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HANNOVER: Denkzettel für die VW-Chefs

Zum ersten Mal seit Auffliegen des Diesel­skandals musste sich der VW-Vorstand den Aktionären ­stellen. Die liessen ihrem Unmut freien Lauf.
Christoph Reichmuth, Berlin
VW-Chef Matthias Müller gab sich reuig. An der gestrigen Generalversammlung in Hannover gab es dennoch heftige Kritik von Kleinaktionären. (Bild: EPA/Sebastian Gollnow)

VW-Chef Matthias Müller gab sich reuig. An der gestrigen Generalversammlung in Hannover gab es dennoch heftige Kritik von Kleinaktionären. (Bild: EPA/Sebastian Gollnow)

Christoph Reichmuth, Berlin

Allein der Gang in die Hannover Messehalle war für die neue Führungsriege von Volkswagen gestern kurz vor 10 Uhr unangenehm. Zwei Dutzend Demonstranten hielten ein Transparent in die Höhe, auf dem in grossen Lettern stand: «Keine Entlastung für Umweltverbrecher! Die Verantwortlichen und Profiteure sollen zahlen!» Freilich war das nur ein unschöner Auftakt zu einer bis tief in die Nacht dauernden Aktionärsversammlung, die für die Führungsriege noch viel unangenehmer werden sollte. Es war das erste Aufeinandertreffen zwischen Konzernspitze und den Aktionären seit Auffliegen der Dieselaffäre im September des letzten Jahres.

Pötsch entschuldigt sich

3000 Anleger verfolgten vor Ort, wie der neue VW-Chef Matthias Müller und der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch aus einer Mischung aus Demut und «Jetzt-erst-recht»-Parolen versuchten, das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen. «Ich möchte mich bei ­Ihnen dafür entschuldigen, dass wir Ihr Vertrauen enttäuscht haben. Das bedauern wir zutiefst», sagte Aufsichtsratschef Pötsch gleich zu Beginn seiner Rede.

VW-Chef Matthias Müller versicherte, der Konzern würde die Vergangenheit aufarbeiten. Müller verwies auf die neue VW-Strategie «2025», die erst in der vorigen Woche vorgestellt worden war. Der Wolfsburger Autobauer setzt in Zukunft verstärkt auf umweltschonende Elektrofahrzeuge und saubere Diesel- und Benzinmotoren, wie Müller ankündigte (siehe Ausgabe vom 17. Juni). Ab 2017 sollen auch Benzinmotoren mit einem Partikelfilter ausgestattet werden, damit der Partikelausstoss um bis zu 90 Prozent reduziert werden könne, bis 2022 sollen jährlich 7 Millionen Autos damit ausgestattet werden, verriet Müller gestern exklusiv.

Allerdings vermochten weder die entschuldigenden Worte von Pötsch noch der visionäre Ausblick von Müller den Ärger der Anleger zu besänftigen. Die Aktionäre müssen auf viel Geld verzichten, der Konzern wies in diesem Jahr erstmals einen Milliarden-Verlust aus. Für die Bewältigung der Abgasaffäre hat der Konzern 16 Milliarden Euro zurückgestellt, der Rechtsstreit mit den USA ist nach wie vor nicht gelöst. Der Aktienkurs ist seit September 2015 eingebrochen, für jede Vorzugsaktie sind heuer nur 17 Cent Dividende vorgeschlagen, 30-mal weniger als vor einem Jahr.

«Kollektives Versagen»

Während die Kurse einbrachen, feilschte der VW-Vorstand zum Unverständnis der Anleger um die Höhe der eigenen Boni. «Die Aktie ist ein Trümmerhaufen», und «Diesel ist eine Mogelpackung», schimpfte ein Aktionär und warf der Führungsspitze «kollektives Versagen» vor. Der Vertreter des Pensionsfonds bezeichnete die Vorstandsboni als «nicht zu rechtfertigende Belohnung für Misserfolg». Aufsichtsratschef Pötsch und VW-Vorstand Müller versuchten, die Bonus-Zahlungen zu rechtfertigen. Diese seien gegenüber dem Vorjahr um 57 Prozent zurückgegangen. Beide warben für die Entlastung des Vorstandes, etliche Aktionäre sprachen sich allerdings wegen der noch laufenden Untersuchung über die Hintergründe der Dieselaffäre dagegen aus, dem Vorstand das Vertrauen auszusprechen. «Das ist ein klares Signal an den Aufsichtsrat, dass weitere Veränderungen der Unternehmensführung notwendig sind», sagte etwa der Vertreter des Pensionsfonds.

Kritik an «fliegendem Wechsel»

Anlass zu teils heftiger Kritik gab nicht zuletzt die Rolle des Chefkontrolleurs Hans Dieter Pötsch. Dieser vollzog im letzten Herbst gewissermassen einen fliegenden Wechsel vom Posten als VW-Finanzvorstand zum Aufsichtsratsvorsitzenden. Delikat ist das nicht zuletzt deshalb, da nach wie vor unklar ist, wer wie viel und ab wann davon Kenntnis hatte, dass bei Dieselmotoren mit einer Software geschummelt wurde, um die Emissionswerte zu senken. Zudem hat diese Woche die Staatsanwaltschaft Braunschweig ein Ermittlungsverfahren wegen möglicher Marktmanipulation gegen Ex-VW-Boss Martin Winterkorn und den nach wie vor amtierenden VW-Markenchef Herbert Diess eingeleitet. Die beiden stehen im Verdacht, die Finanzwelt zum Schaden der Anleger zu spät über den Dieselskandal informiert zu haben.

Zwei Anträge, Pötsch die Versammlungsleitung zu entziehen, scheiterten deutlich. Sowohl die VW-Chefjuristin Christine Hohmann-Dennhardt («Wir sind unverändert der Überzeugung, die kapitalmarktrechtlichen Pflichten erfüllt zu haben») als auch Pötsch selbst wiesen die Vorwürfe zurück und stellten sich demonstrativ hinter die ins Visier der Justiz geratenen Winterkorn und Diess. Bei der Abstimmung über die Entlastung des Vorstandes gab es einen Denkzettel. Die erzürnten Kleinaktionäre konnten sich mit ihren Anträgen Gehör verschaffen, mehr allerdings nicht. 89 Prozent der Stimmrechte werden von den VW-Gründerfamilien Porsche und Piëch, dem Land Niedersachsen und von Katar gehalten.

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