az-Serie Teil 4
Hausierer der Banken an den Hintertüren der Politik

Neue Hintertüren, an denen mit der Aufsichtsbehörde (Finma) gefeilscht werden kann, dürfen nicht geöffnet werden. Das logisch aufgebaute Modell der Expertengruppe falle dann auseinander, schrebit unser Autor.

Urs Birchler*
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Urs Birchler

Urs Birchler

Meine Mutter wuchs in einem Aargauer Bauern-haus auf. Viel Geld war nicht vorhanden; Hausierer, die damals nicht selten vor der Tür standen, wurden in der Regel weggewiesen. Einer unter ihnen klopfte jedoch jeweils postwendend an der Hintertür an, in der Hoffnung, unter vier Augen doch noch ein Geschäftchen abzuschliessen. Und gelegentlich gab Mutter in ihrer Herzensgüte eben nach.

Das Geschäftsmodell ist in der Politik noch heute im Gebrauch – mit Erfolg. Interessengruppen werden am Haupteingang – in Anwesenheit der ganzen Familie sozusagen – oft harsch bedient. Am Hintereingang, im kleinen Kreis, holen sie dann aber doch die eine oder andere Konzession heraus.

Dieser Hintertüreffekt ist auch mitschuldig am Problem der hohen Manager-Boni. Am Anfang steht die schwer von der Hand zu weisende Idee, dass eine Unternehmung ihren Aktionären gehört. Die Geschäftsleitung soll deshalb den Wert der Unternehmung pflegen. Dieses Konzept des Shareholder-Value legt nahe, die Manager für Wertsteigerungen zu entlöhnen. An der Hintertür, wo die Details ausgehandelt werden, gelang es den Managern jedoch, Systeme durchzusetzen, welche die Boni unabhängig von der Wertsteigerung für die Aktionäre sprudeln lassen.

Das Ganze beruht auf einem «Bubentrick»: Statt der absoluten Wertsteigerung wird die prozentuale verwendet, die so genannte Eigenmittelrendite. Diese steigt auch, wenn statt Wert geschaffen, die Eigenmittel reduziert werden.

Besonders gut funktioniert der Trick bei grossen Banken, die im Notfall von der faktischen Staatsgarantie profitieren. Ihnen vertraut man auch dann noch Geld an, wenn die Eigenmittel noch 2 Prozent der Bilanz ausmachen, wenn mit anderen Worten jeder Franken gleichzeitig fünfzigmal ausgeliehen ist. Dies steigert die Eigenmittelrendite, aber macht die Aktionäre letztlich arm.

Die Expertengruppe des Bundes hat konzeptionell überzeugende Vorschläge präsentiert, wie das Problem der faktischen Staatsgarantie für Grossbanken gelöst werden kann. Das Hauptrezept besteht darin, dass die Banken mehr haftende Substanz haben müssen, in erster Linie echtes Kapital und in zweiter Linie Schulden, die im Notfall automatisch zu Eigenmitteln werden. Dies ist ein guter Ansatz, vielleicht sogar der Einzige, der ohne Zerschlagung oder Verstaatlichung der Banken auskommt.

Was aber prognostiziert unser Hausierermodell? Es sagt: An der Vordertür, unter den Augen der ganzen Familie bzw. im Lichte von Presse und Öffentlichkeit, wird im Sinne der Mehrheit entschieden. Diese hat wohl genug von der unfreiwilligen Staatsgarantie für Banken. Entsprechend sind die vorgeschlagenen Eigenmittelanforderungen hoch. Der Bericht spricht von 19 Prozent. Doch Prozent wovon? Antwort: Von den risikogewichteten Anlagen der Banken. Wie hoch diese Risikogewichte sind, wird an der Hintertür ausgemacht, konkret: in den abgeriegelten und schallgedämpften Räumen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel. Das Feilschen um die Risikogewichte dauert schon ein Jahrzehnt.

Deshalb braucht es eine zweite, robustere Sicherung ohne Risikogewichtung. Das heisst, haftende Substanz der Banken muss auch in Prozenten der Bilanzsumme gemessen komfortabel sein. Die Expertengruppe hat es versäumt, die Verschuldungsgrenze (Leverage Ratio) in ihr Konzept einzubeziehen. Dies wäre aber einfach nachzubessern.

Leider gibt es noch andere Hintertüren. Der Expertenbericht offeriert den Banken einen Rabatt, wenn sie Pläne vorweisen, mit denen sie im Krisenfall leicht zerlegt werden können. Ob diese «Testamente» im Ernstfall funktionieren, ist höchst ungewiss; der brave Bürger muss einfach daran glauben. Keine Bank wird man aber an dieser Hintertür abweisen und ihr den Rabatt auf Dauer verweigern können. Das Parlament tut gut daran, diese Hintertür gleich zu vernageln.

Neue Hintertüren, an denen mit der Aufsichtsbehörde (Finma) gefeilscht werden kann, dürfen nicht geöffnet werden. Das logisch aufgebaute Modell der Expertengruppe fällt nämlich auseinander, wenn Einzelteile verbogen werden und dann nicht mehr ineinander greifen. Also Vorsicht! Das Parlament kann nämlich, anders als der einzelne Bürger, von Haustürgeschäften nicht innert sieben Tagen zurücktreten.