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Kolumne

Grillsaison: An der «Fleischfrage» entzünden sich hitzige Diskussionen

Geht es um die Wurst, scheint es bei einigen definitiv vorbei mit dem Spass. Ein Plädoyer für mehr Entspanntheit.
Raphael Bühlmann
Raphael Bühlmann.

Raphael Bühlmann.

Er ziert sich noch immer, der Sommer 2019. Und bei vielen werden wohl oder übel auch in der zweiten Juniwoche Grill, Gartenmöbel und Sonnenschirm im Keller verstaut bleiben. Schade. Wobei – je nachdem kann man dem Umstand durchaus auch etwas Gutes abgewinnen. Denn mit dem Grill auch eingelagert bleibt eine Frage, an der man heute an keinem Barbecue mehr vorbeizukommen scheint.

Rund um den Grill können sich heutzutage an «der Fleischfrage» schnell hitzige Diskussionen entzünden, die sich – ohne reaktionsschnelles Eingreifen eines um Eintracht bemühten Gastgebers – auch schon mal unkontrolliert um sich greifen können. Entflammt daran gar ein Streit, droht die Gartenparty gar vollends im Inferno unterzugehen.

Denn geht es um die Wurst, scheint es bei einigen definitiv vorbei mit dem Spass. Es gibt Vegetarier, die verteidigen ihren Gemüsegrill mit solcher Inbrunst gegen Steak und Burger, als ginge es um das Artensterben des ganzen Planeten. Auf der anderen Seite wehren sich Fleischesser dagegen, Grillkäse oder Tofu zu probieren, als ob ihnen dies eine allergische Reaktion hervorrufen würde. Die Gräben zwischen den beiden Lagern scheinen so tief, als seien sie von existenzieller Bedeutung. In Wahrheit aber dreht es sich um noch etwas viel Wichtigeres. Längst essen wir nicht mehr nur, um zu leben. Das, was wir essen, verstehen wir als Ausdruck dessen, was wir sein wollen. Dabei geht es nicht nur um die Fleischfrage. Vegan, bio oder glykämischer Index – 40 Prozent aller Schweizer folgen heute mindestens einem Ernährungstrend, sagen Marktforscher. Das ist unbestritten lobenswert. Ja mehr noch: Dass sich der Homo sapiens über sein Menu den Kopf zerbricht und dabei eigenen Gelüsten zugunsten etwa der Ökologie entsagt, scheint aus evolutionistischer Betrachtung bemerkenswert.

Doch wenn wir uns schon gegenseitig an unseren Tellern messen, sei auch die Frage nach der Beständigkeit der gestellten Ansprüche erlaubt. Oder anders gefragt: Stellen wir uns eingangs beschriebene Gartenparty ir­gendwo anders vor. Vielleicht ist man bei jemandem eingeladen, der nicht viel Geld hat,sich Fleisch nicht leisten kann und so vor allem Gemüse auf den Grill kommt. Oder aber man ist bei der Familie des neuen Partners eingeladen, bei der es nun mal Tradition ist, eine Cervelat zu bräteln. Glauben Sie, Fleisch-Fanatiker oder Vegetarier-Fundamentalisten würden dort ihre Standpunkte mit gleicher Inbrunst vertreten? Nein. Unsere Ansprüche machen wir vor allem da geltend, wo sie ihre Wirkung haben sollen.

Der US-Psychologe Abraham Maslow gilt als ein Gründervater der Humanistischen Psychologie. Er entwickelte die Maslow’sche Bedürfnishierarchie oder die Bedürfnispyramide und unterscheidet die menschlichen Bedürfnisse nach fünf Stufen von unten nach oben. Dabei muss die vorangehende, untere Stufe der Bedürfnisse zuerst vollends erklommen beziehungsweise erfüllt sein, bevor man die nächste Stufe in Angriff nehmen kann.

Maslow nennt dabei Grundbedürfnisse als unterste Stufe. Darauf aufbauend folgen Sicherheit, Sozialbedürfnisse, Anerkennung und Wertschätzung und zuletzt Selbstverwirklichung. Den Ausdruck der eigenen Persönlichkeit beschreibt Maslow als höchste Stufe der Anerkennung. Damit von der Theorie zurück zur Gartenparty: Die Sache mit unserem Essen ist nun, dass dies zum einen natürlich unser Grundbedürfnis nach Nahrung befriedigt. Zum anderen ist unser Grillgut eben immer mehr auch Ausdruck unserer Persönlichkeit. Bei Letzterem ist der Mensch gemäss Maslow mit seinen moralischen und ethischen Ansprüchen flexibel – bei Ersterem nicht. Vielleicht täten wir gut daran, uns diesen Sommer an der Grillvielfalt zu erfreuen, statt uns daran zu messen.

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