HANDEL: «Schweizer Firmen sind die Good Guys»

Attacken auf Schweizer Unternehmen seien nicht reizvoll für den US-Präsidenten Donald Trump,sagt der Direktor der Handelskammer Schweiz-USA, Martin Naville. Zu gut seien diese im Land verankert.

Roger Braun
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«China und Mexiko sind deutlich populärere Sündenböcke als die Schweiz», sagt Martin Naville. (Bild: Karin Hofer/NZZ (Zürich, 6. September 2012))

«China und Mexiko sind deutlich populärere Sündenböcke als die Schweiz», sagt Martin Naville. (Bild: Karin Hofer/NZZ (Zürich, 6. September 2012))

Interview: Roger Braun

Martin Naville, die ersten beiden Wochen von Donald Trumps Amtszeit zeigen an, dass er mit seinen protektionistischen Wahlversprechen ernst macht. Sind Sie besorgt?

Ein wenig beunruhigt bin ich. Gleichzeitig war das zu erwarten. Trump tut das, was er im Wahlkampf angekündigt hat. Doch tiefgründig verändert hat er noch nichts. Vieles sind nach wie vor Ankündigungen.

Er hat immerhin bereits das transpazifische Handels­abkommen versenkt.

Gleichzeitig hat er gesagt, dass er bilaterale Abkommen anstrebt. Das ist noch keine generelle Absage an den globalen Handel. Trump ist klug genug, um zu wissen, dass der Wohlstand der USA vom freien Warenverkehr abhängt. Seine rhetorischen Angriffe auf Mexiko oder China sind vor allem an seine Wähler gerichtet. Auch dürfte es ihm darum gehen, eine gute Verhandlungsposition einzunehmen, indem er mit Maximalforderungen ins Gespräch geht.

Wie lange wird es gehen, bis Trump die erste Schweizer Firma per Tweet attackiert?

Trump wählt seine Opfer ganz gezielt aus. Es war nicht zufällig, dass es mit Toyota als erstes einen Fahrzeughersteller traf. Autos sind populär, und in der Branche wurde die letzten Jahrzehnte in der Tat viel ausgelagert. Kritik an solchen Firmen zu äussern, ist dementsprechend populär. Schweizer Firmen werden hingegen kaum auf dem Radar von Trump auftauchen.

Wieso nicht?

In erster Linie weil sie stark in den USA investiert sind. Die Schweizer Wirtschaft ist der sechstgrösste Investor in den USA und gibt dort am meisten Geld für Forschung und Entwicklung aus. Schweizer Firmen sind die Good Guys der amerikanischen Wirtschaft.

Könnte es nicht doch mal eine einzelne Firma treffen?

Natürlich weiss man nie, in welche Richtung Trump tweetet, aber übermässig bedroht sind sie sicher nicht. Trump wählt ganz bewusst publikumsträchtige Ziele aus. Schweizer Firmen exportieren aber keine ganzen Autos, sondern eher Halbfabrikate wie Präzisionsinstrumente, die meist weiterverarbeitet werden. Die Pharmaindustrie wiederum produziert zum grossen Teil im Land selbst. Das ist nicht die Art von Exporten, die das Blut des arbeitslosen, schlecht ausgebildeten Weissen in Wisconsin in Wallung bringt. Deshalb sind diese Attacken auch nicht reizvoll für Trump.

Und doch gerät die Pharmaindustrie nun ins Blickfeld von Trump. Diese Woche wurde den Firmen eingeschärft, ihre Preise zu senken und mehr Arbeitsplätze in den USA zu schaffen. Auch Novartis war zugegen.

Einzelne Pharmakonzerne haben bei den Preisen jüngst überschossen, weil staatliche Preiskontrollen fehlen. Doch auch hier stehen Schweizer Firmen nicht zuvorderst. Viele sind seit Jahrzehnten in den USA aktiv und kennen das Land sehr gut. Aufgrund ihrer Präsenz haben sie auch die nötige Flexibilität, um gewisse Verlagerungen vorzunehmen, falls dies nötig wird. Schweizer Firmen, die nicht in den USA vertreten sind, müssen sich hingegen viel grössere Sorgen machen.

Um welche Firmen geht es da?

Vor allem um kleinere Zulieferbetriebe, die nicht genug gross sind, um einen Standort in den USA aufzubauen. Sie müssen wachsam bleiben, wie sich die Lage in den USA entwickelt.

Wachsam dürften auch China und Mexiko sein. Trump hat ihnen mit Strafzöllen von bis zu 45 Prozent gedroht.

China und Mexiko sind deutlich populärere Sündenböcke als die Schweiz. Trotzdem glaube ich nicht, dass ein Strafzoll in dieser Höhe Realität werden wird. Hierfür braucht Trump die Unterstützung des Kongresses, und dieser dürfte wenig Lust auf einen Handelskrieg mit China haben. Denn eines ist klar: China würde hef­tig reagieren und seinerseits Handelsschranken hochziehen. Selbst wenn Schweizer Firmen politisch wenig angreifbar sind, unter einem Handelskrieg würden sie sehr stark leiden.

Nun läuft im Kongress auch ein Gesetzesprojekt, das für sämtliche Exporte einen Einfuhrzoll von 20 Prozent vorsieht. Wie schätzen Sie hier die Gefahr für die Schweizer Wirtschaft ein?

Das beunruhigt viele unserer Mitglieder, denn die Schweiz exportiert jährlich Waren im Wert von 31 Milliarden Franken in die USA. Dementsprechend verletzlich sind wir. Aber auch hier stehen wir noch ganz am Anfang. Es ist insbesondere unklar, ob der Vorschlag eine Mehrheit im Parlament erreicht. Ebenso stellt sich die Frage, ob ein solcher Einfuhrzoll mit den WTO-Bestimmungen zum Freihandel vereinbar wäre.

Die Schweiz steht in den USA auf einer Liste potenzieller Währungsmanipulatoren, denen zusätzliche Handelshemmnissen drohen. Wie gefährlich ist das?

Das sehe ich entspannt. Mit einem Handelsbilanzüberschuss von 17 Milliarden Franken rangiert die Schweiz in den USA lediglich auf Platz 13. Die Differenz gegenüber China beträgt hingegen 320 Milliarden; bei Japan, Deutschland oder Mexiko sind es rund 60 Milliarden. Das sind deshalb viel attraktivere Ziele für Trump als die Schweiz. Wichtig ist einfach, dass die politische Schweiz keine Fehler begeht.

Was meinen Sie damit?

Bundesrat und Parlament sollten sich nicht öffentlich über Trump empören. Diese Kritik dürfte sowieso nichts bringen, könnte aber viel Schaden anrichten. Wir tun gut daran, erst mal abzuwarten und zu schauen, ob aus dem vielen Lärm auch etwas Konkretes wird. Die Schweiz sollte Trump an den Fakten messen, nicht an seinen Nebelgranaten.

Hinweis

Martin Naville ist seit 13 Jahren Direktor der Handelskammer Schweiz-USA. Naville (57) hat in den USA studiert und sechs Jahre als Banker und Unternehmensberater dort gearbeitet. Am nächsten Donnerstag, 9. Februar, hält Martin Naville an der Senioren-Akademie Seegemeinden, Weggis, im Campus Hotel Hertenstein einen Vortrag zum Thema: «Präsident Trump und wie weiter?» Beginn ist um 17.30 Uhr.

Bild: Grafik: Janina Noser

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