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GLOBALISIERUNG: Tanz an der roten Linie

HNA und andere chinesische Firmenkonglomerate haben sich im Westen innert kurzer Zeit «grossgekauft». Selbst die Machthaber in Peking beunruhigt die neue Situation.
Daniel Zulauf
Cheng Feng, Gründer und Verwaltungsratspräsident des mächtigen chinesischen Firmenkonglomerats HNA Group. (Bild: Gao Lin (Haikou City, 27. August 2015))

Cheng Feng, Gründer und Verwaltungsratspräsident des mächtigen chinesischen Firmenkonglomerats HNA Group. (Bild: Gao Lin (Haikou City, 27. August 2015))

Daniel Zulauf

«Too big to fail» – zu gross, um pleitezugehen. In den westlichen Industrieländern haben die Finanzkrise und diverse staatliche Rettungsaktionen privater Banken das Problembewusstsein der Öffentlichkeit für den Grössenwahn von ­Finanzkonzernen geschärft. Seitdem es niemanden mehr gibt, der bestreiten würde, dass übermütige Manager von Grossbanken ein Risiko für die Steuerzahler darstellen, müssen die Finanzkonzerne mehr Eigenkapital vorhalten und ihr Wachstum bremsen.

In China werden solche Fragen mindestens in breiteren Kreisen erst seit kurzem diskutiert. Das mag damit zusammenhängen, dass sich das Reich der Mitte im Unterschied zu Europa, Amerika oder Japan noch mitten in einem säkularen Wachstumstrend befindet. Doch die expansivsten Firmen Chinas stossen auf der Jagd nach Grösse im Westen nun scheinbar unvermittelt an Grenzen. HNA, das gigantische Firmenkonglomerat, das in den vergangenen zwei Jahren Akquisitionen im Wert von 40 Milliarden Dollar auf allen Kontinenten angekündigt hat und bei den meisten Kaufabsichten auch zum Zug gekommen ist, hat gemäss Berichten asiatischer Medien seit gut einem Monat nur noch beschränkten Zugang zu chinesischen Bankkrediten. Dasselbe gilt gemäss «South China Morning Post» auch für andere expansive Gruppen wie Fosun, Wanda und Anbang.

Systemisches Risiko für den chinesischen Finanzsektor?

Offenbar befürchten die Regulatoren, dass die hohe und teilweise verdeckte Verschuldung dieser Konzerne ein systemisches Risiko für den chinesischen Finanzsektor darstellen könnte. Die Befürchtung ist sicher nicht von der Hand zu weisen. Gemäss Statistiken der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ist nur schon die sichtbare Verschuldung chinesischer Firmen in der Zeit von 2007 bis 2016 von 96 Prozent des Bruttoinlandproduktes auf 166 Prozent hochgeschnellt.

Allein HNA soll sich aber über die ausgewiesene konsolidierte Gesamtschuld von 72 Milliarden Dollar hinaus mindestens 24 Milliarden Dollar an zusätzlichen Krediten beschafft haben. Dies geschah, indem das Unternehmen die meist teuer eingekauften Aktien westlicher Firmen sofort bei westlichen Banken gegen weitere Finanzierungen verpfändet hat. «South China Moring Post» verweist unter anderem auf den konsolidierten Jahresbericht von HNA, der im Rahmen dieser Recherche aus technischen Gründen aber nicht eingesehen werden konnte. HNA ging bei der Geldbeschaffung aber offensichtlich so systematisch vor, dass selbst vertragliche Kreditbedingungen, die eine Verpfändung offiziell verbieten, übergangen wurden. Eine entsprechende Transaktion mit Swissport-Aktien musste HNA im Mai auf Verlangen der Gläubigerbanken von Swissport rückgängig machen. HNA besitzt mit Swissport, Gategroup und SR Technics alle drei ehemaligen Logistikbetriebe der früheren Swissair. Die Chinesen haben rund 6 Milliarden Franken für den Kauf dieser Firmen auf den Tisch gelegt.

Intransparente Eigentumsverhältnisse

Das Geschäftsgebaren von HNA ist also nicht nur für die chinesischen Aufsichtsbehörden, sondern auch für die westlichen Banken ein Grund zur Beunruhigung. Dem Vertrauen wenig förderlich sind auch die intransparenten Eigentumsverhältnisse des Konzerns, der offiziell als Privatfirma gilt.

Nach neuer Darstellung liegen 52 Prozent der HNA-Aktien in den Händen zweier Stiftungen. Die eine davon ist unter dem Namen Hainan Cihang Charity Foundation in New York gemeldet. Die andere hat das Domizil in Hainan. Die beiden bisher als Grossaktionäre gemeldeten «Geschäftsleute» Guan Jun und Bharat Bhise, die mindestens in den Medien niemand kannte, wurden somit quasi offiziell als Strohmänner offengelegt. Die restlichen 48 Prozent der HNA-Aktien sollen zwölf Managern, allen ­voran den beiden Co-Chairmen und Gründern Chen Feng und Wang Jian gehören (zu je 15 Prozent). «Die Offen­legung des Aktionariates war überfällig, ob sie ausreicht, wird sich zeigen», sagt ein hochrangiger Manager aus einem der drei ehemaligen Swissair-Betriebe.

Im Zug der jüngsten Medienberichterstattung über die intransparenten Eigentümerstrukturen bei HNA hätten manche westlichen Banken selbst so simple Transaktionen wie die Eröffnung eines Firmenkontos verweigert. Die Banken verwiesen auf die sogenannte «Know-your-customer-Regel», unter der sie verpflichtet sind, bei jedem Geschäft den wirtschaftlich Endberechtigten zu kennen. Das Thema treibt auch die europäischen Bankaufseher um. Eine Überprüfung von HNA als Grossaktionärin der Deutschen Bank (knapp 10 Prozent) wird offenbar erwogen. Und hier schliesst sich der Kreis zu den Sorgen der chinesischen Bankaufseher: Wenn HNA in finanzielle Schieflage geraten sollte, wären nicht nur chinesische Bankkredite gefährdet. Es müsste vielmehr auch befürchtet werden, dass westliche Gläubigerbanken zur Sicherstellung ihrer Guthaben verpfändete Aktien auf den Markt schmeissen und einen Kurssturz auslösen würden. Unbestätigten Berichten zufolge soll die Bank of America Geschäfte mit HNA gestoppt haben.

Wie realistisch das Szenario eines HNA-Kollapses ist, lässt sich kaum beurteilen. Der Kursverlauf gewisser Dollar-Anleihen von HNA lässt zwar die ­gestiegene Nervosität in den Finanzmärkten erkennen, aber es gibt keine Anzeichen von Panik. Um einer solchen Stimmungsverschlechterung zuvorzukommen, ist es hilfreich, wenn HNA die Nähe zur Regierung ausspielen kann. Tatsächlich war Chen Feng Anfang Juli, anlässlich des zweiten offiziellen Staatsbesuchs von Präsident Xi Jinping in Deutschland, auch als einziger chinesischer Geschäftsmann zum grossen Staatsbankett geladen.

Eine BIZ-Studie über die unterschiedliche Risikowahrnehmung von Kreditbewertungsagenturen in China und im Westen lässt erwarten, dass das Signal durchaus Wirkungen haben könnte. Nach den Untersuchungen der BIZ-Ökonomen bewerten die Kreditanalysten westlicher Ratingagenturen die Bonität chinesischer Firmen am höchsten, wenn sie dem Staat gehören und profitabel arbeiten. Chinesische Agenturen ­haben dagegen eine Präferenz für grosse Firmen mit vielen Aktiva, die auch eine höhere Verschuldung aufweisen. Die beiden Positionen müssen sich nicht ­widersprechen. In beiden Fällen könnte das «Too-big-to-fail»-Gesetz in den Hinterköpfen der Analysten herumspucken. Denn ein Kollaps einer HNA oder eines vergleichbaren Konglomerates würde für die chinesische Wirtschaftspolitik ohne Zweifel einen erheblichen Gesichtsverlust bedeuten.

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