Grün, grüner, am Grünsten: Drohen Schweizer Bauern punkto Nachhaltigkeit hinter europäische Bauern zurückzufallen?

Die EU will ihre Landwirtschaft nachhaltiger machen. Die Schweiz müsse deshalb schauen, dass sie nicht zurückbleibe, warnen Verbände.

Gabriela Jordan
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Pestizide belasten das Grundwasser. Die Schweiz und die EU wollen deren Einsatz deshalb weiter reduzieren.

Pestizide belasten das Grundwasser. Die Schweiz und die EU wollen deren Einsatz deshalb weiter reduzieren.

Patrick Pleul / DPA-Zentralbild

Wegen der Coronapandemie ist es um den im Dezember gross angekündigten «New Green Deal» der EU-Kommission ruhiger geworden. Im Hintergrund laufen die Arbeiten aber weiter. Das Ziel ist hochgesteckt: Bis 2050 soll die EU klimaneutral werden. Dafür will sie 1 Billion Euro investieren und die Sektoren Energieversorgung, Industrie, Landwirtschaft und Verkehr umorganisieren.

Welche Folgen der Deal für die Schweiz haben wird, ist derzeit noch schwierig zu sagen. Verschiedene Branchen verfolgen das Vorhaben aber bereits mit grossem Interesse. Auch die Landwirtschaft: Sie steht hierzulande ebenfalls unter Druck, nachhaltiger zu werden. Die beiden Anti-Pestizid-Initiativen stossen in der Bevölkerung auf viel Sympathie. Der Bund lässt das Anliegen nun in seine Agrarpolitik ab 2022 (AP22+) einfliessen. Auch der EU-Deal zielt darauf ab, Pflanzenschutzmittel zu reduzieren. Gleiches gilt für Dünger, Antibiotika für Nutztiere und Food Waste. Mit mehr geschützten Flächen will die EU zudem die Biodiversität fördern.

Die EU hat eine Vision, die Schweiz Kompromisse

Aus heutiger Sicht ist die Landwirtschaft in der Schweiz ökologischer und tierfreundlicher als in den meisten anderen europäischen Ländern. Könnte der EU-Deal daran etwas ändern? Der Dachverband Bio Suisse glaubt Ja. Er plädiert deshalb für einen «Swiss Green Deal» – oder mindestens für eine rasche Umsetzung der AP22+. «Wenn die EU in diesen Bereichen aufholt, wird es schwierig, die höheren Schweizer Preise zu rechtfertigen», sagt ein Sprecher. Die Schweiz müsse schauen, dass sie nicht zurückbleibe – sonst könnte etwa der Einkaufstourismus weiter zunehmen.

Weniger dramatisch sieht dies Martin Rufer, Direktor des Schweizer Bauernverbandes. Punkto Pestizid-Reduktion sei die Schweiz viel weiter als die EU, sagt er. Die Umsetzung befände sich schon im parlamentarischen Prozess – beim EU-Deal handle es sich erst um eine Grundlage. Rufer gehört allerdings zu den Gegnern der Initiativen. Bauern würden basierend auf dem Aktionsplan Pflanzenschutz von 2017 schon heute wo immer möglich auf Pestizide verzichten, argumentiert er.

Der New Green Deal

Der New Green Deal ist der Fahrplan der EU für eine nachhaltige Wirtschaft. Wegen der Coronapandemie befürchteten Befürworter, dass er nicht umgesetzt wird. Jetzt dürften die Investitionen in Höhe von 1 Billion Euro aber mit dem Corona-Wiederaufbau verknüpft werden. 40 Prozent aller Ausgaben sollen in klimabedingte Sektoren fliessen. Polen, das fast 80 Prozent seines Stroms aus Kohlekraftwerken bezieht, hat dem Deal aber noch nicht zugestimmt.

Beim Green Deal geht es allerdings um mehr als um Pestizide. Die EU-Kommission verfolgt die Strategie «Farm to Fork» («Vom-Hof-auf-den-Teller»), bei der sie die gesamte Produktionskette von Lebensmitteln hinterfragt. Diesen Ansatz lobt Rufer. Damit sei die EU weiter als die Schweiz. «Der Ausdruck zeigt, dass von der Landwirtschaft bis zur Essensgabel alle einen Beitrag leisten müssen. In der Schweiz sprechen wir immer nur über Agrarpolitik statt über eine ganzheitliche Ernährungspolitik. Von dieser einseitigen Fokussierung müssen wir wegkommen.»

Laut Rufer fehlen heute etwa transparente Deklarationsvorschriften für inländische und importierte Produkte, minimale Nachhaltigkeitsstandards auch für Importe – sowie Massnahmen gegen Foodwaste. In diesem Zusammenhang kritisiert er auch die AP22+: Auch dort würden alle Massnahmen nur auf die Landwirtschaftsbetriebe zielen. Dies würde wieder zu einer Verlagerung der Produktion ins Ausland führen. Die staatliche Agrarpolitik kommt den Bauern aber auch zu Gute: Neben der Verringerung von Pestiziden und Dünger soll auch die Ausbildung und Vorsorge verbessert werden.

Bund lanciert Kampagnen gegen Food Waste

Braucht die Schweiz also einen Green Deal? Bio Suisse findet Ja: «Wir brauchen eine Bekenntnis für eine nachhaltige Ernährung. Die AP22+ enthält zwar einzelne Kompromisse, aber keine Vision.» Unterstützung erhält der Verband von der Agrarallianz, die sich ebenfalls mit dem EU-Papier befasst. «Der nächste grosse Hebel ist der Konsum, sprich griffige Massnahmen gegen die Lebensmittelverschwendung. Hier scheut sich der Bund, politisch einzugreifen», sagt Geschäftsführer Hansjürg Jäger.

Was sagt dazu der Bund? «Die EU konzentriert sich in ihrer neuen Strategie auf die zwei Pfeiler Produktion und Konsum. Das waren auch unsere Überlegungen für die AP22+», heisst es beim Bundesamt für Landwirtschaft. Zusammen mit dem Bundesamt für Umwelt sei zudem eine Kampagne gegen Food Waste lanciert worden. «Die Landwirtschaft ist auf dem richtigen Weg, umweltfreundlicher zu werden. Die AP22+ liegt jetzt aber in den Händen des Parlaments.»

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