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Interview

Handelsexperte Manfred Elsig: «China wollte Reaktionen ausloten»

Die Rivalität zwischen USA und China wird die Welt auf lange Zeit entzweien, sagt Handelsexperte Manfred Elsig.
Daniel Zulauf
Amerikanischer Dollar versus chinesischer Yuan: Steuern die beiden Weltmächte wirklich auf einen Währungskrieg zu? (Bild: Shutterstock)

Amerikanischer Dollar versus chinesischer Yuan: Steuern die beiden Weltmächte wirklich auf einen Währungskrieg zu? (Bild: Shutterstock)

Der seit anderthalb Jahren dauernde Handelskrieg zwischen den USA und China hat letzte Woche eine neue Stufe erreicht. Mit der Abwertung der eigenen Währung Yuan riskiert China einen Währungskrieg. Dieser würde auch Risiken für die Schweiz bergen, warnt Handelsexperte Manfred Elsig.

Die internationale Wirtschafts- und Finanzwelt zeigte sich überrumpelt, als US-Präsident Donald Trump letzte Woche weitere Strafzölle auf chinesische Exporte androhte. Ging es Ihnen selber auch so?

Manfred Elsig: Nein. Diese neue Zolldrohung hat mich nicht überrascht. Der Konflikt wogt ja schon eine ganze Weile hin und her, und es zeichnet sich ein klares Muster ab. Wenn die Chinesen an den Verhandlungstisch zurückkehren und Donald Trump nach Rücksprache mit seinen Unterhändlern zum Ergebnis kommt, dass die Verhandlungen nicht genügend rasch vorangehen, lanciert er einen neuen Angriff. So hat er schon mehrere Zolldrohungen ausgesprochen und teilweise wieder zurückgenommen.

Trump will das Handelsdefizit mit China verringern. Kann er das?

Theoretisch kann er das im bilateralen Verhältnis mit China schon erreichen. Trump verfolgt auch keine kurzfristige Strategie. Er will die Handels- und Investitionsströme mit China längerfristig stark verändern. Er will Unternehmen zurück in die USA holen. Hohe Importzölle sind ein Instrument dafür. Wenn die Zölle genügend hoch sind, kann es sich für Firmen lohnen, ihre Produktion in China, Mexiko oder Kanada aufzugeben, um sie in den Absatzmarkt, also in die USA, zu verschieben.

Sie sagen, es ist theoretisch möglich. Und praktisch?

Ein Problem für die USA ist es, dass die Firmen auch in andere Länder ausweichen können. Zum Beispiel hat sich das Handelsbilanzdefizit der USA gegenüber Vietnam in letzter Zeit stark vergrössert. Der Grund dafür ist, dass chinesische Firmen jetzt vermehrt in Vietnam produzieren und den US-Markt von dort beliefern. Bislang ist es den USA nicht gelungen, ihr globales Handelsdefizit bei Industrieprodukten abzubauen.

Auf die jüngste Zollandrohung der USA haben die Chinesen diese Woche mit einer Abwertung ihrer Währung reagiert. Damit verringern sie den Effekt der Strafzölle. Werden die Amerikaner nun mit noch höheren Zöllen antworten?

Die Abwertung war nicht die einzige Massnahme. Die chinesische Regierung hat auch staatsnahe Firmen aufgefordert, keine amerikanischen Landwirtschaftsprodukte zu kaufen. Das ist ein weiterer harter Schlag für viele amerikanische Grossbauern. Aber zu Ihrer Frage: Es ist möglich, dass er seine Zolldrohung nun von 10 Prozent auf beispielsweise 20 Prozent erhöht. Aber es ist auch denkbar, dass Trump einen tieferen Dollarkurs anstrebt und damit einen Währungskrieg provoziert.

Wie real ist die Gefahr eines Währungskrieges?

Sie ist in den vergangenen Tagen sicher realer geworden. Trump bezichtigt China ja schon länger als Währungsmanipulator. Bis anhin hatten seine Berater und sein Finanzminister Steven Mnuchin diese Position nicht richtig unterstützt. Das hat sich nun geändert. Seit dieser Woche steht nun die ganze Administration hinter Trump und hat China erstmals quasi mit einer Stimme als Währungsmanipulator bezeichnet.

Ist dies gerechtfertigt? Da gehen die Meinungen auseinander. Einerseits hat es im Markt sicher einen starken Abwertungsdruck auf den Yuan gegeben, sodass die chinesische Zentralbank dies geschehen liess. Anderseits darf man natürlich nicht vergessen, dass die chinesische Regierung einen direkten Einfluss auf die Notenbank ausübt. Ich nehme an, China wollte mit der Abwertung einfach die Reaktionen ausloten und zeigen, dass es unterschiedlich auf Zollmassnahmen reagieren kann.

Sie sagten, auch Trump könnte versucht sein, einen tieferen Dollarkurs zu erzwingen.

Das ist eines seiner Ziele. Die Zinssenkung der US-Notenbank Ende Juli hat ihm da schon geholfen. Trump will auch auf der Währungsseite alle Möglichkeiten nutzen, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft zu unterstützen. Das hat er schon mit der Steuerreform gemacht. Man muss die Massnahmen der Trump-Administration in ihrer Gesamtheit sehen. Die Handelspolitik, die Währungspolitik und die Steuerpolitik, alles soll dem gleichen Ziel dienen: ein Abbau des Handelsdefizits und mehr Investitionen in den USA.

Folgt die US-Notenbank Trumps Anweisungen?

Sicher nicht direkt. Aber sie kann oder will die Konsequenzen der Handelspolitik auf das Wirtschaftswachstum ja offensichtlich nicht ausblenden.

Im September will sich Trump mit den früher angedrohten Zöllen auf europäische Automobilimporte befassen. Was wird er tun?

Für eine strengere handelspolitische Gangart gegenüber Europa hat Trump keine sehr breite Unterstützung im Kongress. Dies im Unterschied zur China-Politik. Viele Abgeordnete sehen die Europäer als Alliierte und kaufen Trump das Argument der nationalen Sicherheit, mit dem die Autozölle gerechtfertigt werden würden, nicht ab. Ich glaube deshalb nicht, dass Trump eine neue Front gegen die EU eröffnet.

Wie beurteilen Sie die Situation der Schweiz?

Handelspolitisch versucht die Schweiz, den Courant normal beizubehalten. Das gelingt einigermassen gut. Aber wenn es zu einer Spirale der kompetitiven Abwertung führender Währungen kommt, dann ist unser Land zusätzlichen Risiken ausgesetzt. Die Aufwertung des Frankens ist ja bereits im Gang. Ich befürchte, dass ein Währungskrieg für die Schweiz noch grössere Auswirkungen haben könnte als der jetzige Wettlauf um höhere Zölle zwischen zwei Staaten.

Bei der Welthandelsorganisation WTO in Genf sind zahlreiche Klagen gegen die Handelsbeschränkungen hängig. Darunter auch eine Klage der Schweiz gegen US-Zölle auf Stahl und Aluminium. Was können diese Klagen bewirken?

Es gibt tatsächlich viele Klagen bei der WTO. Aber was aus diesen wird, lässt sich kaum voraussagen. Die Amerikaner haben viele Vorbehalte gegen die WTO-Schiedsverfahren und blockieren seit langem die Neuwahl von Richtern für die WTO-Berufungsinstanz. Wenn bis im Dezember keine Neuwahl erfolgt, ist das Gremium nicht mehr beschlussfähig. Die Schweiz hat sicher ein grosses Interesse daran, dass die Streitbeilegungsverfahren weitergeführt werden können. Die WTO steckt also in einer ziemlich sonderbaren Situation. Einerseits werden aktiv Klagen eingereicht, andererseits liegt die Berufungsinstanz auf der Intensivstation.

Worauf werden wir uns in den nächsten Jahren einstellen müssen?

Das handelspolitische Verhältnis zwischen den USA und China wird nach einer langen Phase der Kooperation schwieriger werden, und wie wir gerade sehen, droht die Gefahr, dass der Konflikt auch auf andere Bereiche wie die Währungspolitik überschwappt. Diese Rivalität wird sich auch mit einer Regierung der Demokraten nicht entschärfen. Zudem besteht die Gefahr einer regionalen Blockbildung. China wird mit seiner Industrie- und Investitionspolitik zunehmend versuchen, seine Einflusssphäre zu erweitern. Dasselbe streben die USA an, wobei die Demokraten enger auf eine Allianz mit Europa pochen würden.

Hat die Schweiz beim Abschluss eines Freihandelsabkommens mit China voreilig gehandelt?

Nein. Die Strategie der Schweiz besteht seit vielen Jahren darin, ein Netz von Freihandelsverträgen mit wichtigen Handelspartnern zu knüpfen. Interessant wird es, wenn der bestehende Vertrag mit China modernisiert wird. Ich könnte mir vorstellen, dass die geostrategischen Interessen Chinas mehr Gewicht erhalten werden. Dann könnte es für die Schweiz und für andere Länder ungemütlicher werden, weil man dann gezwungen würde, politisch mehr Farbe zu bekennen.

Zur Person: Manfred Elsig (49) ist Professor für internationale Beziehungen am World Trade Institute in Bern, in dem er die Forschungsabteilung leitet. Der Walliser studierte in Bern und Bordeaux Politikwissenschaften und dissertierte 2002 in Zürich im Bereich der EU-Handelspolitik.

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