Glencore: Wer Nachfolger von Glasenberg wird, tritt ein schwieriges Erbe an

Langzeitchef Ivan Glasenberg will sich früher als geplant zurückziehen. Er hinterlässt einige Baustellen.

Gregory Remez und Christopher Gilb
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Glencore lud am Mittwoch zu einer Medienpräsentation am Baarer Hauptsitz.

Glencore lud am Mittwoch zu einer Medienpräsentation am Baarer Hauptsitz.

Bild: Maria Schmid (11. Dezember 2019)

Langsam, aber sicher zeichnet sich das Ende von Ivan Glasenberg an der Spitze des Zuger Rohstoffkonzerns Glencore ab. Bereits vergangene Woche hatte der gebürtige Südafrikaner und Wahlzürcher angedeutet, seinen Posten wohl schon im nächsten Jahr und damit deutlich früher als geplant abgeben zu wollen. Am Mittwoch doppelte er bei einer Medienpräsentation am Hauptsitz in Baar nach: «Der Übergang zu einem neuen Management ist in vollem Gang. In vielen Bereichen hat die jüngere Generation bereits übernommen. Im nächsten Jahr wird dieser Prozess hoffentlich abgeschlossen sein.»

Glasenberg ist seit 35 Jahren beim Unternehmen tätig, seit 2002 verantwortet er dessen Geschäfte als CEO. Nun gilt es also, innert kurzer Zeit einen Nachfolger für den Langzeitchef zu finden. Präferiert werden offensichtlich interne Lösungen. Als aussichtsreichste Kandidaten werden derzeit Gary Nagle, Chef des globalen Kohlegeschäfts von Glencore, Nico Paraskevas, Leiter des Kupferhandels, und Kenny Ives, Leiter des Nickelhandels, der ebenfalls anwesend war, gehandelt. Glasenberg sagte:

«Die alte Garde ist im Begriff zu gehen. Sobald die Nachrücker bereit sind, werde ich ebenfalls Platz machen.»

Wer auch immer zum Nachfolger des Glencore-Urgesteins ernannt wird, fest steht: Er oder sie wird ein schwieriges Erbe antreten. Gleich zwei grosse Ermittlungen hängen aktuell über dem Zuger Rohstoffriesen. Nachdem die US-Justizbehörden bereits letztes Jahr eine Untersuchung wegen Verdachts auf Korruption im Kongo, in Venezuela und Nigeria eröffnet hatten, zogen die britischen Aufsichtsbehörden letzte Woche nach. Auch hier lautet der Verdacht auf Korruption. Worum genau es geht, will Glencore mit Verweis auf die laufende Ermittlung nicht verraten.

Britische Behörden erhöhen den Druck

Laut der Entwicklungsorganisation Public Eye spricht allerdings vieles dafür, dass Glencores Geschäfte mit dem ehemaligen Geschäftspartner Dan Gertler im Fokus stehen, über den das US-Finanzministerium schreibt, er habe sich mit «korrupten Minen und Öldeals im Kongo» bereichert. Public Eye hatte deswegen vor zwei Jahren Strafanzeige gegen Glencore bei der Bundesanwaltschaft eingereicht. «Wir haben keinen Grund, anzunehmen, dass es um etwas anderes geht», sagte ein Sprecher kürzlich der AWP.

Mit dem Vorstoss der Briten nimmt der Druck auf den Konzern deutlich zu. Weil Glencore an der Londoner Börse kotiert ist, haben die britischen Behörden einen stärkeren Zugriff auf das Unternehmen als ihre US-Kollegen. Vor diesem Hintergrund erscheint auch Glasenbergs Ankündigung, die Unternehmensleitung früher als geplant abzugeben, in einem neuen Licht. Der Noch-CEO, der 8,7 Prozent der Glencore-Aktien hält, hatte seinen Rückzug nur drei Tage vor dem Bekanntwerden der Untersuchung durch die Briten kommuniziert. Alleine in der vergangenen Woche büsste die Glencore-Aktie deshalb rund 10 Prozent ein.

Als nicht minder schwierig dürften sich für einen möglichen Nachfolger die vielen Ungewissheiten in Bezug auf das künftige Geschäftsmodell erweisen. Zwar betonte Glasenberg am Mittwoch einmal mehr, man sei «für die dekarbonisierte Zukunft gut aufgestellt». In Wirklichkeit aber werden die Fördermengen von den beispielsweise für die E-Autobatterien wichtigen Rohstoffen Kupfer und Kobalt derzeit weiter zurückgefahren, wie der Chef für Bergbau, Peter Freyberg, darlegte. Eine Erholung des Marktes sei auch 2020 nicht in Sicht.

Sicherheitsprobleme in den Minen

An Freyberg war es auch, ein weiteres schwieriges Thema anzusprechen: die Sicherheit in den Minen. «Wir hatten ein absolut schreckliches Jahr», sagte er in Bezug auf den Anstieg der tödlichen Unfälle von Minenarbeitern. Waren es 2018 noch deren 13 gewesen, sind es im laufenden Jahr bereits 17; sechs davon alleine in der Kupfermine Mopani in Sambia, die derzeit stillgelegt ist. Gemäss Freyberg habe Glencore unverzüglich reagiert und Expertenteams an die entsprechenden Orte entsandt. Ziel sei es, die Prozesse zu überprüfen und das im Konzern gesammelte Know-how zur Arbeitssicherheit einzusetzen. Die Zahl der Arbeitsunfälle sei für alle bei Glencore inakzeptabel, beteuerte er.

Zu kämpfen hat der Bergbau- und Rohstoffkonzern darüber hinaus mit illegalen Arbeitern, die sich immer wieder unbefugt Zutritt zu den Minen verschaffen. Diesen Sommer starben beispielsweise 25 Personen im Südwesten Kongos, als zwei Stollen in einer Glencore-Mine einstürzten. Je nach Kobaltpreis sei der illegale Abbau eine gute Möglichkeit, Geld zu verdienen, erklärte Glencore-Nachhaltigkeitschefin Anna Krutikov, die sogleich auf die Bemühungen zu sprechen kam, dem Problem Einhalt zu gebieten. «Wir konnten etwa einen Zusammenhang zwischen dem Anstieg von illegalem Abbau und den Schulferien feststellen.» Glencore fördere deshalb Ferienaktivitäten für Kinder.

Im Fall der kongolesischen Mine hat in der Zwischenzeit das Militär Tatsachen geschaffen und ist vor Ort, um diese vor Eindringlingen zu schützen. Eine Langzeitlösung sei das aber natürlich nicht, so Krutikov.

Glencore wehrt sich gegen Anschuldigungen

Der Rohstoffhändler aus Zug widerspricht der Darstellung von Initianten der Konzernverantwortungsinitiative, nach der eines der Glencore-Bergwerke in Peru Luft, Boden und Wasser vergiftet.
Christian Tschümperlin