Autobahn A1/A2
Grünes Licht für 6 Fahrstreifen

Jetzt rechnet das Bundesamt für Strassen mit einem raschen Baubeginn der 6 Fahrstreifen auf der A1/A2. Die Richter lehnen mehr Lärmschutz ab, die Wände seien hoch genug, ein Flüsterbelag wäre zu teuer.

Hans Lüthi
Merken
Drucken
Teilen

Schweiz am Sonntag

Höchste Dringlichkeit hat das Projekt seit bald zehn Jahren, denn auf den 9,4 Kilometern Härkingen-Wiggertal überlagern sich die zwei wichtigsten Autobahnen der Schweiz: Die A1 von Westen nach Osten, die A2 von Norden nach Süden. Es ist längst keine Frage mehr, ob die 6 Fahrstreifen nötig sind, sondern wann sie endlich kommen. «Der Belag ist noch schlechter als auf der berüchtigten Holperpiste durchs Birrfeld, auf der Normalspur schlägt es einem die Zahnplomben heraus», spöttelt ein Benützer - und fährt nur noch auf der Überholspur. Obwohl sich die Staus häufen und länger werden und der Aargau seit Jahren aufs Tempo drückt, verzögerten sich die Verfahren fast endlos.

Ökoausgleich blockierte Projekt

Der Ökoausgleich blockierte das Projekt zuerst, die heute entlang der Autobahn bei Aarburg kanalisierte Wigger erwies sich als Knacknuss. Das grosszügige Ausufern auf wertvolles Landwirtschaftsland wurde in diesem Ausmass nicht goutiert. Dann kamen die Autobahnen mit der Neugestaltung Finanzausgleich und Aufgabenteilung (NFA) per Anfang 2008 zum Bund. Laufende Projekte bleiben zwar bis zur Baureife noch bei den Kantonen, in diesem Fall Aargau und Solothurn. Doch weil es sich um eine Engpass-Beseitigung handelt, musste Härkingen-Wiggertal auch noch vor das Eidgenössische Parlament, welches das Geld inzwischen bewilligt hat. Bei der öffentlichen Auflage gab es zudem viele Einsprecher, zu ihnen gehörten auch die Gemeinden Boningen, Gunzgen und Härkingen.

Bundesverwaltungsgericht wischt alle Beschwerden vom Tisch

Der Entscheid der Richter liegt jetzt auf dem Tisch und löst beim künftigen Bauherrn - dem Astra in Zofingen - aus Termingründen viel Freude aus. Denn das Bundesverwaltungsgericht wischt alle Beschwerden vom Tisch, die Parteien erhalten keine Entschädigung. Wird das Urteil rechtskräftig, sind sämtliche Beschwerden weg. «Dann haben wir die Plangenehmigung, sie entspricht der Baubewilligung», sagt Astra-Sprecher Andreas Rüegger. Das Projekt geht an den Bund über, «wir haben alles bereit, um die Submission mit den Unternehmen durchzuführen», betont Rüegger. Für den neuen Belag und den Ausbau auf 6 Fahrstreifen sieht der Terminplan so aus: erste Arbeiten 2011, Hauptarbeiten in den Jahren 2012 bis 2015. Durch die Lösungen 3:1 oder 4:0 wird sichergestellt, dass immer je zwei Fahrstreifen zur Verfügung stehen - aber mit zusätzlichen Staus ist zu rechnen.

Streit um Lärm

Streitpunkt ist der Lärm beim Weg durch die Instanzen, den die Solothurner Gemeinden gewählt haben. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hielt bei der Befragung durch die Richter fest, «das genehmigte Projekt stehe mit den Lärmschutzvorschriften im Einklang». Vom Uvek ist das Ausführungsprojekt am 11. Januar 2010 bewilligt worden, versehen mit diversen Auflagen. Die Einsprachen der Einwohnergemeinden Härkingen, Gunzgen und Boningen sind dabei teilweise gutgeheissen worden. Beim Weiterzug verlangten sie erneut, der Lärmschutz sei so zu bauen, «dass die massgebenden Grenzwerte auf den ganzen Gemeindegebieten ohne Erleichterungen eingehalten werden können».

Das müsse auch bei Mehrverkehr in Zukunft gelten, möglichst bis zur nächsten Strassensanierung. Im Vergleich von Kosten, Lebensdauer und Lärmreduktion schneidet der Spezialbelag «Typ Astra» am besten ab. Ein Flüster- oder Drainbelag mit offenen Poren wäre zwar für den Lärmschutz noch deutlich besser, erfordert aber im Winter die dreifache Salzmenge und verursacht die doppelten Unterhaltskosten pro Jahr. Wegen der hohen Kosten und der kurzen Lebensdauer lehnt auch das Bundesverwaltungsgericht solche Beläge ab.

Hohe Zusatzkosten

Die hohen Zusatzkosten sind auch bei den Lärmschutzwänden der Hauptgrund für die Ablehnung. In Härkingen wären es 2,0, in Gunzgen 1,7 und in Boningen 0,4 Millionen Franken zusätzlich. Für die Gemeinden wären diese rund 4 Millionen Franken bei Gesamtkosten von 170 Millionen Franken zwar «vernachlässigbar», aber laut Urteil ist nur das Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen massgebend. Gegen eine weitere Erhöhung der teilweise schon sehr hohen Lärmschutzwände spreche auch der Ortsbild- und der Landschaftsschutz. Die Gemeinde Boningen hat zudem verlangt, die Anschlüsse zu den Raststätten Gunzgen Nord und Süd seien so auszubauen, dass man sie zu Halbanschlüssen ausweiten könne. Das Gericht verweist darauf, bei der Linienführung entscheide die Bundesversammlung.

Der Champagner steht bereit, aber die Flasche ist noch nicht geöffnet. Denn einen Haken hat die juristische Bewältigung des Grossprojektes noch: Ein Weiterzug ans Bundesgericht in Lausanne liesse den neuen Terminplan über Nacht zur Makulatur werden. Bei einer Klärung der Lärmschutzfragen durch die höchsten Richter «gingen erneut ein bis zwei Jahre verloren», rechnet Rüegger.

Keine grosse Bedeutung hat übrigens die 50-Kilometer-Klausel, gemäss der es auf dieser Distanz bei Autobahnen in der Schweiz nur eine Baustelle geben dürfte. Will heissen: Härkingen-
Wiggertal müsste warten, bis die A1-Sanierung Lenzburg-Birrfeld 2013 fertig wäre. «Das würde niemand verstehen, die Dringlichkeit ist viel zu hoch», betont der Sprecher des Astra. Dieses will bei grünem Licht rasch loslegen können.