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HANDELSPOLITIK: Chinesischer Botschafter in Bern: «Die Welt braucht China»

Die Schweiz profitiere stark vom Handel mit seinem Land, sagt der chinesische Botschafter in Bern, Geng Wenbing. Vorbehalte gegenüber chinesischen Investoren hält er deshalb oft für unfair.
Isabelle Daniel
Botschafter Geng Wenbing: «China ist das grösste Entwicklungsland der Welt.» (Bild: Boris Bürgisser (Bern, 30. Januar 2018))

Botschafter Geng Wenbing: «China ist das grösste Entwicklungsland der Welt.» (Bild: Boris Bürgisser (Bern, 30. Januar 2018))

Interview: Isabelle Daniel

Geng Wenbing, Präsident Xi Jinping warnte 2017 in Davos vor einem Handelskrieg. Kurz vor dem dies­jährigen WEF erklärte US-Präsident Donald Trump, Strafzölle für die Einfuhr von Waschmaschinen und Solaranlagen zu verhängen. Bewahrheitet sich die Warnung Xis?

Der Vertreter der chinesischen Delegation, Minister Liu He, hat in Davos ein tiefgründiges Gespräch mit US-Finanzminister Steven Mnuchin geführt. Die US-Regierung ist der Meinung, dass der chinesische Handelsüberschuss dem ­US-Markt zum Nachteil gereiche. Dabei ignoriert sie aber, dass der einzelne US-Konsument durch die chinesischen Importprodukte in den USA jährlich 800 Dollar spart. Zudem ist der Gewinn der amerikanischen Investoren in China vermutlich grösser als der chinesische Handelsüberschuss. Wir haben in der näheren Zukunft viele Gesprächstermine mit Vertretern der US-Regierung in Bezug auf den Handel. Hier braucht es einen Kompromiss, und wir sind überzeugt, dass wir eine Lösung finden werden.

Wie wird China auf die angekündigten US-Strafzölle reagieren?

Wir haben unsere eigenen Massnahmen. Aber schauen Sie: Das Handelsvolumen zwischen den USA und China ist das grösste bilaterale Handelsvolumen der Welt. Und ja, China hat gegenüber den USA einen Handelsüberschuss. Das ist seit langer Zeit ein Thema zwischen unseren Ländern. Die Beziehungen zwischen den USA und China der letzten Jahrzehnte sind geprägt von Wachstum und Entwicklung bei Auseinandersetzungen. Tatsache ist: China und die USA können keine Gegner, sondern müssen Partner sein. Aus unserer Sicht ist aber eine ausgeglichene Handelsbilanz keine Voraussetzung für gute Wirtschaftsbeziehungen. Darüber hinaus ist China natürlich bereit, Produkte von guter Qualität aus den USA zu importieren.

Auch China wird vorgeworfen, protektionistisch zu agieren. Einige Schweizer Firmen monieren, dass trotz des Freihandelsabkommens der Marktzugang in China mit hohen Kosten verbunden ist.

Mehr als 800 Schweizer Firmen sind in China als Investoren vertreten. Meines Wissens haben diese Firmen kaum Probleme beim Marktzugang. Ich weiss, dass es einige Firmen gab, deren Kosten in China sich mit den steigenden Kosten für chinesische Arbeitskräfte erhöht haben. Das liegt am gestiegenen Lebensniveau in China.

Was ist mit den Kosten für die Zulassungen auf dem chinesischen Markt?

Die Zulassungen für ausländische Investoren werden bislang nicht von der Zentralregierung in Peking geregelt, sondern von den lokalen Regierungen in den Provinzen. Die chinesische Zentralregierung ist schon lange der Meinung, dass ausländische Investoren dieselben Rechte haben sollten wie inländische.

Vor kurzem war der stellvertretende Leiter der chinesischen Antikorruptionsbehörde, Li Shulei, in Bern zu Gast und hat angekündigt, die Marktzugänge für ausländische Firmen in China verbessern zu wollen. Was ist konkret geplant?

Der chinesische Markt ist zu einem überwiegenden Teil bereits geöffnet. Im Laufe dieses Jahres sollen weitere Sektoren geöffnet werden, zum Beispiel der Finanzbereich. Natürlich gibt es noch immer Sektoren, die für China von strategisch grosser Bedeutung sind und deshalb weiterhin Einschränkungen unterliegen. Das ist in der Schweiz nicht anders, wo es etwa Beschränkungen für Investitionen im Energiebereich gibt. In China beginnt jetzt eine neue Phase der wirtschaftlichen Entwicklung. In den vergangenen 40 Jahren befanden wir uns in einer Phase des Wachstums. Jetzt beginnt eine Phase, in der Qualität eine grössere Rolle einnimmt. Das wird auch dazu führen, dass es manche Branchen in China naturgemäss schwerer haben werden. Wir werden zum Beispiel keinen Müll mehr importieren. Als China noch ein armes Land war, war der Import niederwertiger Produkte nötig. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Ein Vorwurf, der häufig gegen China erhoben wird, ist jener, dass ausländische Investoren in China ihr wertvolles Wissen mit ihren chinesischen Konkurrenten teilen müssen.

Dieser Vorwurf ist falsch. ABB, Novartis und andere Schweizer Firmen haben sogar eigene Forschungszentren in China. Mir sind diesbezüglich noch nie Beschwerden zu Ohren gekommen. Der Schutz des geistigen Eigentums ist auch uns ein grosses Anliegen. Wir Chinesen legen grossen Wert darauf, neue fortgeschrittene Technologien zu lernen und zu entwickeln. Hinzu kommt, dass das Kopieren zu unseren Stärken zählt. Jedoch kämpfen wir vehement gegen den intransparenten Technologietransfer.

Vorbehalte bestehen auch gegenüber chinesischen Investoren, auch, weil die Eigentümerverhältnisse der Firmen oft unklar sind. Oft steht der Verdacht im Raum, dass die chinesische Regierung hinter diesen Investitionen steckt.

Die Regierung unterstützt chinesische Firmen von guter Qualität bei ihren Investitionen im Ausland.

Wie messen Sie die Qualität?

In China sagen wir: Wenn grosse Konzerne gut im Yangtse- oder dem Gelben Fluss schwimmen können, dann können sie auch im Pazifik oder Atlantik schwimmen. Wie und in welchem Stil sie das tun – und das ist mein zweiter Punkt auf Ihre Frage –, ist reine Unternehmenssache.

Es gibt keine staatliche Kontrolle?

Nein. Viele der privaten Investitionen kennt die chinesische Regierung gar nicht. Als ich 2016 Botschafter in der Schweiz wurde, hat das Handelsministerium mir gesagt, dass es im Jahr 2015 rund 550 Millionen US-Dollar chinesische Investitionen in der Schweiz genehmigt hat. Insgesamt lagen die chinesischen Investitionen in der Schweiz von Anfang 2015 bis März 2016 jedoch bei 20 Milliarden US-Dollar. An diesem Verhältnis zwischen privaten und staatlich genehmigten Investitionen wird schon deutlich, dass hinter chinesischen Investitionen im Ausland keine Strategie der Regierung steckt. Was die Investitionen chinesischer Staatsunternehmen in der Schweiz angeht, finde ich die Kritik, die hier immer wieder laut wird, aber auch oft unfair.

Inwiefern?

Nehmen Sie das Beispiel Syngenta: Chem China hat 43 Milliarden US-Dollar investiert. An den Produkten, Mitarbeitern und der Konzernleitung wurde nichts verändert. Trotzdem wurde sehr viel Kritik an der Übernahme geübt. Ich halte das nicht für fair. Dank chinesischer Investitionen hat die Schweiz in den vergangenen Jahren stark profitiert. Demgegenüber hat China selbst nicht viel gewonnen.

Könnte das Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und China als Vorbild für ein ähnliches Freihandelsabkommen mit der EU dienen?

Ich hoffe, ja. China pflegt sehr gute Beziehungen zu jedem einzelnen EU-Mitgliedstaat. Diese bilateralen Beziehungen wollen wir vertiefen, stehen aber auch einem multilateralen Abkommen mit der EU insgesamt offen gegenüber.

Die chinesische Regierung wirbt im Ausland seit einiger Zeit für das erstmals von Xi Jinping 2016 in Genf aufgezeigte Konzept einer «Schicksalsgemeinschaft der Menschheit». Welche Rolle soll China dabei einnehmen?

China ist das grösste Entwicklungsland der Welt. Als Ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat trägt China eine gewisse Verantwortung für die Entwicklung und Sicherheit der gesamten Menschheit. 30 Prozent des globalen Wirtschaftswachstums entfallen auf China. Deshalb hat die Kommunistische Partei an ihrem 19. Parteitag im vergangenen Oktober auch die Interessen der ganzen Menschheit in den Mittelpunkt gerückt. Die Welt braucht China, und China braucht die Welt – sowohl in Bezug auf die Weltwirtschaft als auch auf den Weltfrieden.

Die USA isolieren sich unter Trump zusehends und spielen weltpolitisch bereits jetzt eine geringere Rolle als noch im 20. Jahrhundert. Wirtschaftlich könnte China bald die bedeutendste Weltmacht sein. Wie sieht es politisch und militärisch aus?

Ich sehe nicht, dass wir die USA in absehbarer Zeit als grösste Wirtschaftsmacht ablösen. Darüber hinaus hat Liu He am WEF sehr deutlich gemacht: Wir akzeptieren und unterstützen die aktuelle Weltordnung. China ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen und befindet sich auf dem Weg ins Zentrum der internationalen Bühne, die den Schauplatz der traditionellen Grossmächte darstellt. China will aber weder eine zweite Bühne errichten noch die bestehenden Machtverhältnisse ändern. Es ist komfortabel genug, Nummer zwei zu sein.

Die «Schicksalsgemeinschaft der Menschheit» soll also gar nicht von China angeführt werden?

Zurzeit herrscht in den westlichen Medien die Befürchtung, China strebe die Nummer eins in der Welt an. Doch dafür interessiert sich China nicht. Die Nummer eins zu sein ist sehr mühsam. Zumal eine globale Führungsmacht eine grosse Verantwortung trägt: Wie ein ältester Bruder seinen jüngeren Geschwistern zeigen muss, wer der älteste ist, muss die weltpolitische Führungsmacht den anderen Nationen ein Vorbild sein. Ich versichere ihnen, dass China keine Führungsrolle anstrebt. Aber den Chinesen ist bewusst, dass China die Rolle einer Grossmacht übernehmen soll und dafür einen langen Weg zu gehen hat. Vor der Warnung Napoleons, demgemäss China ein schlafender Löwe sei, den man nicht wecken dürfe, sollte man sich nicht fürchten. China ist zwar ein aufgewachter Löwe, aber ein freundlicher.

Geng Wenbing (60) ist seit Februar 2016 chinesischer Botschafter in der Schweiz. Zuvor war er Generaldirektor des Amtes für Disziplinaraufsicht im chinesischen Aussenministerium.

Bild: Grafik: LZ

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