GRENCHEN: «Eine Uhr ist etwas Persönliches»

Ab dem 17. März trifft sich die Uhrenbranche an der Fachmesse Basel World. Mit dabei ist auch Breitling. Deren Chef spricht über die Zukunft der Industrie in Zeiten von Smartwatch und Frankenstärke.

Interview Ernst Meier
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Jean-Paul Girardin, Vizepräsident von Breitling, im eigenen Verkaufsgeschäft in London. (Bild: PD)

Jean-Paul Girardin, Vizepräsident von Breitling, im eigenen Verkaufsgeschäft in London. (Bild: PD)

Interview Ernst Meier

Jean-Paul Girardin, Breitling produziert komplexe mechanische Uhren. Derzeit spricht aber alles von der Smartwatch. Immer öfters sieht man die Apple-Uhr. Hat Ihr Geschäft Zukunft?

Jean-Paul Girardin: Ja, davon bin ich fest überzeugt. Mechanische Luxusuhren sind ein ganz anderes Produkt als eine Smartwatch. Es ist wie bei Landschaftsbildern: Obwohl man hochauflösende digitale Fotos machen kann, existieren auch weiterhin Landschaftsmalereien. Die mechanischen Chronografen von Breitling sind keinen Modeströmungen unterworfen; es sind zeitlose Klassiker. Daneben glauben wir aber auch an die Zukunft elektronischer Uhren. Wir entwickeln seit Jahren mechanische Zeitmesser und Quarzuhren.

Hört man sich in der Branche um, stellt man aber schon eine Verunsicherung fest, seitdem Apple und Samsung im Markt mitmischen.

Girardin: Für Breitling sehen wir die Smartwatch mehr als Chance – und nicht als Gefahr. Erstens entdeckt dank der Smartwatch eine neue, junge Generation die Uhr als Instrument und modisches Accessoire. Viele junge Leute tragen heute keine Uhr; sie lesen die Zeit von ihrem Handy ab. Nun führt die Smartwatch diese Käufergruppe an die Uhr heran. Zweitens ermöglicht der Techniksprung auch neue Anwendungen für Breitling.

Sie haben vor kurzem eine Uhr vorgestellt, die mit dem Mobiltelefon kommunizieren kann. Ihre Antwort auf die Apple-Watch?

Girardin: Nein, das kann man so nicht sagen. Die Breitling Exospace B55 ist nicht eine Smartwatch im Sinne eines neuen Terminals für das Mobiltelefon. Die Uhr ist genau das Gegenteil. Sie funktioniert wie ein normaler Chronograf (Stoppuhrfunktion, Anm. d. Red.), umfasst aber neue Funktionen. Diese können in Verbindung mit dem Smartphone stehen. So empfängt die Exospace B55 Meldungen, wenn E-Mails, SMS oder Anrufe auf dem Smartphone hereinkommen. Es können auch Daten wie Messzeiten von der Uhr auf das Smartphone geladen und weiterverarbeitet werden.

Breitling hat eine über 100-jährige Geschichte, stand schon vor dem finanziellen Aus und überlebte. Heute zählt Breitling zu den letzten unabhängigen Produzenten. Was hat man besser gemacht als andere Marken, die verschwunden sind oder an Grosskonzerne gingen?

Girardin: Wir fokussieren uns konsequent auf unsere Stärken und setzen auf die seit über 80 Jahren bestehende Verbindung zur Aviatik. Weiter zeichnet uns die Unabhängigkeit aus: Wir sind eine der letzten familienkontrollierten Uhrenfirmen. Dies ermöglicht es uns, langfristig zu denken und unseren Weg strikt zu verfolgen. Gleichzeitig können wir als eher kleiner Player auch schnell reagieren. Wir sind seit der Gründung spezialisiert auf technische Uhren und haben immer wieder bahnbrechende Funktionen entwickelt.

Zum Beispiel?

Girardin: 1915 hat Breitling als Erste einen Drücker bei 2 Uhr angebracht, um die Bedienerfreundlichkeit zu verbessern. Und 1995 – lange bevor man von der Smartwatch gesprochen hat – haben wir einen Sender in eine Uhr eingebaut, der Signale an Satelliten sendet. Dank dieser Entwicklung konnten bis heute mehr als 20 Menschenleben gerettet werden. Für uns sind Tradition und Innovation kein Widerspruch. Wir sind offen für neue Entwicklungen und bringen diese immer in Einklang mit unserer langen Geschichte. Das ist das Erfolgsgeheimnis von Breitling.

Uhren zählen zu den wichtigsten Exportgütern der Schweiz. Welches sind die Absatzmärkte für Breitling?

Girardin: Am meisten Uhren verkaufen wir in Europa und in den USA. In Europa sind wir speziell in Grossbritannien – einem Land mit grosser Aviatik-Tradition und langjähriger Verbindung zu Breitling – stark.

Wie laufen die Verkäufe in China?

Girardin: In China entwickeln wir uns sehr positiv. Funktionelle Uhren wie Chronografen sind bei den Chinesen bisher wenig bekannt und deshalb nicht so beliebt. Doch die Chinesen lernen sehr schnell. Immer öfter interessieren sie sich für Chronografen und Fliegeruhren. Wir sehen noch viel Potenzial in China.

Der starke Franken und das schwächere Wachstum in China haben die Uhrenindustrie getroffen. Wie beurteilen Sie die Situation für die Branche?

Girardin: Die ganze Uhrenbranche spürt die Verunsicherung. Es wird vielerorts gespart. Wie das mit der Währungssituation weitergeht, kann niemand sagen. Was Breitling betrifft, so unternehmen wir alles, um noch besser zu werden: Wir arbeiten an unseren Produkten, verbessern die Abläufe, investieren auch in Marketing und Distribution. Wir werden an der Uhrenmesse in Basel Neuentwicklungen präsentieren und sehen vorsichtig optimistisch in die Zukunft.

Wie laufen die Geschäfte bei Ihnen?

Girardin: Als familiengeführtes Privatunternehmen geben wir keine Unternehmenszahlen bekannt. Wir entwickeln uns aber konstant. Die Geschäfte laufen gut. Breitling spürt die Abschwächung auf dem asiatischen Markt weniger stark als andere Uhrenmarken, da China für uns wie erwähnt kein grosser Verkaufsmarkt ist.

Wenn die Währungssituation sich nochmals verschlechtert, könnte es so weit kommen, dass Sie einen Teil der Produktion ins Ausland verlagern?

Girardin: Nein, uns ist es wichtig, dass wir immer zu 100 Prozent in der Schweiz produzieren, was möglich ist. Was wir hier nicht produzieren können, müssen wir trotzdem von Zulieferern und Partnern aus der Schweiz beziehen. Daran hält die Breitling-Besitzerfamilie fest. Falls die Rahmenbedingungen sich verschlechtern, müssen wir in anderen Bereichen effizienter werden. Swiss made und Swissness gehören immer zu unseren Markenzeichen.

Ende der 70er-Jahre sah es so aus, als würde Japan die Schweiz als Uhrenland ablösen. Heute sind wir unangefochtener Spitzenreiter bei Luxusuhren. Weshalb?

Girardin: Die hiesige Uhrenbranche hat sich konsequent auf ihre Kernkompetenzen und auf die hohen Qualitätsansprüche konzentriert. Swiss made und Markenpflege standen stets im Mittelpunkt. Japanische Firmen hingegen setzen seit jeher auf Masse und tiefe Preise. Japaner produzieren nebenbei auch noch andere elektronische Produkte wie Spielzeuge, Drucker, Mobiltelefone usw.

Werden wir in zwanzig Jahren noch Uhren am Handgelenk tragen?

Girardin: Ja, davon bin ich überzeugt. Die Vorteile einer Armbanduhr werden immer überwiegen. Sie nimmt wenig Platz ein, ist immer und überall dabei. Sie erfüllt ihren Zweck. Bei Männern ist die Armbanduhr oftmals das einzige Schmuckstück. Die Uhr ist etwas Persönliches. Wer zum Beispiel eine Breitling trägt, ist Pilot, oder ihm gefällt die Welt der Aviatik. Ich denke, künftig wird man verschiedene Uhren für unterschiedliche Tätigkeiten und Auftritte tragen: eine Uhr für die Arbeit, eine zum Sporttreiben, eine für den Ausgang. Von diesem Trend kann die ganze Branche profitieren.

Uhrenpionier in Familienbesitz

Breitling eme. Léon Breitling gründete die Uhrenfirma 1884 in Saint-Imier im Berner Jura. Seit 1936 beliefert Breitling die Royal Air Force mit Borduhren. Ende der 70er-Jahre verkaufte Willy Breitling die Markenrechte an den Piloten und Unternehmer Ernest Schneider. Heute steht Sohn Théodore Schneider an der Spitze des Uhrenkonzerns. Breitling hat ihren Hauptsitz in Grenchen und eine Manufaktur in La Chaux-de-Fonds. Das Unternehmen beschäftigt 450 Mitarbeiter in der Schweiz.
Jean-Paul Girardin (57) ist als Vizepräsident für die operative Leitung verantwortlich. Girardin stammt aus Biel und studierte in Lausanne Maschinenbau. Er arbeitete in der Automobilindustrie, wechselte 1990 zur Swatch Group und zwei Jahre später zu Breitling. Der Hobbypilot fliegt regelmässig mit dem firmeneigenen Helikopter.

Zusammenarbeit mit Swiss
Geschäftszahlen gibt Breitling keine bekannt. Gemäss Chronografen-Zertifizierung stellt das Unternehmen jährlich rund 165 000 Uhren her. Die Bank Vontobel schätzt den Umsatz auf 370 Millionen Franken. Seit diesem Jahr ist Breitling offizieller Partner der Fluggesellschaft Swiss. Zum Start des neuen Langstreckenflugzeugs Boeing 777-300ER hat Breitling eine auf 777 Stück limitierte Sonderausgabe ihrer Fliegeruhr Navitimer herausgegeben.

Bild: Grafik Martin Ludwig / Neue LZ

Bild: Grafik Martin Ludwig / Neue LZ