Halb so viele Weihnachtsmärkte, Shopping mit Masken, keine grossen Familienfeiern: So werden die Corona-Weihnachten

Blackweekend statt Blackfriday? Der Detailhandel tüftelt längst an den Covid-Weihnachten. Das müssen Sie wissen.

Niklaus Vontobel
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Masken werden auch in der Vorweihnachtszeit zu unserem Alltag gehören.

Masken werden auch in der Vorweihnachtszeit zu unserem Alltag gehören.

Jeronimo Granadal Ruiz / Moment RF

Nach einem historischen Sommer geht es um viel mehr Geld: um das Fest der Liebe. Sterne, Engel und Lichterketten werden in fünf Wochen aufgestellt. Markthändler, Shops und Einkaufszentren müssen längst planen, wie sie werden sollen: die ersten – und hoffentlich einzigen – Covid-Weihnachten.

Weihnachten fällt zur Hälfte aus, soweit es Märkte betrifft.

Der Weihnachtsmarkt wird abgesagt in der Hälfte aller Städte, die letztes Jahr noch einen hatten. Das schätzt Schweiz Tourismus. Die Marketingorganisation stellt jährlich eine Übersicht aller Weihnachtsmärkte zusammen. Jüngst gaben die Veranstalter in Zürich auf. Das Dorf auf dem Sechseläutenplatz fällt aus. Ebenso der Lozärner Wiehnachtsmärt auf dem Franziskanerplatz. Die Veranstalter scheuen das Risiko: Es könnten sich auf den Märkten viele Menschen anstecken, nach einer Schliessung stünden sie mit den Kosten da.

Die andere Hälfte der Städte will etwas veranstalten, was möglichst nah an einen Weihnachtsmarkt kommt. Was genau, ist offen. So probiert es etwa Baden AG mit einem Ampelsystem und mehreren kleinen Märkten. Noch nicht kapituliert hat Basel, wo man im ­November über die Details informiert. Bekannt ist: Es gibt nur halb so viele Stände wie sonst. Neue Absagen kommen hinzu. Ein Sprecher von Schweiz Tourismus sagt, die Unsicherheit sei gross. «Städte und Kantone wissen selbst noch nicht, was sie im Dezember erlauben können und was nicht.» Das schmerzt nicht nur die Markthändler selber sehr. Weihnachtsmärkte locken auch Kunden in Einkaufszentren, in Restaurants und Hotels.

Bei Schweiz Tourismus ist man nicht erfreut. Weihnachtsmärkte seien sehr wichtig die angeschlagenen Städte. Und die Ausfälle müssten eigentlich nicht sein. Mit den richtigen Schutzmassnahmen könnten sie durchgeführt werden. Chef Martin Nydegger sagt:

«In Österreich können Christchindl-Märkte offiziell stattfinden. Da dürfen wir nicht hinten anstehen!»

Masken drücken die Stimmung – oder werden Teil der Normalität

Maskenpflicht in Läden gibt es in den Kantonen Zürich, Solothurn und Basel Stadt. Zürich hat sie gerade verlängert bis Ende Oktober. Anderswo könnte die Pflicht erst kommen. Was das bringt, ist umstritten. Einige Studien erkennen kaum eine Wirkung, mancher Arzt sagt gar: «bringt nichts». Andere halten sie für wichtig. Marcel Tanner, Basler Epidemiologe und Mitglied der Covid-­Taskforce des Bundes: «Masken erhöhen den Schutz, vor allem, wenn ­Distanzregeln nicht eingehalten werden können.» Doch darum geht es den Kantonen nicht in erster Linie. Masken dienen als Signal: Die Krise ist noch da! Die Regeln gelten!

Der Schaden ist recht gut dokumentiert. Bei Lebensmitteln lassen sich die Kunden nicht beirren, in der Mode schon. Wer will von Maskierten beraten werden? Wer kann im Spiegel trotz Maske sehen, ob das Kleidungstück passt? Viele schieben Einkäufe heraus oder wechseln den Kanton. Modeverkäufe sanken gemäss Rückmeldungen aus der Branche um 10 bis 35 Prozent. Ein maskiertes Weihnachtsshopping droht in einigen Kantonen – und damit eine gedrückte Stimmung. Doch könnten sich die Behörden vorher erweichen lassen oder die Fallzahlen sinken. Oder die Gewöhnung setzt nach einigen Wochen ein, und maskierte Berater werden Teil der neuen Normalität.

Entweder Maske oder maximale Personenzahl pro Fläche – nicht beides

Wo es eine Maskenpflicht gibt, orientiert sich der Detailhandel nicht mehr an der Kennzahl: Wie viele Personen hat es pro Quadratmeter? Dann wird nur auf Abstände geachtet, wenn die Kunden stillstehen: sich beraten lassen oder Schlange stehen. Sonst gilt zumeist ein Weiter-wie-bisher. Migros, Coop oder Jelmoli sagen, sie setzten auf die gleichen Schutzkonzepte. Man erinnert an die Maskenpflicht. Bietet Desinfektionsmittel an. Stellt Plexiglaswände auf, wo nötig. Wird es eng, beschränkt man den Einlass wieder. Lange Schlangen vor den Eingängen fürchtet kaum jemand. Unter anderem, weil der Onlineboom anhält.

Der Buchhändler Orell Füssli stellt extra Kassen auf, um Schlangen im Ladeninnern zu vermeiden. Man arbeitet daran, dass die Kunden bereits beim Buchregal mit der Karte zahlen können.

Die grosse Unbekannte: Wie können Familien Weihnachten feiern?

Die Migros sieht sich gut gerüstet, eine grosse Unbekannte bleibe aber, wie ein Sprecher sagt. «In welcher Form kann Weihnachten gefeiert werden: mit grosser Tafel im grossen Familienkreis oder in kleiner Runde im trauten Heim?» Fallen grössere Feste aus, wird weniger und anders eingekauft. Das sei schon an Ostern zu beobachten gewesen. Grosseltern durften nicht zu den Enkeln, Feste fielen aus, Osterhasen blieben in den Regalen stehen.

Argumente gegen grosse Feste sind etwa in den USA zu lesen, wo das Virus viel schlimmer wütet. Experten warnen: Es sei zwar traurig, aber wahrscheinlich nicht ratsam, grosse Feste in geschlossenen Räumen abzuhalten. Neue Forschungsergebnisse schrecken auf. Junge Erwachsene würden zwar das Virus selber besser vertragen, so die «New York Times». Doch sie würden Wellen von Ansteckungen auslösen, die sich dann ausbreiten können auf Familien, Freunde und Nachbarn.

In der Schweiz sagt der Epidemiologe Marcel Tanner:

«Für Weihnachten gilt das Gleiche wie für andere Versammlungen auch.»

Man sollte sich an die Grundmassnahmen halten, wie sie von allen Experten empfohlen werden: auf Hygiene achten und Distanz halten. Konkret sei etwa auf Händeschütteln grundsätzlich zu verzichten, ebenso auf Küsschen geben und lange Umarmungen. Zusätzlich solle man daran denken: viel lüften, nicht von 15 Uhr bis abends spät in ungelüfteten Räumen bleiben. Auf Masken könnte man verzichten, wenn man die Distanzregeln beachten kann. Tanner: «Und die Einkäufe erledigt man wenn möglich nicht zu Stosszeiten.»

Weihnachtsaktionen früher starten? Black Friday verlängern?

Weihnachten werde 2020 früher als je zuvor beginnen. So war es kürzlich in US-Medien zu lesen. Mehr und mehr Retailer wollen so das übliche Gedränge vermeiden. In der Schweiz winken Coop und Aldi, Jelmoli oder Orell Füssli ab. Ein Migros-Sprecher sagt: «Das würde von einem Teil der Kunden nicht goutiert.» Der orange Riese baut die Dekorationen in der letzten Oktoberwoche auf, wie üblich. Anders sei die Logistik nicht zu bewältigen. «Auch wenn es einigen Kunden noch zu früh ist.»

Auch Coop folgt der jährlichen Routine. Ende Oktober gibt es erste weihnachtliche Artikel, kurz vor dem ersten Advent dann alle Klassiker, bis Weihnachten kommen weitere Artikel hinzu.

Zugleich zeichnen sich Abweichungen von der jährlichen Routine ab, zumindest vor Weihnachten. In der Branche wird diskutiert, den Black ­Friday zu verlängern – zum Black Weekend. Und es könnte mehr Sonntags­verkäufe geben. Das schlagen touristische Verbände den Kantonen vor. Man will in den Innenstädten weitere Events schaffen mit Kultur, Essen und ­Shoppen.

Kommt es zum Päckli-Stau und noch mehr Einkaufstourismus?

Die grossen Lieferfirmen wie Fedex oder UPS werden ihre Gebühren erhöhen in der Weihnachtszeit. Das erwarten in den USA einige Retailer. Sie würden so ihre Kunden dazu bringen wollen, ihre Aufträge möglichst vor dem weihnachtlichen Andrang zu erledigen. Eine solche Steuerung der Paketflut probiert die Schweizer Post nicht. Man fährt die Kapazitäten hoch, nicht erst seit Corona. Es wurde ausgebaut und neu gebaut. Rechtzeitig für November schafft man so rund 200000 Pakete mehr als vor zwei Jahren. Und man holt wie immer Ressourcen hinzu: 30 Prozent mehr Mitarbeiter, nochmals 300 Lieferwagen. Zusatzschichten werden gemacht, in den grossen Sortierzentren stehen die Maschinen nur noch zur zweistündigen Wartung still.

In Konstanz werden gute Geschäfte mit Schweizer Einkaufstouristen erwartet, aber kein Ansturm. Das Niveau des Vorjahres sei kaum zu schaffen, so der Geschäftsführer der dortigen Handelskammer. Das Ausfallen der Weihnachtsmärkte schmerzt auch in Konstanz sehr. «Sie sind in nahezu allen Städten abgesagt worden.» Alle würden das dichte Gedränge ­zwischen Glühweinständen, Würstchenbuden und Holzspielzeug ­kennen. Der Geschäftsführer:

«Niemand möchte riskieren, dass Weihnachtsmärkte zu Corona­Hotspots werden.»
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