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Betrugsfall ASE: Hauptschuldiger verlangt Halbierung seines Urteils

Der eine fordert eine massiv tiefere Strafe, der andere will von seiner Schuld erst gar nichts wissen. Die Rede ist von Martin Schlegel und Simon Müller, den beiden Hauptangeklagten im Betrugsfall ASE.
Andreas Möckli
Die Angeklagten Martin Schlegel (rechts) und Simon Müller stehen nun vor dem Aargauer Obergericht. (Bild: Sandra Ardizzone)

Die Angeklagten Martin Schlegel (rechts) und Simon Müller stehen nun vor dem Aargauer Obergericht. (Bild: Sandra Ardizzone)

Sie stehen seit Mittwoch vor dem Aargauer Obergericht. Schlegel ist an sich geständig und gibt zu, mit einem Schneeballsystem rund 2000 Kunden um 170 Millionen Franken betrogen zu haben. Jedoch ist er nicht mit allen Punkten des erstinstanzlichen Urteils des Bezirksgerichts Laufenburg einverstanden.

In drei von sieben Punkten verlangt Schlegel vom Obergericht einen Freispruch. Dazu zählt etwa der Vorwurf des gewerbsmässigen Betrugs und der mehrfachen Falschbeurkundung. Hinzu soll die aus Sicht seines Anwalts «drakonische» Freiheitsstrafe von neun auf vier Jahren gesenkt werden.

Das Strafmass müsse nicht nur angepasst, sondern gänzlich neu beurteilt werden. Verteidiger Gianandrea Prader verwies auf die einmalige Kooperation Schlegels. Ohne seine Hilfe, all die Geldflüsse zu entwirren, wäre eine lückenlose Aufarbeitung des Falls wohl nicht möglich gewesen. Staatsanwaltschaft Karl Knopf und sein Team hätten sich in ihrer Anklageschrift in wesentlichen Teilen auf die Aussagen Schlegels gestützt.

BKB habe tatenlos zugeschaut

Sein Mandant habe zwar unbestritten von der ASE profitiert, indem er zwischen rund 9 Millionen Franken verdient habe, sagte Prader. Allerdings habe Schlegel rund 6 Millionen Franken über verschiedene Wege wieder an Kunden zurückgeführt. Das Bezirksgericht habe dies ohne nähere Begründung bestritten und beim Strafmass nicht berücksichtigt.

Prader ging auch auf die Rolle der Basler Kantonalbank (BKB) ein, die als Depotbank der ASE fungierte. Die Bank habe jahrelang tatenlos zugeschaut, obwohl ihr verschiedene Alarmzeichen vorgelegen seien. «Die BKB hat es Schlegel sträflich leicht gemacht und ihn sehenden Auges schalten und walten lassen.» Schliesslich habe die Bank mit der ASE rund 20 Millionen Franken verdient.

Natürlich entbinde das «komplette Versagen» der BKB Schlegel nicht von seinem Verschulden. Doch hätte die Bank das Geschäftsmodell der ASE schon viel früher hinterfragt und zur Anklage gebracht, wäre der Schaden viel tiefer ausgefallen, ist Prader überzeugt. Obwohl das Bezirksgericht die Verfehlungen der BKB deutlich ansprach, seien sie beim Strafmass mit keinem Wort erwähnt worden.

Jobs als Hilfsbauarbeiter

Seit vergangenem April ist Schlegel auf freiem Fuss. Er sass sechs Jahre im Gefängnis. Die Isolation in der anfänglichen Untersuchungshaft habe Schlegel psychisch und physisch stark belastet. Er sei bis heute traumatisiert, kämpfe mit Schlaf- und Konzentrationsstörungen und befinde sich mittlerweile in psychiatrischer Behandlung.

Schlegel, der bei seinen Eltern wohnt, hat nun einen Job als ungelernter Hilfsarbeiter bei einer Baufirma gefunden. Das 60-Prozent-Pensum bringt ihm pro Monat netto 2200 Franken ein. Der Arbeitsvertrag gilt nur so lange, als das Schlegel nicht wieder ins Gefängnis muss.

Das könnte ihm drohen, falls das Obergericht auf einen Berufungsantrag von Privatklägern eingeht. Diese fordern eine Verurteilung Schlegels bezüglich Geldwäscherei. Konkret geht es um alternative Anlagen, die Schlegel getätigt hat. Er versuchte damit erfolglos die Verluste, die er im Devisenhandel eingefahren hat, wieder auszugleichen. Sein Anwalt warnte vor einer zusätzlichen Strafe. Schlegel stünde in diesem Fall vor dem absoluten Nichts und müsste nach der Haft aufs Sozialamt.

Keinerlei Schuld ist sich Simon Müller bewusst. Er war der zweite Mann bei der ASE und amtete als Verwaltungsratspräsident. Das Bezirksgericht verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren. Ihm wird unter anderem ungetreue Geschäftsbesorgung und Misswirtschaft vorgeworfen. Müller fordert einen vollumfänglichen Freispruch.

Das Bezirksgericht dagegen argumentierte, Müller hätte aufgrund mehrerer Warnsignale aktiv werden müssen. So schrieb etwa die Zeitschrift «K-Geld» zwei kritische Artikel über die ASE. Das Bezirksgericht habe offenbar vergessen, wie überzeugend Schlegel gewesen sei, sagte Müllers Anwalt. Schlegel habe es geschafft, die ganze BKB zu überzeugen, dass insbesondere an den Vorwürfen des zweiten Artikels von «K-Geld» nichts dran gewesen sei.

«Ohnehin war Müller überzeugt, mit der BKB einen professionellen Partner zu haben, der ein Schneeballsystem nie zulassen würde», sagte der Anwalt- Sein Mandant habe durchaus Fragen an Schlegel gestellt und bei der BKB Auskünfte eingeholt. Doch bis diese auf dem Tisch von Müller landeten, seien diese bereits verfälscht gewesen.

Die Bank habe sogar Müller selbst verheimlicht, wie viel Geld sich auf welchen seiner Konten befunden habe. Schliesslich habe Müller und sein engstes Umfeld sowohl vor als auch nach den Vorwürfen durch «K-Geld» bei der ASE investiert. «Das hätte er sicher nicht gemacht, wenn er die Artikel und andere Vorkommnisse als Warnsignale wahrgenommen hätte», sagte sein Anwalt.

Auch Müllers Anwalt machte auf das harte Los seines Mandanten aufmerksam. Freunde und Verwandte hätten sich von ihm abgewandt. Auch Müller leidet unter Schlafstörungen und Depressionen. Er sei von den Medien schon früh vorverurteilt worden. Seither lebe er unter ständiger Beobachtung. An seinem Arbeits- und Wohnort werde auf dem Finger auf ihn gezeigt.

Am Donnerstag geht der Prozess vor Obergericht weiter. Ob Müller und Schlegel bereits dann oder erst am Freitag persönlich Stellung nehmen werden, liess das Gericht am Mittwoch offen.

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