigkeit oft subtil: Indem wiederholt und auf der Basis von Vorurteilen die Kompetenz und Aufrichtigkeit einer Person bzw. einer Gruppe in Zweifel gezogen wird, erleidet diese nicht nur direkte praktische Nachteile (z.B. unfaire Verfahren), sondern wird in ihrem intellektuellen Selbstvertrauen derart erschüttert, dass oft deren schulische, berufliche und menschliche Entwicklung beeinträchtigt ist. Nicht überraschend geht diese Ungerechtigkeit vielfach mit anderen Formen von Ungerechtigkeit, z.B. sozialer und ökonomischer Art einher. Hinzu kommt, dass die Betroffenen selten genug mit ihren Anliegen Gehör finden. Ihre Erfahrungen, ihre Meinungen finden wenig Eingang in den öffentlichen Diskurs.

Bei einem Bericht über die aktuellen Proteste in den USA gegen Polizeigewalt und Rassismus ist mir ein Plakat mit folgendem Slogan besonders ins Auge gesprungen: «Listen to Black Voices», was sich übersetzen lässt mit «Hört den Schwarzen Stimmen zu». «Genau!», bin ich versucht zu sagen. Ein wichtiger Schritt zur Behebung von Ungerechtigkeiten liegt – übrigens auch hier in der Schweiz– im Zuhören und darin, den Stimmen der Betroffenen Raum zu geben und Glauben zu schenken. Dies erfordert allerdings Mut, auch auf Seiten der Zuhörenden. Denn es ist damit zu rechnen, dass vieles von dem, was wir dann zu hören bekommen, uns beissen und stechen wird– und manch gefrorenes Meer zerhacken wird.

Magdalena Hoffmann ist Programmverantwortliche für das neue Weiterbildungsformat «Philosophie 4.0: Philosophie für die Gegenwart» an der Universität Luzern.

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