Edelmetall
Gold verliert bei den Anlegern an Glanz

Der Goldpreis fällt seit einem halben Jahr. Laut Analysten ist es die längste Baisse seit 15 Jahren. Als Absicherungsinstrument hat das Edelmetall versagt. Ob sich der Preis erholt, hängt vor allem vom US-Dollar ab.

Matthias Niklowitz
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Talfart beim Gold-Kurs

Talfart beim Gold-Kurs

«Goldpreis steigt ohne Ende», lautete am 23. August 2011 die Schlagzeile im «Blick», nachdem eine Unze des Edelmetalls erstmals mehr als 1900 US-Dollar kostete. «Analysten rechnen damit, dass die Feinunze demnächst auch die 2000-Dollar-Marke knacken wird – vorausgesetzt, die Prognosen für die Weltwirtschaft bleiben schlecht», hiess es im Artikel weiter.

Die Prognosen sind tatsächlich schlecht geblieben: Die Eurozone ist Ende 2012 in eine Rezession abgerutscht. In Italien droht ein politisches Patt. Frankreich wird laut Einschätzung von Analysten das nächste grosse Problem der Eurozone. Und in den USA geht Ende März der Streit um die Verschuldungsobergrenze in die nächste Runde. Und der Goldpreis? Nach dem 23. August 2011 ist er praktisch nonstop nach unten gegangen.

Laut Analysten ist es die längste Baisse seit 15 Jahren. Selbst beim weltweit zweitgrössten Gold-ETF (Exchange Traded Fund; siehe «Wie bitte?»), dem der Zürcher Kantonalbank, ist der Goldbestand seit Jahresanfang um 8 auf 226 Tonnen gefallen.

Vor allem institutionelle Anleger handeln über Gold-ETFs. Diese Käufer gelten als das «Smart Money», das «schlaue Geld», das besonders sensibel auf Veränderungen an den Märkten reagiert.

In der Falle

Gold gilt als das ultimative Absicherungsinstrument gegen schwere Krisen. Aber die westlichen Notenbanken haben mit ihren Verpflichtungen zu unlimitierten Aufkäufen von Staatsanleihen erfolgreich verhindert, dass sich Gold als eine Art Parallelwährung etablieren konnte.

Zudem versagte Gold während der kritischen Momente der Eurozone als Absicherungsinstrument: Die Preise verteuerten sich zwar im Spätsommer 2011 unter dem Eindruck einer dramatischen Verschärfung der Euro-Schuldenkrise. Seither haben jedoch weder Hiobsbotschaften noch Rettungspakete den Preis dramatisch in die eine oder andere Richtung getrieben.

Immerhin dürfte der Goldpreis nicht beliebig tief sinken. Grosse Betreiber von Goldminen nannten anlässlich ihrer Jahresergebnisse ihre aktuellen Förderkosten. Diese sind auf 1000 bis 1200 Dollar pro Unze gestiegen, weil die lukrativsten Goldadern längst entdeckt sind und immer mehr Gestein bewegt werden muss, um an Gold zu gelangen.

Würde der Goldpreis in die Nähe dieser Kostengrenze fallen, würden Minenbetreiber ihre Arbeiter nach Hause schicken, so Analysten. Das geringere Angebot könnte dann die Preise wieder steigen lassen.

Dieses Kalkül ist allerdings mit Vorsicht zu geniessen. Denn Gold wird – im Gegensatz zu Silber oder Platin – nicht verbraucht, sondern meist wiederverwendet und notfalls ein- und umgeschmolzen. «Es gibt keine Anlässe, welche den Goldpreis jetzt nach oben treiben könnten», lautet deshalb der Befund der Bank of America.

Die Opportunitätskosten des Goldes – ein ökonomisches Konzept zur Quantifizierung entgangener Alternativen – sind gestiegen. Gold bringt keine Erträge wie Zinsen oder Dividenden, und das ist ein Nachteil, wenn die Inflationsrate in den USA oder der Eurozone bei moderaten 2 und 3 Prozent liegt.

Die auf Hochtouren laufenden Notenpressen ändern das auch nicht, denn in vielen Ländern bestehen grosse Überkapazitäten bei Arbeit, Kapital und Produktion. Eine stark zunehmende Inflation ist deshalb nicht in Sicht. «Makro-Faktoren wie Inflation, Ängste der Investoren oder die Furcht um die Stabilität des Geldsystems haben sich als schwache Hinweisgeber für den Goldpreis entpuppt», so Analysten der Citigroup.

Nichts für Kleinanleger

Erst längerfristig könnte der Goldpreis wieder steigen. Ein wichtiger Faktor dürfte der steigende Wohlstand in den aufstrebenden Märkten sein. Je wohlhabender die Menschen sind, desto mehr legen sie ihr Vermögen in Gold an. Die Goldkäufe von Zentralbanken absorbierten in den letzten drei Jahren zudem 5 bis 10 Prozent des globalen Volumens.

Ein weiterer Faktor ist der Aussenwert des US-Dollars. Wenn der Dollar massiv fällt, flüchten viele institutionelle Anleger in Gold, um den Wertverlust abzusichern. Hält sich der Dollar gegenüber den meisten wichtigen Währungen ordentlich, gibt es für die Geldprofis keinen Anlass, Gold zu kaufen.

Goldanalysten schauen deshalb inzwischen mehr auf den Dollarkurs als auf die Statistiken zur Minenproduktion.

Für Kleinanleger, die Münzen oder Unzen-Barren kaufen, lohnen sich Absicherungsstrategien aufgrund der hohen Differenz zwischen Kauf- und Verkaufspreisen ebenfalls nicht. Banken empfehlen meistens, nur einen kleineren Teil des Vermögens, zwischen 5 und 10 Prozent, in Gold anzulegen.

Ein grösserer Anteil bringt kaum etwas – denn wenn global die Finanzmärkte kollabierten, würden laut Analysten Notenbanken möglicherweise rasch ein Verbot des privaten Goldbarrenbesitzes einführen.